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"Traumata" oder "Die verlorene Identität"

Was macht politisch organisierter Massenmord (Krieg) mit den Überlebenden?

Von Rosa Speidel

Aus Datenschutzgründen Namen geändert und Lebensbilder chiffriert

Vorwort

Wer traut sich schon, offen über seine seelischen Wunden zu sprechen oder gar zu schreiben. Zu groß ist die Scham, zu eng der Tellerrand der Gesellschaft. Traumatisierte Menschen haben ein labiles Selbstbewusstsein, und sie fühlen sich ein Leben lang schuldig.

Relativ neu ist die Erkenntnis, dass sich Traumata über Generationen hinweg übertragen können. Legt man diese Beurteilung zugrunde, sind die Traumata der Nachfahren vergewaltigter Mütter und gefolterter Väter treffender zuzuordnen, ebenso das vermeintliche Fehlverhalten vielen Kinder und Jugendlichen der Nachfolgegenerationen.

Kaum jemand kann sich heute vorstellen, welche nachhaltigen Einwirkungen Folter, Vergewaltigung und Gefangenschaft auf die Psyche eines Menschen haben können. Daher ist von der Gesellschaft auch wenig Verständnis zu erwarten, im Gegenteil: die Öffentlichkeit (ver)urteilt schnell. Seelisch Verwundete gelten (leider) immer noch als nicht gesellschaftsfähig. Die Gründe dafür sind vielfältig. Meist ist es die Unsicherheit im Umgang mit Menschen, die der kollektiven Norm scheinbar nicht entsprechen, aber auch das Dogma selbst auferlegter Ehrenhaftigkeit lässt wenig Spielraum für Toleranzen. Wer keine Massaker, keine Brutalität miterlebt hat, ist oft davon überzeugt, in ähnlicher Situation mutiger oder schlauer zu handeln. Damit schiebt er dem Opfer zwangsläufig die Schuld zu. Nicht selten geht die Öffentlichkeit mit den Opfern härter ins Gericht als mit den Tätern. Zumal die Täter, z.B. bei politisch organisiertem Massenmord, national und international angesehene Persönlichkeiten oder Gruppen sein können, die mancherorts als Helden verehrt werden und als verdiente Staatsmänner in Geschichtsbüchern stehen. Bezeichnend hierfür sind die Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien, deren Auswüchse auch heute noch in vielen Köpfen wuchern.

Obwohl sich Opfer meist irgendwie schuldig fühlen, sind sie eher bereit, über das Erlebte und die damit verbundenen Seelenqualen, vor allem die stets präsenten Ängste, zu sprechen. Täter hingegen stellen ihr Verhalten selten in Frage.

Da Traumata kein absolutes Tabu mehr sind, werden zunehmend mehr verdeckte grausame Delikte angeprangert. Man wagt es mittlerweile auch, vertuschte Staatsverbrechen und folgenschwere Fehlverhalten (asoziale Diplomatie) honoriger Volksvertreter offen zur Diskussion zu stellen.

Das Leid der Ohnmächtigen

Ein Trauma entsteht, wenn das Opfer hilflos einer quälenden Übermacht ausgeliefert ist. Diese Übermacht können sowohl Naturkatastrophen als auch Menschen sein. Die Bedrohung für Leib und Leben ruft Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und damit Kontrollverlust hervor. Wenn das Opfer unerwartet angegriffen, in die Enge gedrängt oder bis zum Zusammenbruch gequält wird, ist auch eine psychische Schädigung unausweichlich. Ebenso bei seelischen Foltern, wie extremer Gewaltanwendung zusehen oder den grausamen Tod anderer mit ansehen müssen. Das Erlebte löst Ratlosigkeit und Daseinsangst aus. Wenn weder Widerstand noch Flucht möglich sind, ist der Selbstschutz des Menschen überfordert und bricht zusammen. Diese Erfahrungen bewirken tiefgreifende und langwierige Veränderungen der Gefühle und der Wahrnehmung. Entweder das Erinnerungsvermögen blendet aus oder aber, es erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts. Der komplizierte psychische Abwehrmechanismus ist gestört. Die Identität zerfällt.

Die traumatisierte Erinnerung besteht häufig aus Einzelbildern. Entsprechend abgehackt taucht sie auf. Die Urangst raubt jedes Fundament. Das Opfer spürt die gleiche Angst wie damals. Manchmal bedarf es nur eines bestimmten Wortes, einer Geste, einer Stimmlage, eines Geruches, einer Situation, und schon ist das Trauma gegenwärtig. Das Opfer reagiert unbewusst und ungewollt. Diese Reaktionen werden vom Umfeld völlig missverstanden, und das Opfer fühlt sich erneut in die Enge getrieben, verspürt Schuldgefühle und Scham. Der Drang, sich zu verbergen, nicht wahrgenommen zu werden, jemand anderer sein zu wollen, oder aber gar nicht mehr da zu sein, ist ebenso groß wie die Wut gegenüber jedermann und sich selbst.

Es spielt keine Rolle, ob die Gewalt sexueller, physischer oder psychischer Art ist. Die Seele macht da keinen Unterschied. Der Schmerz wird zum Schock, und dieser nimmt den ganzen Menschen ein, der Vergewaltigte wird dadurch schmerzunempfindlich. Gut, wird der Unbeteiligte denken, dann spürt er ja nichts mehr. Er spürt aber auch sich selbst nicht mehr, und das ist das Fatale. Denn das Opfer muss sich immer wieder daran erinnern, um zu glauben, dass es vorbei ist. Es muss dem Trauma eine Handlung zuordnen, einen Zusammenhang mit den Geschehnissen drum herum, um dadurch eine Beziehung zu anderen Menschen und zur Gesellschaft aufbauen zu können.

Nach dem Krieg war die Gesellschaft aber alles andere als gefestigt. Jeder, der überlebt hatte, kämpfte weiter ums Überleben. Für Seelennöte gab es keinen Platz. Also schämten sich die Opfer latent weiter, und wenn das Verdrängen nicht mehr zu ertragen war, flüchteten sie in eine Welt der Phantasie, blieben dort so lange bis sie glaubten, es sei vorbei. Manche kamen nicht wieder zurück, und die nannte man Verrückte oder Taugenichtse. Man distanzierte sich von Ihnen, hatte Mitleid. Aber Mitgefühlt? nein, Mitgefühl gab es nach dem Krieg nicht, weder das Wort noch das Gefühl, denn fast alle hatten mit individueller Ambivalenz zu kämpfen.

Kinder vergessen nicht

Was passiert: wenn ein Kind mit ansehen muss, wie Menschen zusammengeschlagen werden, wenn es zuschaut, wie halb nackte Skelette Blut überströmt ein Loch graben und dann von Uniformierten in dieses Loch hineingeschossen werden, wenn die Erinnerung vor Dreck und Ungeziefer strotzt, wenn es nachts mit der Großmutter an den Wachen vorbeischleichen muss, um bei umliegenden Bauern nach Brot zu betteln, wenn Hunde auf Großmutter und Kind gehetzt werden?

Im Leben dieses Kindes bellt die Hundehorde weiter. Die Läuse, Wanzen und Flöhe, der Dreck, die Exkremente in den Behausungen, der Gestank faulender Körper in den Scheunen, die Schreie der Gepeinigten, die Schreie der Peiniger und dazwischen immer wieder Schüsse, Qual, Demütigung, Schläge, Wut und Aggression, die das eigene Schuldgefühl überdecken: all das wird es nie mehr los.

 

„Nachts kamen die Lagerwachen. Wir hörten sie schon, bevor sie zum Tor hereinstürmten. Betrunken, grölend, traten sie mit den Stiefeln gegen unsere Tür und hielten uns die Gewehre vor die Nase. Ich sehe noch heute den Gewehrlauf vor meinem Gesicht, in meinen Träumen wird er zum riesigen Loch, das mich aufsaugt, oder zur hämischen Fratze, die meinen Untergang signalisiert.

Ich höre noch heute die entsetzlichen Schreie jener Frauen, die von den besoffenen Bestien mitgezerrt wurden: Nein, nein, nein! schrien sie, Hilfe, so helft mir doch!

Auch ich schrie mit diesen Frauen wie am Spieß. Meine Großmutter presste mir ihre Hand auf Mund und Nase, bis ich fast erstickte. Ich zitterte am ganzen Körper, auch wenn es nicht kalt war. Ich zitterte noch Jahre danach. Der Gestank nach Dreck, Urin und Schnaps, den diese Männer ohne Gesicht ausdünsteten, rieche ich immer dann, wenn ich betrunkene Männer grölen höre. Ich höre noch heute die Stiefeltritte, und manchmal warte ich darauf, dass es am Tor kracht. Ich weiß genau, wie sich das anhört, wie die Angst sich anfühlt. Ich weiß aber auch, dass niemand mehr unsere Haustüre eintreten wird. Merkwürdigerweise habe ich im Freien oder im Wald selbst bei tiefster Dunkelheit keine Angst. Ich liebe dieses barrierefreie Unsichtbare.“ 

Traumatisierte Menschen erleben die traumatischen Momente nicht nur in Gedanken und Träumen immer wieder, sondern auch in ihren Handlungen. Traumatisierte Kinder spielen anders als normale Kinder, sie spielen das, was sie erlebt haben. Wenn ein Kind mit ansehen musste, wie seine Mutter geschlagen und vergewaltigt wurde, wenn diese Mutter vor Angst schrie: das sind die Momente, die dieses Kind nie vergessen wird. Es wird die Schläge, die Schreie abermals hören und es wird die fremden Männer als lebensbedrohliche Monster wahrnehmen, gegen die es sich nicht wehren kann. Es weiß ganz genau, wie sie brüllen, wie sie stinken und wie sie zuschlagen.

 

 „Ich hatte im ersten Schuljahr in Jugoslawien einen einzigen deutschen Klassenkameraden. Auch er überlebte Gakovo mit seiner Großmutter. Dieser Junge redete fast nie, und wenn, dann stotterte er so sehr, dass ihn kaum jemand verstand (der Junge musste in Gakovo mit ansehen, wie seine Mutter mehrfach vergewaltigt wurde, die Mutter überlebte nicht).

Da auch mir damals das Sprechen aus dem Kopf geschlagen worden war, spielten wir an schulfreien Nachmittagen im Hanflager der Fabrik stundenlang schweigend „Blut saugen“ oder „Kopf an die Wand“, was heißen soll: sich selbst das Blut aus dem Oberarm saugen oder sich verletzen und das Blut aus der Wunde lutschen - oder aber, mit dem Oberkörper vor einer Wand schaukelnd, den Hinterkopf gegen die Wand hauen, bis der Schmerz nicht mehr zu ertragen war.

Wenn ich diese Bilder auferstehen lasse, vibriert die Wand in mir, ich spüre aber keinen Schmerz dabei. Nur wenn ich die beiden einsamen Kinder betrachte, tut’s unbeschreiblich weh.

Los spuckt sie an, sie ist eine Schwabiza, spuckt sie an! Ich weiß ganz genau, wie sich fremde Spucke im eigenen Gesicht anfühlt, und Fußtritte im Bauch, wenn man auf dem Boden liegt. Es war 1950, ich ging in die zweite Klasse. In der Pause wurde ich im Schulhof verspottet, niedergeschlagen und angespuckt. Und wenn ich total verdreckt von der Schule nach Hause kam, setzte es weitere Schläge, denn ich hatte mich ja schmutzig gemacht.“

 

 So stülpten sich die Traumata der Erwachsenen über die der Kinder und wurden für sie zu einer kaum zu bewältigenden psychischen Belastung, derer sich damals niemand bewusst war. Ob sich dies inzwischen tiefgreifend geändert hat?

 

Schicksalhaft ist auch die folgende Kurzbiographie des kleinen Seppi:

Er wurde als zweijähriger mit seinem älteren Bruder und den Großeltern nach Gakovo verschleppt. Die Großmutter starb, die Mutter auch, der Großvater floh mit den beiden Jungen nach Deutschland. Der Vater der Kinder wurde aus russischer Gefangenschaft nach Deutschland entlassen, lernte eine Frau kennen, die nur den Mann wollte, nicht aber die Kinder einer anderen Frau, so dass Seppi und sein Bruder weiter beim Großvater lebten und nach dessen Tod bis zur Volljährigkeit in einem Kinderheim untergebracht wurden. Der große Bruder etablierte sich auf einem Bauernhof und heiratete dort ein. Auch für Seppi fand sich eine Lehrstelle. Da er aber nie gelernt hatte, sich gesellschaftlichen Regeln anzupassen, lebte er nach den Vorgaben seines Instinktes. Er konnte weder mit einem geregelten Arbeitsablauf und einem ständigen Wohnsitz noch mit Eigentum umgehen. Gesetzeskonflikte waren vorprogrammiert. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis kümmerte sich von Amts wegen ein Bewährungshelfer um ihn. Dieses Kümmern beschränkte sich auf das wöchentliche Zuteilen finanzieller Unterstützung und die Erledigung der nötigen Vormalitäten. Seppi hatte keinen festen Wohnsitz mehr. Eine Großtante übernahm sporadisch die Rolle der Betreuerin, wenn Seppi sie ab und zu besuchte. Oft ließ er sich wochen- oder monatelang nicht blicken. Niemand wusste, wo er war, er selbst am wenigsten. Zwischendurch verbrachte er längere Zeitabschnitte in der geschlossenen Psychiatrie. Als er entlassen wurde, hatte sich tief in seinem Inneren nichts geändert. Er war nach wie vor nicht fähig, sich gesellschaftlichen Normen anzupassen oder ein familiäres Umfeld als Stütze anzunehmen. Inzwischen hatte ihn die weitläufige Familie als Taugenichts und Hallodri abgestempelt. Mit einem verrückten Zuchthäusler wollte man nichts zu tun haben. Sein Bruder, der der einzige Anker hätte sein können, sagte sich von Seppi los. Er hatte ja zumindest nach außen hin eine Bleibe, ein eigenes Heim, gefunden, dessen Mauern aber keinen Störungen durch einen kranken Bruder hätten Stand halten können. Nachdem die bereits erwähnte Großtante gestorben war, tauchte Seppi endgültig unter. Er fehlte niemandem.

Der kleine Seppi war ein Leben lang auf der Suche nach seiner Identität und starb fünfundsechzigjährig bei einem Verkehrsunfall. Seine Biographie wurde mit dem polizeilichen Abschlussprotokoll ad acta gelegt.

 

Wer kann schon ein positives Bild von sich selbst aufbauen, wenn er ein ganzes Kinderleben hindurch eingehämmert bekommt, er sei wertlos, sein Volksstamm zur Sklaverei verdammt und zur Vernichtung freigegeben. Jeder wünschte sich damals eine andere Identität, aber der Name verriet die Herkunft. Und in Deutschland angekommen, waren die armen Flüchtlinge, deren deutsche Sprache eine fremde war, von oben auferlegter Ballast.

Die gestohlene Kindheit kann einem niemand zurückgeben. Alle Kinder und Jugendlichen der Kriegsgeneration mussten begreifen lernen, dass ihnen das Fundament zu einem gesunden Urvertrauen geraubt wurde. Wenn sie im Laufe ihres Lebens gelernt haben, dass sie an ihrem Schicksal keine Schuld tragen, musste sie diese Erkenntnis an den Rand existentieller Verzweiflung führen. Wie kann ein Kind überleben ohne das innere Bild einer stabilen Beziehung? Solche Nachkriegs-Seelenmorde forderten zahllose Opfer, deren Körper auch heute noch im Verborgenen dahinsiechen. Der Frevel der Gesellschaft und der Weltöffentlichkeit ist, dass die Täter nie bestraft wurden, dass die Verbrechen vielfach sogar bagatellisiert worden sind und es in manchen Köpfen immer noch werden.

Auf der Straße oder beim Einkaufen begegnete man nach dem Krieg häufig entnervten Müttern oder Vätern, die auf ihr schreiendes Kind einschlugen und noch lauter als das Kind wirst du wohl still sein! brüllten. Beide Seiten schrien sich in Ekstase. Der Schwächere strampelte, während der Stärkere prügelte. Niemand scherte sich darum, niemand mischte sich ein. Tägliche Ohrfeigen wegen Lappalien waren damals normal, und Schläge mit Stöcken, Kochlöffeln, Kleiderbügeln oder Hosengürteln mit anschließendem Arrest im Kohlenkeller bei Nahrungsentzug waren erzieherische Maßnahmen, bei denen sich weder Familienmitglieder noch Nachbarn einmischten. Es war allein eine Sache zwischen Täter und Opfer.

Sexuelle Belästigungen, ja sogar vereinzelt Vergewaltigungen von Lehrlingen und minderjährigen Mitarbeiterinnen in den Betrieben gehörten zu den geduldeten Verbrechen wie Prügel in der Schule, verabreicht von Lehrern und Pfarrern. Erzählten die Kinder zu Hause davon, bekamen sie nochmals Schläge vom Vater oder von der Mutter. Wären aber wider Erwarten vereinzelt Eltern mit der Aussage ihres Kindes an die Öffentlichkeit gegangen, so hätte man natürlich den Honoratioren, niemals aber den Kindern und Jugendlichen geglaubt. Die Familie hätte sich einen anderen Wohnsitz suchen müssen. Genau das kalkulierten die Täter bei ihrer Tat mit ein.

Heute redet kaum jemand darüber und wenn, nur hinter vorgehaltener Hand. Man möchte das Nest nicht beschmutzen, den Frevel am liebsten ungeschehen machen, also vergessen lassen. Aber Kinder vergessen nicht.

In diesem Zusammenhang sei auch die geistige Vergewaltigung, der Psychoterror der Täter im Umfeld des Opfers, angesprochen, bei dem zwar nicht körperlich abgestraft wird, dafür mit immer wiederkehrenden Verbalattacken an Verantwortung, Hilfsbereitschaft, Pflichtgefühl, Dankbarkeit appelliert oder aber das Opfer zu kriminellen Handlungen gezwungen wird. Bringt das Opfer diese Leistungen nicht, so ist der gemeine Charakter des bösen Kindes daran schuld, dass es der Mutter schlecht geht, dass der Vater, der Vorgesetzte, der Lehrer nicht das bekommen, was sie fordern.

Da sich das Kind jedoch nichts sehnlichster wünscht, als dem Ideal des Täters zu entsprechen, also brav zu sein, um geliebt zu werden, oder sein Leben zu retten, bringt es die befohlene Unterwerfung, indem es sich selbst aufgibt. Es ist von seiner Unzulänglichkeit, seinem Bös-Sein, überzeugt und tut das, was von ihm verlangt wird. Auch wenn die Qual nur schwer zu ertragen ist, das Opfer ist überzeugt, dass es aushalten muss, weil es Strafe verdient hat. Es will seinen Körper nicht mehr, weil er böse ist, aber es kann ihn nicht abstreifen, also stellt es ihn zur Verfügung. Die Seele driftet dabei ab.

Häufig liegt es in der Hand des Täters, wie lange und auf welche Weise er sein Opfer missbraucht. Bei Schlägen kann es sein, dass die Schmerz- oder Angstschreie des Opfers dem Täter Genugtuung (Befriedigung) verschaffen. Sobald das Opfer aufhört zu schreien, keinen Widerstand mehr leistet, wird es für den Täter reizlos. Oder aber der Täter möchte, dass das Opfer zu schreien aufhört, und schlägt so lange zu, bis es schweigt.

Täter können weder abgegrenzt, noch verstanden werden, denn man sieht niemandem an, ob er ein Samariter oder ein Mörder ist. Die meisten Täter wirken scheinbar völlig normal, vielfach zeichnet sie sogar eine Art gesellschaftliche Rechtschaffenheit aus.

Selbst in Fachkreisen weiß man wenig über die Gefühle der Täter, denn sie können sich nicht vorstellen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, also werden sie ihr Handeln kaum freiwillig in Frage stellen, es sei denn, sie kommen mit dem Gesetz in Konflikt.

Was aber, wenn sie selbst das Gesetz vertreten? 

 

Traumatisierung aus zweiter Hand

Bei einer seelischen Erschütterung laufen alle Bilder erschreckend realistisch ab, beschwören somit die gleiche fundamentale Lebensangst herauf wie die ursprüngliche Tat. Diese Angst ist es, die sich auf Familie und Nachkommen übertragen kann.

 

Ein über siebzig Jahre alter Mann sagte, er sei auch heute noch in seinen Träumen häufig auf der Flucht und wache schweißgebadet mit rasendem Puls auf. Oft schlage er um sich, seine Frau wecke ihn stets mit den Worten bist du schon wieder auf der Flucht? Früher sei es noch viel schlimmer gewesen, seine Frau musste ihn mehrere Male in der Nacht wachrütteln, um ihn in die Gegenwart zurückzuholen. Auch spüre er noch manchmal die Partisanenpistole an seiner Schläfe. Diese Gefühle könne er nicht beschreiben, es sei schrecklich.

Auch die Kinder kennen die Alpträume des Vaters. Somit leben diese seelischen Erschütterungen in der Familie weiter, pflanzen sich in ihr fort. Die Mutter leidet seit Jahren an schweren organischen Störungen, deren Ursachen bis heute unerkannt sind und daher auch nicht wirkungsvoll therapiert werden können.

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Eine Frau erzählte, ihr Vater sei vor dem Krieg der netteste Mensch gewesen, den man sich vorstellen könne. Nach einigen Jahren Gefangenschaft und Zwangsarbeit in Sibirien sei er als ein völlig anderer Mensch zurückgekommen. „Entweder er saß schweigend im Sessel, starrte auf den Boden oder er schrie, schlug um sich, sperrte uns Kinder in den Keller, prügelte mit Stöcken auf uns ein und bedrohte die Mutter, die uns helfen wollte. Die Mutter hat nur noch geweint. Unser Zuhause war zur Hölle geworden. Als der Vater nach kurzer Zeit starb, war das für uns alle eine Erlösung.“

Mit Entsetzen musste sie aber feststellen, dass ihr damals kleiner Bruder sich später innerhalb seiner eigenen Familie genau wie der Vater verhalten habe.

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Maria G. entschied sich bewusst gegen Kinder. Zum einen könne sie überhaupt keine Beziehung zu Kindern aufbauen, zum anderen sei sie sicher, dass sie ihre Kinder ebenso misshandelt hätte, wie sie selbst von ihrer Mutter misshandelt worden sei, und so etwas wolle sie niemandem antun. Maria G. engagiert sich im sozialen Bereich, setzt sich für andere Menschen ein, aber sie ist nicht in der Lage, offen über die ihr angetane Gewalt zu sprechen. Privat steht sie wie ein scheues Reh irgendwo abseits, oder aber sie versteckt sich in der Masse. Richtig wahrgenommen werden möchte sie nach außen hin nicht, weil sie glaubt, sie sei viel zu unbedeutend. Tief im Inneren sehnt sie sich jedoch nach Anerkennung und Wertschätzung. „In mir leben zwei völlig verschiedene Menschen, die ständig miteinander um die Vormachtstellung kämpfen“, sagt Maria G. von sich selbst.

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Eine Frau, die in den 50er Jahren in Deutschland geboren wurde, deren Mutter aber zwischen 1944 und 1948 Grausames erlebt haben musste, bezeichnet sich selbst als schwer traumatisiert. Sie trage das Leid der Mutter ein Leben lang mit, büße für ein Vergehen, das weder sie noch ihre Mutter begangen hat.

Die Mutter gab Gewalt, Erniedrigung, Schmerz, Angst, Ekel vor sich und den anderen so an die Tochter weiter, wie sie diese selbst erlebt hat. Aus Sicht der Mutter war die Tochter für alles verantwortlich, was schief gelaufen war. Die Mutter sah in der Tochter die vermeintlich Schwächere, nämlich sich selbst. Sie fühlte sich einerseits als (ehemaliges) Opfer, andererseits spürte sie den Täter dermaßen leibhaftig, dass sie schreien, zuschlagen, quälen musste, um sich selbst zu bestrafen, denn sie hatte die Strafe verdient. Das Gefühl der vergewaltigten Frau bekommt eine abstrakte Realität, die diese Frau als Mutter dazu zwingt, sich exakt so verletzend zu verhalten wie sich der Täter beim Missbrauch ihr gegenüber verhalten hatte. Allein mit ihrer Gegenwart erinnerte die Tochter die Mutter an unsägliche Qualen. Da aber der eigentlich Schuldige, der Täter, zu keiner Zeit fassbar war, projizierte die Mutter die Schuld auf die Tochter. Nie wäre die traumatisierte Mutter auf die Idee gekommen, eigenes Verhalten in Frage zu stellen (Opfer wird zum Täter, Täter ist sich keiner Schuld bewusst).

 

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Brigitte G. musste in Gakovo als Kleinkind viel Gewalt und Brutalität über sich ergehen lassen. Sie sagte u.a.: „Als zwanzig Jahre später mein Kind zur Welt kam, zitterte und zuckte es am ganzen Körper. Ich streichelte das winzige Wesen und weinte. Das Kind tat mir unsäglich leid, denn ich glaubte, es sei behindert. Die Hebamme tröstete mich, das Bibbern gehe vorbei, sagte sie, es komme manchmal bei Babys vor, deren Mütter vor irgendetwas große Angst haben. Und sie fragte mich, wovor ich Angst hätte. Erst jetzt fiel mir auf, dass mein Baby genauso bibberte wie ich als Kleinkind in Gakovo.

Ich habe meine Kinder nie geschlagen. Zu präsent waren die Schläger meiner eigenen Kindheit, und ich wollte niemals in die Rolle dieser übermächtigen Tyrannen schlüpfen. Sie ekeln mich an. Ich kriege heute noch Gänsehaut.“

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Helene M. ist seit vielen Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Ihre Mutter sei bereits in frühester Jugend gestorben, obwohl sie erst vor einigen Jahren wirklich starb, und sie selbst habe noch nie normal gelebt, sie wisse gar nicht, wie das ist, ob sie es je schaffen werde, wisse sie auch nicht.

Ihre Mutter habe sie für alles verantwortlich gemacht, was ihr im Vernichtungslager zugestoßen sei. Sie habe ihr immer wieder eingehämmert, sie sei unfähig, nichts wert, werde es nie zu etwas bringen und erinnere sie jeden Tag an diese verdammte Folterkammer. Prompt habe sie (Helene M.) als Siebzehnjährige einen unehelichen Sohn bekommen, den die Mutter aber sofort unter ihre Fittiche nahm. Schließlich musste Helene die begonnene Ausbildung zu Ende bringen und danach arbeiten, um sich und das Kind ernähren zu können. Das Kind wurde Omas Kind, zu der es manchmal Mama sagte, und zur Mutter sagte es ich hasse dich.

Helene und ihr Sohn sind auch heute noch zerstritten, über zehn Jahre nach dem Tod der Großmutter. „Es hat überhaupt keinen Sinn, mit ihm zu reden, er will mit mir nichts zu tun haben und - wenn ich ehrlich sein soll - ich mit ihm auch nicht. Ich will mit meiner ganzen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben.“ Sie sei dabei, sich im Ausland eine neue Identität aufzubauen. Eigentlich hasse sie sich, denn sie wisse wirklich nicht, wozu sie überhaupt lebe. „Wertschätzung ist etwas für andere, aber nicht für mich. Das mit der neuen Identität ist mein allerletzter Versuch, Fuß zu fassen, wenn dieser Versuch scheitert, nun ja…“ Helene redete nicht weiter.

„Unbekannt verzogen“ und „kein Anschluss unter dieser Nummer“ waren die Reaktionen auf meine Versuche, erneut mit Helene Kontakt aufzunehmen (sie ist wohl unterwegs zu ihrer neuen Identität).

Die Dunkelziffer jener Menschen, besonders Frauen, die als Kinder traumatisierter Mütter selbst unter Traumata leiden, wird weiter im Dunkeln bleiben.

 

„Ich muss immer eine Wand oder eine Ecke im Rücken haben, um mich einigermaßen sicher zu fühlen“, sagte eine ältere Donauschwäbin, „ich brauche die Rückendeckung und ich muss wissen, was hinter mir ist, und ich muss den Raum im Auge behalten, sonst bekomme ich Panik. Eine Panik, die ansteckend ist wie die Pest.“ Sie traue sich auch heute noch nicht, einem Mann länger als ein paar Sekunden in die Augen zu schauen. Den durchbohrenden Blick von damals fürchte sie wie ein Messer im Rücken. Sie spüre immer noch einen eigenartigen Druck auf der Brust, obwohl sie damals gar nichts gespürt habe. „Es kommt mir vor, als ob es mit zunehmendem Alter immer mehr weh tut, besonders innen drin.“

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„Zu dritt sind sie hereingestürmt, haben meinen Vater gefesselt und dann sind sie über mich hergefallen. Als es vorbei war, habe ich mich aufgerappelt und meinem Vater die Stricke weggemacht“. Sie sei steif wie ein Besenstiel gewesen, konnte weder schreien noch habe sie etwas gespürt. „Vielleicht war es gut so, denn viele, die geschrien haben, wurden so lange geschlagen, bis sie tot waren. Manchmal frage ich mich schon, was da eigentlich ablief. Wenn ich daran denke, ist es, als stehe ich neben mir in einem schlechten Film. Den Gestank habe ich noch in der Nase. Wenn ich bloß diesen Gestank loswerden könnte.“

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Erika O. schilderte ihre Mutter zunächst als intelligente, feine Frau aus gutem Hause, die aus unerklärlichen Gründen zum rachsüchtigen Monster wurde, das der Tochter das Leben zur Hölle gemacht hatte. Erika ging auch mit den Geschwistern ähnlich ins Gericht. Sich selbst schilderte sie als warmherzig, hilfsbereit und völlig hassunfähig. Sie werde aber von anderen terrorisiert, ohne dass sie etwas dafür könne. Sie habe dank ihrer geistigen Fähigkeiten in den allerbesten Kreisen verkehrt, Kontakte zu Akademikern gepflegt, aber auch zum Geheimdienst. Andererseits musste sie der Mutter zur Hand gehen, ihr wie eine Dienstmagd zur Verfügung stehen. Die Mutter wollte quälen und beherrschen, um die Tochter zeitlebens an sich zu binden.

Obwohl die Mutter inzwischen tot sei, werde sie weiter terrorisiert, und zwar von Leuten, die ihr ihre geistigen Fähigkeiten nicht gönnten.

Wer nicht selbst Vergewaltigung und Mord miterlebt hat, ist schnell dabei zu (ver)urteilen. Daran sei auch hier nochmals erinnert und an die verlorene Identität.

 

Da eine traumatisierte Mutter durch ihre eigenen Erlebnisse nicht mehr in der Lage ist, klare Regeln aufzustellen, nach denen sich das Kind richten kann, ist diese Mutter-Kind-Beziehung an der Basis fortwährend gestört. Was im Verlauf dazu führen kann, dass die Tochter, der Sohn ihre Traumata an ihre Kinder vererben und auch in der Erziehung der Kinder das gleiche Verhaltensmuster anwenden, wie sie es erlebt haben. Wird diese Fehlentwicklung über Generationen nicht erkannt, wachsen immer wieder Kinder heran, deren Fehlverhalten überwiegend der Gesellschaft, dem Umfeld zugeschrieben werden. Massaker, Krieg und Vergewaltigung sind längst in Vergessenheit geraten, warum sollte man sie als Ursache psychischer Störungen in Betracht ziehen? Nur wenige Menschen werden hier gezielte Therapien durchlaufen.

 

Wenn ein junger Mensch mit dreizehn Jahren im Kinderarbeitslager Steine und Eisenstangen schleppen musste, bis sein Rücken und seine Hände bluteten, wenn er miterleben musste, wie ein Partisan mit seinen Stiefeln auf die nackten Füße der Kinder trat, bis das Blut heraussickerte, die Kinder dabei markerschütternd schrien und vor Schmerz bewusstlos in sich zusammensackten, wenn dieser Partisan mit seinem Motorrad in die Kindergruppe fuhr und die Kinderkörper zerfetzt durch die Luft flogen, und wenn dieser Junge dann noch mit ansehen musste, wie sich zehn, fünfzehn Partisanen auf eine Frau stürzten – dann kann man zwangsläufig davon ausgehen, dass dieser Junge posttraumatische Belastungsstörungen hat, die nicht in einem einzigen Leben abgebaut werden können. Auch seine Tochter, die zwanzig Jahre später zur Welt kam, war psychisch geschädigt und starb früh, obwohl sie physisch scheinbar gesund war.

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Martin S., Jahrgang 1939, war zunächst in Gakovo. Nach dem Tod seiner Großmutter fiel er als Sechsjähriger dem kommunistischen Machtapparat in die Hände, bekam einen serbischen Namen und wurde immer wieder in andere Kinderheime gebracht. Als er fast vierzehn Jahre alt war, klärte ihn einer der Lehrer über seine wahre Identität auf und setzte sich mit dem Roten Kreuz in Verbindung. Für den Lehrer war dies damals lebensgefährlich. Das Rote Kreuz fand Martins Großvater, der in Deutschland lebte, und Martin, der kein Deutsch mehr sprach, kam in den fünfziger Jahren zu seinem Großvater.

Ich lernte Martin S. als schmächtigen, blassen, in sich gekehrten Mann kennen, dessen Haltung stets zu einer unterwürfigen Verbeugung ansetzte. Sein Blick wanderte unruhig vom Boden in den Raum und wieder zurück. Martin redete nie, ohne gefragt zu werden, antwortete mit abgehackten Wörtern, flüssige Sätze waren eher die Ausnahme. Als ich ihn nach seinen Erinnerungen an Gakovo oder eines der Kinderheime befragte, zuckte er mit den Schultern. Eigentlich wisse er nichts mehr von damals. Ich fragte ihn, ob er sich denn an Prügel in der Schule oder Arrest in den Kinderheimen erinnern könne. Er sah erschrocken auf, unsere Blicke begegneten sich zum ersten Mal wirklich: „Ja, geschlagen wurden wir schon und eingesperrt auch. Das war normal.“ Bei der Frage nach seinen Gefühlen zuckte er wieder mit den Schultern, senkte die Augenlider und schwieg. Es dauerte eine ganze Weile, bis er zu seiner Stimme zurück fand. Dann erzählte er von seiner Tochter, die seit der Pubertät völlig verändert sei. Kein Arzt wisse, was ihr fehlt. Sie sei nicht dumm, aber sie halte keinerlei seelische Belastungen aus, und deshalb sei es schwer, einen Ausbildungsplatz für sie zu finden, jetzt gehe sie halt wieder in die Schule, er hoffe, dass es mit ihr besser werde, wenn sie erst älter ist, denn dumm sei sie wirklich nicht, nur manchmal sehr traurig. Das Schlimmste sei, dass ihr anscheinend niemand dauerhaft helfen könne, weder seine Frau noch er.

 

Sich selbst erhaltende Kettenreaktion

Ausdrucksweisen wie: Schwabenschlachten, Krepierlager für Schwaben, Schwaben-Sklavenmarkt sind Brandmale eines totgeschwiegenen Völkermordes, den nur diejenigen als solchen nachempfinden können, die dabei waren.

 

Wenn
eine Frau, die wegen ein paar versteckter Geldscheine erschossen werden soll, vor dem Kommandanten niederkniet, die Hände faltet, ihm die dreckigen Stiefel küsst und um ihr Leben bettelt, weil sie ein Baby hat, das ohne sie auf jeden Fall sterben muss, dieser Kommandant aber seine Pistole entsichert und der Frau einen Genickschuss verpasst...

Wenn
ein Partisan ein Kleinkind an den Füßen packt und es mehrmals auf den gefrorenen Boden schlägt …

Wenn 
Partisanen jungen Gefangenen ihre Gewehre in die Hände drücken und sie zwingen, die eigenen Kameraden zu erschießen…

Wenn
junge Mädchen in den Keller gesperrt, geschlagen und vergewaltigt werden, bis sie tot sind, davor aber jede Nacht um Hilfe schreien, ihnen jedoch niemand helfen darf…

Wenn
Frauen bei eisiger Kälte bis zu den Hüften im Wasser stehen müssen, mit letzter Kraft um Hilfe rufen, und diese Hilferufe irgendwann in der Nacht verstummen, weil die Frauen tot sind…

All diese Bilder, die Schläge, die Schreie brennen in den Gefühlen derer, die dabei waren. Das Gleichgewicht zwischen Körper und Seele sucht ein Leben lang nach Balance.

 

Über Art und Weise der Fortpflanzung solcher Traumata weiß man nicht allzu viel. Zu jung sind die Untersuchungen. Aber in Fachkreisen geht man bereits so weit zu behaupten, Traumata reichten bis zu vier/fünf Generationen. Dies kann bisher noch niemand definitiv belegen, weil wir noch keine vier/fünf Generationen lang Frieden hatten (es wohl auch niemals haben werden). Und dann wäre da noch das Phänomen des Zusammenspiels von Ererbtem und Erlebtem und die Kombination der beiden. Zum Ererbten gehören auch die Traumata der vorangegangenen Kriege (eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion über Jahrtausende fortgepflanzte, aufgestaute Naturgewalt, die zur Explosion führen muss!) Weitere Analysen in dieser Richtung zeigen uns vielleicht den Werdegang des bösen (Pudels) Kern. Konkrete Erkenntnisse darüber würden erklären, warum es so viel Elend, so viel von Menschen geschaffenes Unrecht auf dieser Welt gibt, wo wir doch fast alle (scheinbar) zu guten Taten, zur Nächstenliebe, Toleranz und edlem Wesen erzogen werden?

Wunschdenken und Trauma sind siamesische Zwillinge, durch Hass-Liebe unzertrennlich. Je schmerzvoller die Erlebnisse, umso mehr versucht das Opfer zu vergessen. Wenn das mit dem Vergessen nicht funktioniert, wird ausgeblendet. Das eigentlich schreckliche Ereignis bekommt eine Tarnkappe übergestülpt und wird so zum vermeintlichen Neutrum. Das Opfer denkt nur an das, was es verkraften kann und erzählt von dem, was erklärbar ist. Denn für fühlen, hören und sehen sind Worte schwer zu finden. Man könnte sagen, die Erlebnisse, die sich nicht in Worte fassen lassen, konservieren in gefühlten Bildern.

Die meisten im Krieg und während der Besatzungszeit vergewaltigten Frauen haben nie darüber gesprochen – mit niemandem. Erstens hätte sie der Ehemann (oder der Partner) niemals mehr angefasst. Zweitens wären diese Frauen ein Leben lang gebrandmarkt, weil selber schuld. Und drittens: wenn dann auch noch bekannt geworden wäre, dass aus diesen Vergewaltigungen Kinder entstanden sind, hätte die Öffentlichkeit die gesamte Familie dieser Frauen an den Pranger gestellt (hierzu gibt es vereinzelt publizierte Beispiele - auch aus unseren Nachbarländern).

Wie das heute ist mit vergewaltigten Frauen, wissen wir nicht wirklich. Bloß nicht daran denken, zusammenreißen und weiterleben: diese populäre Variante der Verdrängung führt aber zwangsläufig zur inneren Vereinsamung.

 

Gedenkstätten – Psychotherapie

Das Opfer muss immer wieder, sei es auch nur in Gedanken, zum Tatort zurückkehren, um sich an die Existenz einer Vergangenheit zu gewöhnen, die Teil seines Daseins ist. Es wird lernen, mit dem Schmerz zu leben, wenn es begriffen hat, dass es für die Tat nicht verantwortlich ist. Verweigerung bedeutet: seelischer Rückzug, zwischenmenschliche Leere, absolute Beziehungsunfähigkeit. Mit bruchstückhaften Erinnerungen lassen sich eingefrorene Gefühle auftauen. Wenn es gelingt, die Vorgänge chronologisch zu sortieren und aneinanderzureihen, kann ein funktionierendes Leben in der Gemeinschaft möglich werden.

Durch wiederholtes Sprechen über das Geschehene, vor allem mit anderen Opfern, formt sich ein Gesamtbild, dem auch Gefühle zugeordnet werden können. Das Opfer stellt fest, dass es berechtigte Angst hat. Es lernt, sich mit dieser Angst zu identifizieren. Indem es sich immer und immer wieder die gleiche Situation vor Augen hält, lernt es, damit umzugehen, zu begreifen, dass diese Situation vorbei ist. So schrecklich sie auch war, aber sie ist vorbei.

Verdrängt das Opfer die Erinnerung, tauchen willkürlich und ungewollt immer wieder Segmente auf, die den gesamten Organismus beeinträchtigen. Undefinierbare Erkrankungen sind die Folge, meist mit unbefriedigenden Diagnosen und ebensolchen Therapien.

Wie schmerzlich die Überlebenden der Vernichtungslager auch danach noch gelitten haben und immer noch leiden, können Unbeteiligte kaum ahnen, da ihnen Vergleiche fehlen, die unter die eigene Haut gehen.

 

Ein Landarzt, der nach dem Krieg viele Tausend Vertriebene behandelt hatte, erzählte später, er habe nach wenigen Monaten aus all den armseligen zerlumpten Gestalten im Wartezimmer die donauschwäbischen Frauen sofort erkannt, denn aus ihren Gesichtern starrte einem das Leid auf eine derart unbarmherzige Art und Weise entgegen, dass einen schauderte.

 

Eine heilende Art, mit Kriegstraumata umzugehen, ist, eine Stätte zu finden, an der dieser Erlebnisse gedacht werden darf. Ebenso wichtig ist es, mit Gleichgesinnten an diesem Ort über die Geschehnisse von damals zu sprechen. Die Gedenkstätten auf den Massengräbern der Vernichtungslager sind daher nicht nur zu Ehren der Toten, sie sind gleichzeitig Therapie und Rehabilitation für die traumatisierten Überlebenden. Sie fühlen sich durch ein sichtbares Denkmal zumindest von einem Teil der Öffentlichkeit wahrgenommen. Anerkennung und Wiedergutmachung sind die Basis für die Opfer, wieder Vertrauen in die Gesellschaft aufzubauen.

Auch wenn noch auf keiner Tafel in der Vojvodina etwas von Vernichtungslagern geschrieben steht: Die Überlebenden wissen, was dort vorgefallen ist, und deshalb ist so ein Platz für öffentliche Trauer ungeheuer wichtig. Die Geschädigten können ihre eingekerkerte Traurigkeit freilassen. Dort dürfen sie hemmungslos weinen. Tränen, Blumen, Kerzen, Gebete und Gespräche verbinden mit den Toten und machen das Leben mit einer schmerzlichen Vergangenheit lebenswert.

 

Fazit

Wer Krieg und Völkermord überlebt hat, wird nie wieder so weiterleben können wie vorher.

Traumata lassen sich nicht wegdiskutieren. Sie sind keiner Norm unterworfen und können von einem anderen Menschen nur subjektiv definiert werden. Viele traumatisierte Menschen wirken nach außen völlig normal, ebenso wie die meisten Täter.

Was also ist „normal“?