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Weihnachten 1944: Deportation in die Sowjetunion

von Prof. Dr. Georg Wildmann

Von den arbeitsfähigen Einwohner des Dorfes Filipowa (heute Bački Gračac) waren 212 Männer am 25. November 1944 von einem Partisanenkommando ermordet worden. Fortab standen einberufene Arbeitsgruppen in einem fortwährenden wechselnden aufreibenden Robot­einsatz im Hinterland der Front der Sowjetarmee. Am Heiligen Abend 1944 waren seltsamerweise fast alle, vielfach arbeitsfähige Frauen, von ihren Einsätzen zurück und feierten im Kreise der „Restfamilie“, wie man wohl sagen muss, bescheiden und ohne Weihnachtsbaum den Christabend. Es sollte die letzte Weihnacht in der angestammten Heimat werden, und der erhoffte Weihnachtsfriede sollte von kur­zer Dauer sein. Vom Weihnachtsfest 1944 in Fili­powa schreibt der damalige Kaplan Paul Pfuhl: „Was nur konnte, war in der Kirche und empfing die hl. Sakramente. Welch lebendiger Glaube, welche Sehnsucht nach dem Erlöser offenbarte sich darin, dass trotz allem die hoffnungsfrohen Lieder ertönten, von Menschen mit tränengefüll­ten Augen und verwundeten Herzen gesungen!“ Und wie wenn der Teufel Regie ge­führt hätte: Um 11 Uhr war das feierliche Weih­nachtshochamt aus, und schon stieg der Klein­richter (Gemeindediener) auf seinen Verkünd­stock vor der Kirche. Der Abschied, der jetzt und am 27. Dezember für 239 Filipowaer eingetrommelt wurde, sollte - und wer ahnte das schon - für alle ein Abschied von der alten Heimat, für viele ein solcher auf drei, vier oder fünf Jahre von den dann noch lebenden Angehörigen werden, und für 53 (= 22 Prozent) ein baldiger Abschied vom Leben sein.

Aus der Perspektive einer besonders Betroffe­nen, der damals dreiundzwanzigjährigen Rosalia Kupferschmidt, nahm sich die Zeit der Zwangsarbeit und der Deportation zwischen 1. November 1944 und 21. Jänner 1945 so aus:

„Ich war am 1. und 2. November auf der Hod­schager Heuwiese arbeiten. Es regnete, aber wir mussten durcharbeiten. Am 3., 4. und 5. war ich auf dem Flugplatz. Dann war ich zu Hause, um Zuckerrüben zu ernten.

Am 20. November bin ich zu Fuß mit Stempel und Lebensmitteln drei Tage nach Stapari gegan­gen. Dort bauten wir Straßen. In einer Schule übernachteten wir. Die ließen mich aber nicht weg, und so blieb ich fünf Tage bis zum 25. No­vember. Nachmittags kann ich zu Fuß um 5 Uhr an. Da war mein lieber Vater schon fortgetrieben worden. Ich war dann am Sonntag zu Hause, um mich auszuruhen. Am Montag, 27. November, bin ich trotz des Regens zu Fuß nach Sombor ge­gangen. Dort musste ich 14 Tage auf dem Flug­platz arbeiten. Es regnete fast jeden Tag, aber wir mussten trotzdem arbeiten. Die Nacht verbrachte ich in einem großen Gebäude. Essen schickten mir meine Angehörigen, denn es waren wieder schwe­re Tage. Nach 14 Tagen bin ich dann wieder ein paar Tage zu Fuß nach Hause gegangen, blieb ein paar Tage und ging dann wieder acht Tage nach Sombor arbeiten. Am 22. Dezember um 22 Uhr bin ich zu Fuß im Schnee nach Hause gekommen. Ich glaubte, es wäre zu Ende. Dann aber erst kam das Größte, dann kam der Weg nach Russland.

Es war Weihnachten, der 25. Dezember. Um 11 Uhr wurde gemeldet, es sollen sich alle Frauen vom 17. bis zum 30. Lebensjahr und die Männer bis zu 40 Jahren melden. Es war eine traurige Weihnachtszeit 1944. Ich meldete mich um 14 Uhr im Gemeindehaus. Um 18 Uhr führten sie mich nach Hodschag. Es war dunkel. Ich musste bis zum nächsten Tag war­ten. Um 10 Uhr meldete ich mich auf 20 bis 25 Ta­ge. Sie sagten uns, wir sollen Lebensmittel mitneh­men, es geht einige Zeit auf Arbeit. Ich fühlte, dass es schlecht aussah, doch ich glaubte nicht an Russ­land.

Ich kam am 26. Dezember von Hodschag nach Hause, packte schön meine Sachen zusammen: Lebensmittel, gute Kleider und Schuhe, denn es war ja Winter. Und eine Decke mit Polstern. Das andere ließ ich alles zu Hause, denn es war sehr schwer. Ich konnte am 27. nicht mehr mittag­essen. Am Nachmittag nahm ich nochmals von al­len Abschied, aß noch ein Butterbrot und trank Milch dazu. Dann schaute ich mich im Haus nochmals um, gab an der Tür meiner Großmutter die Hand und sagte: „Zwanzig Tage ge­hen schnell vorbei.“ Aber es war mir sehr schwer ums Herz. Ich verließ das Haus und ging ins Ge­meindehaus. Es läutete gerade, es war 19 Uhr. Man hörte nur hie und da einen Seufzer. Ich glau­be, ich höre es noch heute. Dann gingen wir in der Kapellengasse und am Friedhof vorbei. Wir gingen die ganze Nacht zu Fuß. Am nächsten Tag, es war der 28. Dezember, kamen wir um 3 Uhr in Apatin an der Donau an. Als wir beim Wirtshaus ankamen, wurden wir hineingeschleppt und durf­ten nicht mehr heraus. Es wurden Soldaten aufge­stellt. Wir saßen beisammen und grübelten, wo es hingeht. Essen konnten wir nichts mehr. Am 29. Dezember abends führten sie uns raus, es stan­den Waggons draußen. Sie zählten in jeden Wag­gon 30 und sperrten zu. Ein Jammern und ein Weinen, aber es half ja doch nichts mehr. Es war finster und kalt. Wir saßen auf unserem Gepäck. Als es Tag geworden war, richteten wir unsere Sa­chen in Ordnung. Und danach heizten wir im Ofen ein, beteten, sangen und aßen. Wir hatten die Hoffnung, sie würden uns nicht weit fahren. Doch sie fuhren mit uns weiter und weiter, durch Ungarn.

Das neue Jahr brach an, 1945. Wir wünschten uns gegenseitig ein frohes Jahr, denn Weinen half nicht. Wir fuhren durch Rumänien. Am 6. Jänner sind wir in die russischen Waggons um­geladen worden. Da wussten wir, dass es nach Russ­land geht und nicht so schnell nach Hause. Wir aßen das Brot zwar langsam, aber es wurde trotz­dem immer weniger. Dann mussten wir das Brot fassen. Ich glaubte, ich kann das Brot nicht essen, weil es so schwarz war. Aber als dann der Hunger gekommen ist, dann war es gut. Am 21. Jänner sind wir an Ort und Stelle angekommen. In der Stadt Isjum. Wir waren 24 Tage gefahren“ (Rosa­lia Kupferschmidt, verehelichte Hutzl, Erstveröffentlichung in Filipowaer Heimatbriefe 12/1969, 30f., dann auch in: Mesli/Schreiber/Wildmann, Filipowa – Bild einer donauschwäbischen Gemeinde, Band 6, Kriegs- und Lageropfer, S. 274f.).

Die in Filipowa ausgehobene Transportgruppe vom 25. Dezember 1944 umfasste 24 Männer (18-45 Jahre) und 85 Frauen (18-30 Jahre), also 109 Personen. Die Transportgruppe vom 27. Dezember 1944 umfasste 30 Männer (18-45 Jahre) und 100 Frauen (18-30), also 130 Personen. Von den 239 Personen beider Deportationsgruppen verstarben 28 Männer und 25 Frauen, insgesamt also 53 unserer Landsleute. Die gesamte Gruppe stand im besten Arbeitsalter, sie erlitt aber bis zur Entlassung der Letzten 1949 einen Verlust an Toten von 22 Prozent. Man ahnt, in welch eine - anfänglich bewusst betriebene - Todesmühle Stalins Reparationssklaven geraten sind.