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Johann Grieser (1913 - 1992) – der Mann, der als erster versuchte, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und die Welt nach Ende des II. Weltkriegs auf das Schicksal seiner Landsleute, der Donauschwaben in Jugoslawien, aufmerksam zu machen. Er wurde vor hundert Jahren geboren.

Johann Grieser wurde am 17. Juni 1913 in Kolut in der Batschka, einem Teilgebiet der Provinz Vojvodina im heutigen Serbien, als Sohn einer Bauernfamilie geboren. Die Priesterweihe empfing er am 29. Juni 1937 in Subotica. Nach seiner Kaplanzeit war er an der Privaten Deutschen Lehrerbildungsanstalt in Werbaß, Batschka, als Religionsprofessor tätig und bei seinen Schülern und Studenten als aus­gezeichneter Pädagoge geschätzt und beliebt. Durch sein vorzügliches Rednertalent konnte er seinen Unterricht spannend und interessant gestalten und viele seiner Schüler begeistern.

Als 1941 im Zuge des Krieges des Dreimächtepaktes gegen Jugoslawien und dessen Aufteilung die Batschka an Ungarn fiel, wurde Grieser, weil er „deutsch dachte“, wie er selber schreibt, von seinen „magyarisch denkenden“ und fühlenden kirchlichen Vorgesetzten nach Palanka „strafversetzt“. Er war wieder Religionslehrer, es wurde ihm aber auch die Seelsorge in Alt-Palanka übertragen, das nur knapp 800 Katholiken, Deutsche und Ungarn, dafür aber 4800 Serben zählte. Da die Ungarn nach Batsch-Palanka zum katholischen Gottesdienst gingen, konnte er in Alt-Palanka seinen Gottesdienst in Deutsch halten. Er vergrößerte mit Hilfe der Pfarrangehörigen die St. Antonius-Kirche. Stets waren seine Gottesdienste über­füllt, denn seine Predigten „zogen", wie er es in seinem 1958 erschienenen Beitrag im Buch „Erinnerungen an Palanka" (Hrsg. A.K. Gauß) schildert. Nur selten waren weniger als 1000 Gläubige in seinen Gottes­diensten anwesend. Er wurde auch von verschiedenen Seiten bespitzelt, angezeigt und als „Pangermane" oder als der „Kulturbundpfarrer“ dif­famiert. Sein deutsches Volksbewusstsein verhehlte er nie, vielmehr bekannte er dies ganz offen. Nach dem Sonntagsgottesdienst „stürmten“ 60-80 Jugendliche aus allen Ständen und Kreisen sein Pfarrhaus: aus dem Kulturbund, dem Bauernbund, dem Gesellenverein und der Studentengruppe. Diese geselligen Begegnungen nannte Grieser später seine „schönsten Seelsorgererlebnisse“. Seine Wirkungsstätte Alt-Palanka gehörte zu Batsch-Palanka und Neu-Palan­ka. Palanka war damals eine der schönsten und reichsten gemischtsprachigen Gemeinden der Batschka. Hier fand man gut geführ­te Geschäfte, ein angesehenes Hand­werk, erfolgreiche Industriebetriebe und ein kultiviertes donauschwä­bisches Bauerntum. Grieser war jedoch nicht nur ein hervorragender Predi­ger und Pädagoge, sondern auch ein guter Organisator. Er übernahm von seinem Vorgänger Kaplan Merkl den Frauenbund „Caritas Socialis“, der es sich zur Aufgabe machte, die Not der Armen und Kran­ken zu lindern und ihnen durch tätige Nächstenliebe zu helfen. Sie versorgten alle Armen. Das gelebte Christentum und der lebendige Glau­be waren stets seine Grundanliegen. Er hielt Exerzitienkurse in Werbaß, Neusatz und Sentiwan. Die einheimischen rund 5600 Serben von Alt-Palanka mochten ihn, nicht zuletzt auch deswegen, weil er in der vierjährigen ungarischen Besatzungszeit Anhänger ihres Fußballklubs geblieben war. Für sie war er „unser Mann“. Er hielt gute Kontakte zu ihrem Klerus.

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Um den 20. Oktober 1944 besetzten die Rote Armee und die Tito-Partisanen Palanka. Die Freundschaft mit den Serben von Alt-Palanka bewahrte ihn vor den Massakern im Akazienwald, dem 15-18jährige Jungen und zwischen 80 bis 100 schwäbische Männer sowie sein Kollege, der Priester und Religionslehrer Karl Unterreiner (1897-1944) zum Opfer fielen. Die Palankaer Donauschwaben wurden am 29. November 1944 aus ihren Häusern gejagt, in Arbeitslager gebracht oder, so Kinder, Alte und Kranke, in das Vernichtungslager Jarek in Marsch gesetzt.  

Grieser wurde Mitte Dezember 1944 von einem Partisanenkommando festgenommen, das einer seiner lokalen serbischen Freunde führte. Dieser fragte, ob er noch einen Wunsch hätte. Grieser: „Ich bat, er möge mich noch mal in meine Kirche führen. Dort nahm ich das Allerheiligste zu mir und als ich die Ewige Lampe auslöschen wollte, sagte, er: ‚Mach das nicht! Lass das Licht brennen, bis es von selbst verlöscht, zum Zeichen, dass Gott auch da einmal gewohnt hat!’ Auch ihm standen die Tränen in den Augen’ ….“

Grieser kam in das Zentrale Zivillager von Neusatz/Novi Sad, das ständig mit etwa 2000 Donauschwaben aus der Südbatschka belegt war. Im Frühjahr 1946 gelang ihm die Flucht nach Ungarn, wo er den Erzbischof von Kalotscha, Josef Grösz, vom Schicksal der Donauschwaben Jugoslawiens in Kenntnis setzte. Er merkte, dass man über das Schicksal der Donauschwaben Jugoslawiens wenig wusste und fasste spontan den Entschluss, nach Rom zu gehen und dem Papst von Leidensweg seiner Landsleute in Jugoslawien zu berichten. Kardinal Josef Mindszenty empfing ihn in Budapest und bestärkte ihn ebenfalls in seinem Entschluss. Grieser schlug sich auf abenteuerlichem Weg nach Rom durch. In Rom wurden seine Berichte von Mitgliedern des Ordens der Salvatorianer in sechs Sprachen übersetzt und von Radio Vatikan in alle Welt gesendet. Der Privatsekretär des Papstes, P. Robert Leiber SJ, veranlasste ihn, einen Bericht von 20 Maschinenschreibseiten speziell für Papst Pius XII. zu verfassen. Er wurde vom Papst am 17.12.1946 in Privataudienz empfangen und eingehend befragt. Schon am nächsten Tag nahm der Papst mit den in Rom akkreditierten Gesandten der USA, Englands und Frankreichs Verbindung auf, die von Grieser weitere Unterlagen anforderten. Grieser in seinem Erinnerungsbericht: "Nicht ich, sondern durch mich war mein ganzes Volk beim Papst und bat um Hilfe! Die Not unseres heimgesuchten Volkes kam durch den Papst der ganzen Welt zu Ohren!"

Nach Österreich zurückgekehrt, wirkte er dann in Tirol als Lagerseelsorger und Volksmissio­nar in den Lagern in Linz, Haid, Stadl Paura, Schwanenstadt und Mondsee. Hier half er seinen heimatvertriebe­nen Landsleuten, und es gelang ihm, Hoffnung und Zuversicht in das Dun­kel der notvollen Nachkriegszeit zu bringen. Er führte Einkehr- und Besin­nungstage in ganz Tirol durch. Grieser wurde 1956 zum Bischöflichen Beauf­tragten für die Flüchtlingsseelsorge in Tirol er­nannt. Sein Dienstsitz befand sich im Lager für Volksdeutsche in Haiming/Tirol. Außerdem war er ab 1956 un­garischer Flüchtlingsseelsorger, nachdem durch den Volksaufstand der Ungarn gegen die kommunistische Herrschaft viele ungarische Flüchtlinge im Lande waren.

Nach Auflösung der letzten volksdeutschen Lager in Österreich Anfang der 1960er Jahre wirkte er vor allem auf sozial-carita­tivem Gebiet und unterstützte seine Mitbrüder und mehrere Bischöfe in Jugoslawien durch Hilfssendungen und Messstipendien. Ab 1962 war er wieder als Religionsprofessor am Real­gymnasium der Ursulinen in Innsbruck tätig. Griesers Wirken fand 1969 mit der Ernennung zum Monsignore und 1979 zum Ehrendomherrn von Eszter­gom eine würdige Anerkennung. 1984 erfolgte die Berufung zum Titularabt durch den Erzbischof von Kalocsa, Dr. Jözsef Ijjas. Vom Heiligen Vater wurde Grieser 1985 zum Apostolischen Pro­tonotar ernannt. Der Geistliche war 1981 Festprediger bei der Gelöbnis-wallfahrt der Donauschwaben in Mary Lake in Kanada.

Vor allem aber Johann Grieser war mit Pater Wende­lin Gruber einer der  Zelebranten, der 1959 am Gründungsgottesdienst der Donauschwaben-Gelöbnis-Wallfahrt nach Altöt­ting teilnahm. Danach fungierte er mehrfach bei den jährlichen Gelöbniswall­fahrten der Donauschwaben in Altöt­ting als Hauptzelebrant.

 Er trat 1973 in den Ruhestand und lebte zunächst im Stift Stams bei den Benediktinern. Kurze Zeit wirkte er als Pfarrprovisor in Rietz. Dann machte sich die Last der Jahre jedoch bemerkbar. Mehrere Jah­re hindurch verbrachte er im Betag­tenheim in Imst, wo er die Bewohner des Heimes seelsorgerisch betreute. Grieser lebte in den letzten Jahren im Annaheim in Hall/Tirol. Dort wurde er von Schwestern pflegerisch betreut. Hier verstarb er am 21. November 1992. Beim Begräb­nis auf dem städtischen Friedhof in Hall waren viele Landsleute aus seiner Heimatgemeinde Kolut anwesend, ebenso auch viele aus Pa­lanka.

Er sollte als ein Mann und Seelsorger in Erinnerung bleiben, dem es, getrieben von seiner Liebe zu seinem Donauschwaben und zu seiner Heimat, als erstem mit Tatkraft, Klugheit und Mut gelang, die Welt auf den Leidensweg seiner Landsleute in Jugoslawien, der den Charakter eines Völkermords annahm, aufmerksam zu machen.