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Eine Familie voneinander getrennt auf schweren Wegen in eine neue Heimat!

Getrennt voneinander verlassen Peter Martin Krallitsch und seine Frau Gisela (geb. Zabraha aus Weißkirchen) mit ihren beiden Kindern ihren Heimatort Jabuka (ca. 20 km nördlich von Belgrad gelegen) und machen sich auf den schweren Weg in eine ungewisse Zukunft auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Zur Erinnerung an ihre Nachkommen haben sie beide ihre Erlebnisse niedergeschrieben. (Zur Vervielfältigung freigegeben von Ewald Krallitsch, Steyregg, Oberösterreich, 2011)

Lesen Sie selbst:

>> Beider Leben gerettet - Heimat für immer verloren - von Gisela Krallitsch

>> Vom Nullpunkt an beginnend - von Peter Martin Krallitsch

 

 

 

Beider Leben gerettet - Heimat für immer verloren

An meine Kinder und Kindeskinder von Gisela Krallitsch

Wonder Lake, Illinois 1986

 

Wir Donauschwaben.

Uns’re Vorväter kamen aus deutschen Landen.

Donau abwärts, in Ulmer Schachteln, zu fremden Stranden,

wo sie, suchend, neue Heimat fanden.

Sie rodeten das Land; die Ersten fanden den Tod,

die Zweiten Not, erst die dritte Generation das Brot.

Sie harrten aus und vertrauten auf Gott.

Sie waren rechtschaffen, fleißige Leut’

Auch mutig, zu halten bereit

Den Wall Europas in der Türkenzeit.

„Die Kornkammer Europas“ war das Land genannt,

„wo Milch und Honig fließt“ auch das war bekannt –

Uns’re schöne Heimat, aus der wir nun verbannt.

Man raubte uns Heimat, Erbe, vernichtete viel Leben.

Doch uns blieb der schönste Reichtum, den Gott uns gegeben:

Uns’re Kinder und Kindeskinder, die weiter leben!

Gisela Krallitsch, 13. März 1972

Heimatvertrieben – ein hartes Wort.

Es brachte uns die bitterste Not,

vielen sogar auch Krankheit und Tod.

Heimatland und Heimaterde,

Haus und Hof und auch die Herde,

mussten wir lassen mit samt dem Erbe.

Fort ging es in ein fremdes Land,

es war zwar unser Mutterland,

doch niemand reichte helfend die Hand!

Die Zeit verging. Der Krieg war aus.

Für uns gab’s aber kein nach Haus –

Enteignet waren wir, o Graus!

Familien waren ganz zerstreut,

mussten sich erst finden, erneut

neues Leben beginnen in armer Zeit.

Gisela Krallitsch, 29. August 1971

 

Im September 1944 wurden die Schulkinder evakuiert – die Front von Osten kam immer näher.

Schwägerin Vera hatte auch einen Wagen vollgepackt. Sie wollte mit Töchterlein Christili und Paulaneni, die Tante ihres Mannes Gyula, die ihn großzog, in Sicherheit bringen. Paulaneni war schon seit dem ersten Weltkrieg in Jabuka Lehrerin. Sie kamen aber nicht einmal bis zur Donau, weil die Pontonbrücke, von der deutschen Wehrmacht errichtet, die 1941 von der jugoslawischen Armee gesprengt wurde, von den Amis nun bombardiert und vernichtet worden war. Die Leute konnten nur mitnehmen, was sie tragen konnten. Alles andere, auch Pferd und Wagen, wurde rechts und links der Straße liegen gelassen. Die Straße musste für die Wehrmacht frei sein. Also kamen sie wieder heim.

Schwägerin Christl, die in Pantschowa wohnte, schaffte es, rechtzeitig fortzukommen. Ihr Ziel war Bad Vöslau bei Wien, wo Verwandte ihres Mannes Hugo Hauber lebten.

Zu dieser kamen auch Weißkirchner mit Pferd und Wagen auf der Flucht durch Jabuka, auch Lina Annatant, geborene Spang, eine Cousine zu meiner Mutter, war dabei. Sie wollten bei Perles über die Theißbrücke, wurden aber schon bei Baranda von Partisanen überfallen und kamen ganz verstört zurück. Es muß ihnen doch gelungen sein, ohne Pferd und Wagen mit der Fähre nach Belgrad und von dort mit der Eisenbahn in die damalige Ostmark zu kommen.

Unser Gasthaus war damals vierundzwanzig Stunden , Tag und Nacht offen und immer vollgestopft. Das Militär kam und ging. Von Osten kommend, hatten sie nur fürchterliches zu berichten: Die Russen seien sehr grausam, vergewaltigen Frauen und Mädchen, hängen die Leute auf oder erschlagen sie und vieles andere mehr.

Es schien alles kopflos zu sein. Am Abend meldete der Tambour (Trommler): Die Leute sollen die Wagen packen und sich bereit halten, alles muß fort. In der Früh widerrief er das Ganze. So ging es wochenlang. Inzwischen wurde es kalt und regnerisch.

An einem Tag kam auf der Hauptstraße durch Jabuka eine Kolonne Arbeiter, von Militär mit aufgepflanztem Gewehr begleitet. Es durfte niemand auf der Straße bleiben und auch nicht beim Fenster stehen und hinaus gaffen. Wir ließen unsere Esslinger-Rolläden herunter und schauten durch die schmalen Schlitze hinaus. Was wir zu sehen bekamen war schrecklich und Mitleid erregend. Diese Männer waren haarig, unrasiert, dreckig, verwahrlost und zerlumpt, manche ohne Schuhe und manche barfuß.

Eine Woche bei solchem Wetter auf der Flucht, würden auch wir wie sie ausschauen, sagten wir zueinander. Es sickerte bald durch, dass diese Arbeiter aus dem Bergwerk Bor in Serbien kommen und Juden seien. Man konnte aber nicht erfahren, was mit ihnen geschah!

Am ersten Oktober kam mein Bruder Hans, der in Jagodina in Serbien im Einsatz, nun dienstlich in Belgrad war, auf einen Kurzurlaub zu uns. Er sprach mir zu, zusammen zu packen, das Kind und vorhandenes Geld zu nehmen und am dritten Oktober mit dem Lkw des B.d.O. mitzufahren. Er kommt die Funkgeräte, die bei Baumann in Reparatur sind, abholen und wird mich mitnehmen. Davon wollte ich aber nichts wissen, darum sagte er: „Das schuldest Deinem Peter und Ewald.“ Er blieb nur über Nacht, in der Früh musste er wieder fort.

Meine Mutter stimmte ihm zu und meinte, dass es am Besten sei, wenn ich mit dem Kind gehe. Nun schlachtete mein Vater schnell ein Schweindl. Das Fleisch wurde gebraten und samt Schmalz heiß in Zuckerdosen eingefüllt, damit ich Reiseproviant habe.

Ich begann einzupacken in einen Sack. Aber, kann man packen, wenn man vor Tränen nichts sieht und kopflos vor Angst ist? Ich nahm meine Brautschuhe anstatt Schuhe zum Laufen mit. Von einem Kleid habe ich nur den Gürtel rein, vom Pyjama nur das Oberteil und noch mehr solche Sachen. Ich nahm auch zwei Anzüge für Peter mit, eine Tuchent und Polster und Überzüge dafür. Auch einen Teller, ein Glasl, ein Stamperl, vom Service mein Essbesteck, welches ich als Kind noch von meiner Lagleroma bekam, einen Kaffeelöffel und ein Oval noch von meiner Schwiegermutter. Für Ewald, er war gerade viereinhalb Monate alt, alles was ich für ihn hatte, hauptsächlich alles Warme, ich hatte ja zum Glück eingestrickt. Ich hatte eine Schafwolldecke, die noch meine Schwiegermutter machte, aufgetrennt, die Wolle spinnen lassen und daraus zwei Strampelhosen und ein Cape mit Kapuze gestrickt.

Am Dienstag, den dritten Oktober, zu Ewalds Namenstag, holte uns das Auto ab. Von Glogon hatten sie bereits Feger Kathi mit Baby Elfriede, sie ist drei Wochen jünger als Ewald und Kathis Schwester mit ihrem dreizehn Monate alten Mäderl, die zu ihrem Mann, Gruber Toni nach Osnabrück wollte. Die Fahrer des Lkw waren ein Reichsdeutscher, Jerger Karl und Feger Peter, Peters und Hansis Kameraden. Meine Eltern blieben beim Haus, damit wir wieder etwas vorfinden, wenn wir zurückkommen in längstens drei Monaten, denn länger wird es ja nicht mehr dauern. Schwer war der Abschied! Vera hätte auch mit wollen, aber die Männer hatten den Auftrag, nur uns zu holen. Bei Baumann hielten wir. Jerger Karl wollte seine Frau Lisi und Tochter mitnehmen. Sie kam aber nicht mit, weil ihre Kittel noch nicht alle gestärkt und gebügelt waren.

Wir fuhren über Pantschowa Richtung Belgrad. Die Straße war voll Militär, Auto an Auto. Ein wahres Chaos! Längs der Staße von Pantschowa bis zur Donau lagen rechts und links im Straßengraben die Bauernwagen der Flüchtlingstrecks verlassen da, teilweise noch mit eingespannten Pferden. Die Bündel und Säcke lagen verstreut am Feld herum, manche angerissen, vielleicht nahm man in der Eile das Wichtigste heraus! Die Pferde liefen herrenlos herum. Langsam kamen wir voran. Wo nur möglich, überholte unser Lkw, immer wieder rufend: „Wir transportieren wichtige Funkgeräte.“ Fast beim Damm angelangt kam der Kommaneur der Luftwaffe, die die ganze Straße für sich beanspruchte und wollte die Funkgeräte sehen. Da entdeckte er uns und die Babys. Aus war es! Unser Wagen wurde nicht auf die Fähre gelassen. Wir Frauen protestierten und waren über die Luftwaffenhelferinnen, in Begleitung des hohen Offiziers empört, weil sie sich über uns lustig machten. Kathi in ihrer Empörung spuckte dem Offizier ins Gesicht, fragend ob diese Weiber wichtiger sind als Mütter mit Babys.

Nach einer Weile kam der Kommandeur zurück, sagte wir sollten aussteigen, unser Gepäck nehmen und mit den Kindern zur Fähre gehen. Jede von uns nahm ihr Kind auf den Arm und ein kleines Handgepäck in die freie Hand, mehr konnte man ja nicht tragen. Am Damm halfen uns die Soldaten hinunter, in der Art ging’s weiter. Unten bekamen wir wieder alles zurück. Nun gingen wir auf die Fähre. Hier blies ein bitter kalter Wind. Wir zitterten vor Kälte. Da rief uns der Kommandeur auf seinen Lkw, das wir ablehnten und sagten, dass wir lieber erfrieren, als das Angebot anzunehmen. Unser Wagen schaffte es noch, als letzter auf die Fähre zu kommen. Wir freuten uns und stiegen zu.

Inzwischen ist es später Nachmittag geworden. Langsam fuhren wir Belgrad zu. Am anderen Ufer angekommen, waren wir nun die ersten aus der Fähre und los Richtung B.d.O.. Ich habe mich in Belgrad nicht mehr ausgekannt, obwohl ich hier aufwuchs, so zerstört war die Stadt von den vielen Ami-Bomben, die teppichweise gelegt, ganze Straßenviertel vernichteten. Beim B.d.O. angekommen, begrüßte uns Major Kleibaum und fragte mich: „Wo sind ihre Eltern. Das war die letzte Möglichkeit ‚rüber zu kommen.“ Da wurde mir erst klar, wie es wirklich um uns stand. Er beauftragte die Männer, nachdem sie die Geräte abgeladen hatten, uns zum Bahnhof zu bringen und einzuwaggonieren. Feger Peter beurlaubte er bis fünf Uhr in der Früh.

Am Bahnhof wollte man uns erst in die Entlausung stecken, doch unsere Begleitung setzte sich durch und brachte uns, mit Hilfe Kramers, auch ein Kamerad unserer Männer, jedoch ein älterer Jahrgang, in einem Abteil unter.

Feger blieb bei seiner Kathie bis vier Uhr in der Früh, dann musste er zurück. Zu dieser Tageszeit, wenn man in Richtung Pantschowa, ins Banat schaute, sah man nichts wie Feuer. Wie uns damals zumute war kann man gar nicht beschreiben.

Etwas später, als Feger gegangen war, brachte uns Kramer eine heiße Einbrennsuppe, die uns richtig schmeckte. Bald darauf setzte sich unser Zug in Bewegung. Es ging ins Ungewisse.

Der Zug hielt in Osijek (Esseg). Kroatische Bäuerinnen boten Weintrauben zum Verkauf an. Wir hatten keine Kuna aber Zigaretten. So erhandelten wir ein paar Trauben, deren Saft wir den Kindern auf die Zunge ausdrückten, den sie gierig schluckten. Sie waren ja am ärmsten dran. Kathi hatte auch eine Kerze, Zucker und ein Emailtöpferl. Sie machte Zuckerwasser, welches sie auf der Flamme der Kerze im Töpferl wärmte und löffelweise Elfriede fütterte. Sie hatte das Kind nicht stillen können.

Von Esseg kamen wir nach Fünfkirchen (Pecs). Die weiteren Haltestellen habe ich schon vergessen.

Meistens fuhren wir auf Nebenstrecken. Wegen der Fliegerangriffe wurden wir oft auf Seitengeleise abgeschoben. Mit der Verpflegung ging es uns nicht besser. Oft hieß es: in der nächsten Stadt – und dann wieder ein Fliegeralarm und wir gingen leer aus.

Ich hatte ja Proviant eingepackt, konnte davon einfach nichts hinunterbringen. Es muß die Angst gewesen sein. Sobald die Sirenen aufheulten, spürte ich in allen Gliedern das Gefühl, wie während der deutschen Bombardierung seinerzeit 1941 in Belgrad. Recht und schlecht kamen wir in Wiener Neustadt an, wo es eine heiße Suppe gab – aber es ging gleich weiter, weil schon wieder Fliegerangriff war.

Am siebenten Oktober, an einem Samstag kamen wir in Linz an. Ich stieg aus und ging nachschauen, ob der Waggon mit unseren Sachen da war, wir befürchteten, dass er unterwegs abgehängt wurde. Er war noch da. Aber wie versteinert vor Schreck war ich, als ich zurück kam und unser Waggon, in dem ich Ewald zurück ließ, nicht mehr da war. Es kamen mir gleich die Tränen, ich musste weinen und wusste mir nicht zu helfen. Trotzdem jeder seine eigenen Sorgen hatte, waren immer gleich hilfsbereite Menschen da. Man fragte mich, was passiert sei und fand einen Eisenbahner, der wusste, wo der Wagen hinkam. Er brachte mich zu unserem Waggon, in dem Kathi, voller Angst um mich, mit den Kindern war. Der Zug fuhr wieder mal weiter, Wohin dieses mal?

Gegen Mittag kamen wir in Ternberg an der Enns an.

Hier wurden wir in einem Barackenlager untergebracht. Das Lager war mit einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben und nur durch diesen von den kriegsgefangenen Franzosen und Italienern getrennt.

Der Lagerleiter war kein freundlicher Mensch. Dennoch hat er uns in einem schönen, großen Raum einquartiert. Wir waren auf fünf Mütter mit je einem Baby angewachsen. Wilma, ehemalige B.d.M.-Führerin, schloß sich mit ihrem zwei Monate alten Sohn an. Noch unterwegs erfuhr sie, dass ihr Mann in Belgrad gefallen ist.

Der Lagerleiter erklärte uns, da gerade Samstag ist, werden wir erst am Montag Milch für die Kinder fassen. Da sagten wir im Chor, er solle das den Kindern erklären und sie auch beruhigen. Das leuchtete ihm anscheinend ein. Am selben Nachmittag bekamen wir noch Milch. Auch unser Gepäck kam und wir richteten uns, so gut es ging, ein.

In der Nacht kamen wir nicht zur Ruhe – die Kinder wechselten sich im Schreien ab. Von nebenan klopften die Leute an die Wand, sie wollten Ruhe haben. Ans Fenster klopfte die Wache, wir sollten sofort das Licht ausmachen, wegen der Flieger. Das man das alles vergessen haben kann, kann ich kaum glauben!

Wir fünf mussten zum Arzt zur Untersuchung mit den Kindern und erhielten als stillende Mütter Zusatzkarten. Darüber regten sich die übrigen Lagerinsassen auf. Weil wir zuerst Essen fassen durften, sahen sie, dass wir Weißbrot, Grießbrei, Haferbrei oder Nudeln in der Milch für die Kinder faßten, schrieen sie: Das essen doch nicht die Babys, das fressen die Weiber selber! So roh und grob wurde der Mensch, keine acht Tage von daheim weg und wo der Hunger noch nicht einmal richtig plagt! Ich gab mein gebratenes, eingedostes Fleisch weg, weil Ich’s nicht mochte und genug zu essen hatte.

Das Lager war schrecklich verwanzt, der Lagerleiter leugnete es. Da opferte eine von uns fünf eine ganze Nacht zum Wanzenfang – in der Früh waren es gut ein fingerbreit hoch in einem Dunstglas. Damit gingen wir kooperativ zum Lagerleiter, nun leugnete er nicht mehr. Die Baracke wurde ausgeräumt und ausgeräuchert. In der Zwischenzeit waren wir in einer anderen Baracke untergebracht, wo wir auf dem nackten Fußboden zwei Nächte schliefen. Dann durften wir wieder zurück, trotzdem wir vor Getsank kaum schnaufen konnten.

Bei Fliegeralarm mussten alle aus den Baracken raus und in den Wald, auch die Kriegsgefangenen.

Einmal sollte eine Inspektion kommen, wir machten unseren Raum so hübsch wie nur möglich. Jede von uns stellte auf ein Deckchen am Nachtkastl ein Foto von ihrem Mann. Außer Gruber Toni, der UK gestellt war, waren alle eingerückt und zumindest Unteroffizier.. Als die Inspektion kam saß jede mit ihrem Kind auf dem Bett. Sie waren von der Ordnung in unserem Zimmer beeindruckt. Auf die Fotos weisend fragten sie, wer diese Soldaten sind und wo sie zur Zeit seien. Das reichte uns! Empört protestierten wir, unsere Männer sind irgendwo im Einsatz gegen die Sowjets und uns behandelt man hier wie Kriegsgefangene, wie hergelaufenes Pack. Von da an mussten wir nicht mehr antreten und uns anschnauzen lassen, wie sie es mit den Kriegsgefangenen machten. Hat der Lagerleiter gar einen Putzer bekommen?

Fast wöchentlich kamen ein bis zwei Transporte mit Flüchtlingen an. Wir gingen immer schauen, ob vielleicht unsere Eltern oder Verwandte dabei sind. Banater waren keine dabei. Es waren immer Leute aus der Batschka oder Slawonien. Was die alles mit hatten! Das Nudelbrett und Walker, eimergroße Schmalzdosen voll mit Fett, Waschmulder, Mulder für Brotteig kneten, Pölster und Tuchenten, bloß Bettstatt und Kasten fehlten. Anscheinend haben sie aus der Tragödie der Banater die Konsequenz gezogen und sind rechtzeitig weg.

Ich war schon ungefähr einen Monat in Ternberg, als ich erfuhr, dass meine Lenitant mit den Kindern im Lager in Eferding ist. Ich habe es erreicht, dass ich zu ihr konnte. Kathi ging mit Elfriede ins Egerland zu Bekannten ihres Mannes, wo sie ein Zimmer bekam. Gruber Resi wurde von Toni nach Osnabrück geholt. Was mit den restlichen zwei Frauen und Babys geschah, weiß ich nicht.

In Eferding waren wir in der Hauptschule einquartiert. 36 – 38 Personen in einem Klassenzimmer.

Lenitant ging mir hier sehr an die Hand. Ewald hat in der Nacht viel geschrieen. Da die Leute aber ihre Ruhe wollten, musste ich ihn herum tragen, um ihn zu beruhigen. In der Früh schlief ich, während Lenitant sich um Ewald kümmerte.

Die Frau des Werschetzer Apothekers entdeckte bei ihren zwei Mädeln läuse. Eines Tages fand ich auch bei Ewald, trotzdem er noch sehr wenige Haare hatte Läuse. Wie die Affen im zoo laustn wir nun einander - unsere neue Beschäftigung. 

Ich war noch nicht lange da, da kam für mich von Ternberg nachgesandt, ein Paket mit zehn Dosen mit Schmalz und zehn Kilo Speck. Es war von Peter! Da wir auch gekochte Verpflegung fassten, wurde alles aufgehoben und der Speck im Fenster aufgehängt. Ich aß keinen Speck. Lenitant und Kinder aßen ab und zu davon.

Nachdem wir die Läuse entdeckt hatten, wollte ich hier nicht mehr bleiben. Ich schrieb es Peter, er möchte uns doch im Egerland, in der Nähe von Kathi auch ein Zimmer beschaffen. Es gelang ihm auch – mit Speck konnte man so manches erreichen. Eines Tages war Peter da. Es dürfte in der zweiten Dezemberhälfte gewesen sein. Am nächsten Tag fuhren wir über Hof-Eger-Falkenau nach Bleistadt, wo Kathi war. Bei Nachbarsleuten war ein Zimmer frei. In Beziehung mit dem Wohnungsamt mussten die Eigentümer uns nehmen.

Ich war wieder einmal erkältet und hatte Halsweh. Es war bitter kalt, die Innenwände glitzerten vor Frost, sogar unsere Mäntel froren an der Tür an. Peter gelang es, Holz zu kriegen. Er brachte auch einige kleine Holzspielsachen für Ewald mit. Abends schläferte er ihn ein. Ewald schlief im Kinderwagen, den wir auch für Speck eintauschten. Ewald lutschte den rechten Daumen und mit der linken hielt er sich an seines Tatas Nase fest, bis er eingeschlafen war.

Leider musste Peter noch vor Weihnachten zurück zum Dienst. Er war nur kurz für die Umsiedlung beurlaubt. Frau Kragl, die Hausfrau war ein reines Nervenbündel. Als sie erfuhr, dass sie Einquartierung bekommen hatte, drohte sie, sich zu erhängen. Ich war ja so froh, dass Kathi nicht weit weg war und wir uns öfter sehen konnten. Bei Kragls wollte ich nicht bleiben. Das sagte ich Raven Peter, der uns einwies. Er versprach sein bestes zu tun.

Am heiligen Abend ging ich mit Ewald zu Kathi. Es war sehr kalt, gefroren und rutschig. Vor Kathis Zauntürl, wo das Gelände anstieg, rutschte ich und fiel auf den Hintern. Konnte mich aber mit der linken Hand noch abfangen, nachher konnte ich sie nicht rühren. Am Weihnachtstag ging ich wieder zu Kathi und am selben Platz fiel ich wieder so ungeschickt. Zum Glück passierte Ewald nichts, den ich beide Male am Arm trug. Aber die Hand schwoll wie ein Krapfen an und schmerzte unerträglich. Über Weihnachten konnten wir keinen Arzt erreichen. Frau Kragl machte mir saurer Milch einen Umschlag, der die Schmerzen linderte, aber die Geschwulst blieb. Nach Weihnachten ging ich in die Bleistadter Spielzeugfabrik zum Betriebsarzt. Dieser richtete das Handgelenk so gut es ging ein. Machte mir bis zum Ellbogen, nur die Finger und den Daumen halb frei lassend, einen Gipsverband und schärfte mir ein, den Gips nicht naß zu machen. Leicht gesagt! Den Gips nicht naß machen! Wie soll ich das anstellen? Ewald musste doch täglich gebadet, die Windel gewaschen werden und so auch die Wäsche und das Essgeschirr. Nach vier Wochen verbröselte schon der Gips. Der Doktor schimpfte und tröstete mich: „Ein Glück, dass sie schon verheiratet sind. Die geknackste Hand ist nämlich ein Schönheits- und Marktfehler.“

Mit dem frischen Gipsverband ist Raven Peter mit mir und Ewald im Kinderwagen nach Pichlberg, zirka drei Kilometer bergauf von Bleistadt, zum Bürgermeister gegangen. Die Landschaft war wunderschön, leider hatte ich damals für sie keine Augen. Wir sind Kinder der Ebene und hier ging es mehr bergan als bergab. Werde ich mich je daran gewöhnen? Der Bürgermeister, Anton Fischer, erklärte sich bereit uns in seinem Haus aufzunehmen – die Pichlberger wollten kein Flüchtlinge. Im März dann, als der Flüchtlingsstrom so richtig einsetzte, wurden sie nicht erst gefragt, sie mussten nehmen was ihnen eingewiesen wurde. Frau Fischer war eine herzensgute Bäuerin und die Tochter Elsa war bloß vier Jahre jünger als ich. Wir vertrugen uns sehr gut. Da war ich gut aufgehoben, die Fischers behandelten mich, wie zur Familie gehörend.

Anfangs hatte ich mit dem „Echerländer“ Dialekt Schwierigkeiten, aber das gab sich bald. Wenn Frau Fischer hutzen ging (in die Visit ging) nahm sie mich mit. Mit der Kaufmannstochter, Siegert Martha, habe ich mich angefreundet. Auch mit der jungen Lehrerin, ihren Namen habe ich leider vergessen, die mir sogar Bleistiftfarben gab, als sie erfuhr, dass ich gerne male und zeichne. Die Leute hier waren alle sehr freundlich und nett zu uns. Mit Kathi traf ich mich oft – wenn das Wetter nur einigermaßen es erlaubte – entweder ging ich zu ihr, oder sie kam zu mir hutzen. Ich hatte ein nettes Zimmer. Darin war ein Bett, einbemalter Bauernkasten, Elsas Kinderbett für Ewald, ein Tisch, zwei Stühle und ein gemauerter Bauernofen. Herr Fischer ließ mir durch seinen Johann, ein Russe bei ihnen im Landeinsatz, Braunkohlen führen, so dass wir immer schön warm hatten.

Eines Tages im Februar kam unerwartet Peter. War das eine freudige Überraschung! Er war auf Dienstreise nach Agram (Zagreb). Als ich hinaus gehen wollte stand er vor der Tür, ein Haferl voll Milch, ein geputztes halbes Hendl, zwei Eier und ein ziemliches Stück Bauernbrot. Eine nette Überraschung von Frau Fischer. Ewald war damals schon ziemlich fest auf den Beinen. Er ging im Kinderbett hin und her, den rechten Daumen lutschend und mit dem rechten Arm am Bett sich festhaltend und mit der linken das Spielzeug auf den Fußboden werfend. Er war ein kräftiger, lieber Kerl. Mit elfeinhalb Monaten lief er schon, in der rechten Hand das Kohlenschauferl und mit beiden Händen sich vor der Brust am Oberteil seiner Spielhose festhaltend, um nicht zu fallen.

Am Rückweg von Agram unterbrach Peter wieder die Fahrt. Das war das letzte Wiedersehen auf lange Zeit.

Frau Fischer hat mir wieder Essen vor die Tür gestellt, sie wusste, dass ich keine Reserven hatte, weil man auf die Lebensmittelkarten nicht besonders viel bekam. Ich bekam monatlich für mich und Ewald 225 DM, weil Peter eingerückt war. Mein ganzer Einkauf im Monat machte kaum 15 DM aus.

Das Geld, welches ich damals von daheim mitnahm, konnte ich nicht alles einwechseln, nur 18.000 Dinar. Noch im Dezember haben wir in Falkenau 60.000 Dinar für 3.000 DM eingewechselt und in der Bank da eingelegt. Die restlichen 40.000 Dinar haben wir auch da deponiert. Davon haben wir bis heute noch nichts bekommen.

Noch etwas brachte Peter von der Dienstreise mit. In der Entlausungsanstalt bekam er Filzläuse. Ich wusch, kochte, trocknete und bügelte seine Wäsche, hoffend, dass mir keine blieben. Für alle Fälle besorgte er mir noch in der Apotheke ein Gegenmittel. Gott sei Dank, ich blieb diesmal verschont!

Hier in Pichlberg habe ich sehr viel gelesen. Herr Fischer, auch ein leidenschaftlicher Bücherfreund, brachte mir aus der Bücherei immer welche mit. Da lernte ich auch manche österreichischen Schriftsteller kennen, wie Peter Rosegger von dem ich vorher nichts gelesen hatte.

Abends, wenn Ewald eingeschlafen war, ging ich hinunter zu Fischers, Frau Fischer helfen Socken anstricken. Oft hörte man die Alarmsirenen und auch das Detonieren der Bomben. Einmal war es sehr arg. Wir gingen hinaus und in Richtung München war der Himmel wie beleuchtet und man fühlte auch das Beben der Erde. Das war kein gutes Gefühl! In unserer näheren Umgebung war es relativ ruhig. So verging der Winter, der Frühling kam und das Ende des Krieges nahte. Es kamen schlesische Flüchtlinge. Ich musste dolmetschen. Die Egerländer verstanden die Schlesier nicht und die Schlesier verstanden nicht die Egerländer. Elsa staunte, wie ich nun beide verstand.

Eines Tages schlug es wie eine Bombe ein: Der Krieg ist aus und verloren, es war der achte Mai 1945.

Anfang Mai erhielt ich die letzte Nachricht von Peter aus Stettin. Von den Eltern habe ich nichts mehr gehört, seit wir von daheim fort sind. Dann hörten wir, dass die Tschechen die Banken übernehmen und wer Geld beheben will, soll es gleich tun. Wir hatten unser Geld doch in der Bank in Falkenau. Um diese Zeit war es unsicher und niemand konnte wissen ob er wieder heimkommen wird, wenn er das Haus verließ. Ohne Ewald ging ich nirgends hin. Bis Falkenau waren es zu Fuß acht Kilometer. Zu jener Zeit war eine neue Gefahr für Fußgänger: Die Amitiefflieger tauchten plötzlich auf und schossen auch auf Frauen mit Kinderwagen. Ich verzichtete aufs Geld und blieb daheim. Als der Termin um war, bekam man nichts mehr. Genaue Daten weiß ich keine mehr. Notizen machte ich mir leider keine, wahrscheinlich in der Meinung, dass man so etwas nie vergessen kann.

Alle Meldungen erfuhr ich von Herrn Fischer, der immer noch Bürgermeister war. Eines Tages hieß es: Alle deutsche Frauen müssen sich am Arbeitsamt registrieren lassen.

In Pichlberg war keine Besatzung, aber in Bleistadt waren die Amis. Kathis Hausfrau wusch für sie Wäsche, so bekam sie Schokolade und Orangen. Kathi brachte diesen „Luxus“ mit, aber Ewald wollte das nicht essen. Ja, was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.

Auch die Fremdarbeiter verließen die Plätze. Johann blieb noch eine Weile, dann ging auch er.

Diese ehemaligen Fremdarbeiter fingen an, die Häuser zu überfallen und zu berauben. Die friedliche Zeit war nun vorbei und es wurde auch in unserer Gegend das Leben unsicher.

Auch einzelne deutsche Soldaten zogen durch’s Land, sie bettelten um Zivilkleidung. Frau Fischer fand immer noch etwas, sie gab jedem, wenn es noch so wenig war. Kathi und ich waren sehr bedrückt. Die Ungewissheit über den Verbleib unserer Nächsten und Lieben wurde fast unerträglich. Wenn wir uns Sonntags trafen, sagte sie: Unsere Mütter sitzen jetzt bestimmt vorm Haus auf der Bank. Alle, die fort sind, kommen heim, nur wir sind da und sie warten doch auf uns.

Eines Tages beschlossen wir nach Falkenau ins jugoslawische Lager ehemaliger Kriegsgefangener zu gehen, um uns ihnen anzuschließen, wenn sie heimgehen. Unterwegs kehrten wir bei Landsleuten ein, um uns mit ihnen zu beraten.

Im Lager waren sie zu uns sehr freundlich, auch jugoslawische Partisaninnen waren da. Die fragten uns nach unserem Gepäck, Bekleidung, Lebensmittel usw. aus. Der Transport würde nächste Woche von hier weggehen. Wir sollten nur kommen, alles mitbringen, sie würden uns in die Heimat mitnehmen. Wir versprachen, rechtzeitig da zu sein und gingen. Draußen sagte ich zu Kathi: „Mit diesen gehe ich nicht mit. Die wollen uns nur noch das Letzte rauben und bringen uns womöglich noch um. “ Sie wollte aber heim. Mußte aber doch zugeben, dass es auch ihr unheimlich war. Ich gestand, dass ich auch gern heim wollte, aber mit deutschen Leuten und nicht mit serbischen Partisanen. Unterwegs kehrten wir wieder bei den Landsleuten ein, um über unser Erlebtes und die gewonnenen Eindrücke zu berichten und dass wir beschlossen, abzuwarten was wird. Sie waren mit uns derselben Meinung. Darauf brauchten wir nicht lange warten.

Am fünften August kamen wir ins Lager Falkenau. Am sechsten wurden wir von den Amis samt unserem Gepäck und Kindern auf einen LKW verladen und in wilder Fahrt nach Pilsen gebracht. Wie zerschlagen kamen wir hier an, wo man uns einzeln durch ein kleines Zelt schleuste. Im Zelt saßen einige Ami-Soldaten mit Flitspritzen, die uns unter den Rock, vorne und hinten in den Ausschnitt des Kleides spritzten. Das war die Entlausung. Uns war sie unangenehm und peinlich, ihnen aber machte es Spaß.

Hernach wurden wir in einem Fliegerhangar untergebracht, wo stockhohe Betten standen und am Fußboden auch noch Stroh gestreut war. Hier traf ich meine Rosltant, meines Vaters Schwester, mit Antononkel und ihren sieben Kindern. Hauptsächlich waren es Leute aus der Batschka mit sehr viel Gepäck.

Die Verpflegung war sehr schlecht, abwechselnd Erdäpfelsuppe (nur von der Schale) mit Erbsensuppe, mit Einlage (die Würmer schwammen in der Suppe, dass es einem ekelte sie zu essen) und verschimmeltes Kommissbrot, von April abgestempelt. Für Kleinstkinder bekamen wir täglich drei Esslöffel voll Griesbrei und einen Schöpflöffel Milch. Beim ersten Verpflegung fassen wunderten wir uns, weil die Frau beim Kessel die Milch dauernd umrührte. Als wir bei unserem Bett ankamen, sahen wir des Rätsels Lösung. Die Milch war plötzlich klares Wasser und nur ganz unten am Boden des Geschirrs ein weißliche Ablagerung. Ewald wollte das Zeug nicht trinken und die Suppe überhaupt nicht essen. Das war eine Tagesration.

Der Hangar war vollgestopft mit Menschen. Ewald machte, bis aufs Essen, dieses Zigeunerleben nichts aus. Die Leute um uns herum spielten mit ihm und hatten ihren Spaß. Er paradierte mit dem Nachttopf am Kopf.

Unser Essgeschirr und auch Nachttopf wuschen wir, in Ermangelung einer anderen Möglichkeit, im hinter dem Hangar fließenden Bach aus. Wir waren dauernd unter Bewachung der Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr, wie Schwerverbrecher. Am unangenehmsten war die Kloanlage. Ein U-förmiger Graben mit Stühlen, mit Lehne und Armstützen, ohne Sitzfläche, nur der Rahmen war da. Man stand Schlange, bis man drankam. Alles unter Aufsicht des Posten und der Wache. Schrecklich! Hier blieben wir zwei Wochen. Es wurde uns erlaubt in die Heimat zu schreiben. Ob es je ankam? In der zweiten Woche, bevor man uns weiter transportierte, bekamen wir Weißbrot, Zwieback und Pferde-Dosenfleisch, unaufgewärmt. Das erstemal schmeckte es köstlich. Aber dann brachte man es nicht mehr runter und das Weißbrot hielt nicht an,. Wir hungerten dauernd.

Die Batschkaer, es waren viele Miletitscher unter ihnen, wussten sich zu helfen. Sie hatten noch Mehl und Schmalz. Sie suchten sich Ziegel oder größere Steine, bedeckten diese mit Blech oder einer Eisenplatte, machten darunter Feuer, auf den sie dann Kücherl bucken oder Einbrennsuppe kochten. Auf diese Weise buken wir unsere schimmelige Brotration, anders war es unmöglich das Brot zu essen. Je mehr Batschkaer kochten, umso kleiner wurden unsere Rationen. Kathi und ich gaben unsere Fleischrationen, drei für eine ungeöffnete Dose. Wir hatten jede schon drei Dosen beisammen, da traf ich Frau Putz, die Gattin unseres Jabukaer Schuldirektors, Putz Johann, Gretl war auch mit ihnen. Sie beklagte sich, dass ihr Mann so viel an Hunger leide. Ich gab ihr eine Dose, eine meinen Schubert-Verwandten und eine behielt ich als eiserne Reserve.

Ich bekam Mandelentzündung mit hohem Fieber. Ich meldete mich krank. Da noch einige krank waren, brachte man uns in einem kleinen Bus in die Stadt, ins Krankenhaus. Hier waren wohl noch deutsche Ärzte, aber keine Medizin. Sie konnten nicht helfen. Als sie erfuhren, dass ich ein kleines Kind habe, gaben sie mir eine Tuchent und Polster samt Überzüge, es würde ja doch alles weggenommen und verschleppt werden, sagten sie.

Als wir ins Lager zurückkamen, war zu meinem größten Entsetzen der Hangar leer. Was ist mit Ewald geschehen? Ich war der Verzweiflung nahe! Die Leute wurden zum Zug gebracht und in unbedeckte Viehwaggons verladen. Da fand ich die Schuberts und auch Kathi mit unseren zwei Kindern wieder. Ein Glück, dass ich nun die Tuchent hatte, die Nächte waren schon kalt. Kaum dass ich zugestiegen war, fuhr der Zug ab und niemand wusste wohin. Es war stockdunkel als der Zug hielt. Zu unserem Schrecken kamen Russen mit aufgepflanztem Gewehr herein und suchten sich junge Burschen und Mädel aus, die sie gleich mitnahmen. Mein ältester Cousin, Schubert Franzl, war auch dabei. Unsere Zugbegleiter waren von hier an nicht mehr Amis, sondern tschechische Soldaten und Wachen. Nach ungefähr zwei Tagen hielt der Zug wieder. Ein Teil musste mit Kind und den Sachen aussteigen, der Rest fuhr weiter.

Wir wurden in einem Gasthaus im Saal untergebracht. Wir mussten das Stroh für unser Lager holen. Dann hieß es: Alle die gehen können, müssen aufs Feld. Kathi ging, ich blieb bei den Kindern. Zu Mittag kamen alle zurück zum Essen, welches diesmal gut und genügend war. Da hörte ich, dass sie Hopfen rupfen waren. Für jeden vollen Korb wurden sie entlohnt, ich habe vergessen, wie viel Kronen man pro Korb bekam. Am nächsten Tag wäre ich dran gewesen, aber da Kathi flinker war als ich, ging sie wieder und ich blieb bei den Kindern. Das ging so einige Tage, bis die Felder abgeerntet waren. Dann mussten wir wieder in unsere Viehwaggons und es ging woanders hin, zur selben Arbeit. Das ging so, zirka zehn Tage, bis Septemberanfang.

Nach der Hopfenernte brachten sie uns auf den Viehmarkt nach Tabor. Da wartete schon ein Gruppe tschechischer Bauern, die uns wie das Vieh, von allen Seiten und Winkeln betrachteten. Wie erniedrigend für uns das war. Um das zu beschreiben finde ich keine Worte. Wenn ich nach zweiundvierzig Jahren daran denke, erröte ich heute noch vor Scham.

Kathi und ich wurden getrennt – kamen jede auf einen Bauernhof – zirka vierzehn Kilometer voneinander weg. Wir konnten uns nicht mehr gegenseitig besuchen, blieben aber in Verbindung, wir schrieben uns.

Ich kam nach Dolni Kouti zu Mrazek Frantischek. Am Markt wurde mir versprochen, dass ich nur in der Küche und im Haus helfen müsse, weil Ewald war erst fünfzehn Monate alt. Die Bäuerin war zu Ewald gut, sie hatten zwei Mädel, die größere ging schon zur Schule, die kleinere war fünf. Seine Eltern lebten. Die Mutter war eine Deutschhasserin, die es dich spüren ließ, der Vater war alt und gebrechlich. Zwei deutsche Kriegsgefangene waren als Knechte da. Diese waren am Dachboden einquartiert, ich darunter in einem kleinen Raum, mit einer Brettertür mit fingerbreiten Ritzen und Steinboden. In dem Raum stand ein altes Bett, in dem ab nun Ewald und ich schliefen.

Am ersten Tag half ich in der Küche. Um Ewald konnte ich mich nicht kümmern, nicht einmal aufs Topferl setzen, so viel war zu tun. Seine Spielhoserl waren unten zum knöpfen. Er lief den ganzen Tag mit offenem Hoserl herum. Der Großvater passte auf die Kinder auf, konnte sich selber fast nicht helfen. Am dritten Tag musste ich mit der Bäuerin mit, Erdäpfelkraut mit der Sichel abschneiden, auf einen Haufen zusammentragen und verbrennen. Am Sonntag woolte ich Ewalds Sachen waschen, kam aberschlecht an. Ich war der Meinung, dass ich, wie alle Kriegsgefangenen im Ort, frei habe. Ich irrte mich, bei Mrazeks mussten wir arbeiten.

Die alte Mutter flickte ihre lumpigen Sachen und schimpfte: „Euer Hitler ist schuld weil wir nichts Ordentliches haben.“ Da sagte ich: „Ihr habt wohl vorher auch nichts gehabt.“ Da erfuhr ich, dass er im Konzentrationslager war. :Ja warum denn,“ fragte ich? „Weil er ohne Bewilligung Schweine geschlachtet habe,“ antwortete mir der Bauer. Da musste ich lachen und sagte, dass es unseren Bauern nicht besser ging, wenn sie sich erwischen ließen. Von da an war es für uns drei schlecht bestellt, er behandelte uns wie Leibeigene.

Die zwei Soldaten sagten mir, ich solle mir nichts anmerken lassen, dass ich mich vor ihm fürchte, sonst wird es nur noch schlimmer. Ab nun war es mit meinem Küchendienst aus, ich musste aufs Feld. Angefangen hatte es mit Jauche führen. Ich musste mit ihm zusammen das Jauchefass vollschöpfen. Nie im Leben habe ich so was getan, überhaupt nie Bauernarbeit. Meine Eltern waren Handwerker, beide geprüfte Schneidermeister mit eigener Werkstatt. Sie ließen uns schulen, um es mal im Leben leichter zu haben. Als nächstes wurden die Erdäpfel geerntet. Ich musste sie einklauben, immer nur „dali“. Als das getan war, musste ich am Feld Steine klauben. Am Waschtag musste ich im Haus helfen. Meine Hände und Finger waren schon eine offene Wunde, so aufgearbeitet. Er, der ehemalige KZ-ler ging uns mit der Peitsche nach.

Als die Ernte eingebracht war, die Felder mit Weizen angebaut waren und es schon anfing zu regnen, es war auch schon kalt, da sagte er zu mir, am Sonntag Nachmittag, dem sechsten Oktober: „Morgen Früh bringe ich dich ins Gefängnis, weil du nicht arbeiten willst.“ Da fürchtete ich mich doch. Die beiden Soldaten trösteten mich und sagten, ich solle es nicht zeigen, dass ich mich fürchte, weil er würde sich nur freuen und schlimmer, als es uns hier geht, kann es nirgends sein.

Also packte ich meine Sachen, in der Früh führte er mich ab. Beim Arbeitsamt hielt er, um mich abzumelden und zu zahlen. Die Bauern mussten dem Staat, anstatt uns zahlen. Wir waren Sklavenarbeiter. Da muß Mrazek gesagt haben, dass ich die Arbeit verweigere und darum bringe er mich fort. Der Beamte kam und fragte mich, warum ich nicht arbeiten will. Ich war überrascht, sagte nichts und zeigte ihm nur meine verschrundenen Hände. Der schimpfte Mrazek, weil er ihn anlog und ging. Mrazek ganz rot vor Wut, sagte: „Jetzt kommst wirklich ins Gefängnis.“ Er brachte mich vor ein Haus, in welches gerade deutsche Soldaten, mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt, hinein geführt wurden. Da war es mir wirklich nimmer alles eins, was mit mir wird. Es dauerte ziemlich lange bis Mrazek wieder rauskam, in Begleitung eines hohen Offiziers in tschechischer Uniform, der mich auf gut deutsch fragte: „Wie alt ist ihr Kind?“ „Noch keine anderthalb Jahre“ antwortete ich. Er sagte: „Das Kind ist noch zu klein, wir können es ihnen nicht wegnehmen. Aber sie haben Glück. Am Bahnhof ist ein Transport mit 140 ihrer Landsleute und dorthin wird Mrazek sie bringen.“

Der Bauer musste uns zum Bahnhof bringen, der Offizier aber begleitete uns, neben dem Wagen hergehend. Angelangt, musste Mrazek meine Sachen vom Wagen abladen und die Leute dort halfen, alles in den Waggon tragen. Ich bedankte mich beim Offizier für seine menschliche Tat, zu Mrazek aber sagte ich: „Dir bin ich nichts schuldig“ und ging. Hier traf ich wieder Landsleute, ja sogar Weißkirchner und Jabukaer. Weiß Magda mit Mutter, Fischerneni, meiner Mutters Tante, Putz Lehrer mit Frau und Gretl. Ich war also nicht mehr allein!

Nun ging die Fahrt wieder ins Ungewisse. Niemand wusste, was mit uns geschehen soll. Der Zug hielt in Prag. Da mussten alle raus und per Straßenbahn über die Moldaubrücke. Da fiel mir ein Lied ein, dass Mami noch in Weißkirchen ab und zu sang: Prag is sie a schöne Stadt, hat sie viele Brucken, hat sie viele Monumente, lauter Nepomuken.

Den Hradschin haben wir gesehen und auch das „Goldene Pflaster“. Aber unsere Lage war gar nicht goldig – der Hass gegen alles Deutsche wuchs, auf Schritt und Tritt bekamen wir es zu fühlen.

Wir sind wieder in einen Zug verladen worden und fuhren gegen Norden. Bei Brüx, Dux und Aussig vorbei, dann wieder nach Prag. In Prag auf ein Seitengleis für zwei, drei Tage abgestellt. Hier kam ein jugoslawisches Komitee – Gretl und ich wurden geschickt,um zu verhandeln. Diese fragten nach unseren Männern, nachdem wir sagten, wir seien jugoslawische Staatsbürger. Wir antworteten, sie seien auf Arbeit, wir wüssten nicht wo. Sie brachten uns Verpflegung: Brot, Marmelade und Kaffee, für die Kinder Milch. Wie tat das gut!

Am nächsten Tag kamen sie wieder und schimpften, weil wir nicht sagten, dass wir Deutsche seien. „Aber, wir sind doch jugoslawische Staatsbürger“ erwiderten wir. Sie antworteten: „Nicht mehr. Ihr habt keine staatsbürgerlichen Rechte mehr. Ihr seid ausgebürgert.“ Das war ein harter Schlag! Wenigstens waren wir einmal satt!

Der Zug setzte sich in Bewegung. Richtung Heimat hieß es! An der österreichischen Grenze wurden wir abgewiesen. Also wieder zurück nach Prag, wieder nach Brüx, Dux,Aussig. Es ging uns wie den Juden während des zweiten Weltkrieges, auf einem Schiff von Europa nach Amerika hin und her gondelnd. Kein Staat wollte sie landen lassen. Im Film „Exodus“ in unserer neuen Heimat im Fernsehen schon einige Male dargestellt. Damals im Oktober 1945 wußte ich vom Schicksal der Juden nichts Bestimmtes, ich ahnte nur, dass ihnen Unrecht geschah. Damals verglich ich unsere Odyssee mit dem Lied. „Die Wolken ziehn dahin, daher ... es will sie keiner mehr ...“ Man muß nur das Wort Schwaben anstatt Wolken setzen.

Einmal am Tag hielt der Zug und es gab schwarzen, ungezuckerten Kaffee und ein Stück Brot, aber nicht regelmäßig. Not verrichten konnten wir auch nicht gehen, weil wir im Waggon eingesperrt waren. Ich hatte Ewalds Topferl und so konnten wir zwei uns helfen. Andere nahmen leere Fleischdosen. Ein Mädel musste auch gehen, die Dosewar aber zu klein, so schrie sie: Mutter, leer sie schnell aus, ich bin no nit fertig! Trotz des Jammers mussten wir lachen.

Manchmal ließ man uns raus, in die Büsche gehen. War da zufällig ein Rübenfeld in der Nähe, nahmen wir uns welche zum essen mit. Dann wieder standen wir neben einem Erdäpfelfeld, da grub man einige mit bloßen Händen aus, um sie am Feuer zu kochen. Kaum war das Wasser warm, musste man schon wieder einsteigen und der Zug fuhr weiter. Beim nächsten Halt kochte man weiter.

Einmal waren wir in Brandeis an der Elbe in einem Gasthaus, im Saal, einquartiert. Da ging es uns gar nicht gut. Da ging ich mit Ewald am Arm sogar betteln, viele meiner Leidensgenossen tatan es auch. Auch im Unglück findet man gute Menschen! In einem Gasthaus bekam ich einen Teller Gurkensuppe frei. Von daheim kannte ich sie nicht, sie schmeckte vortrefflich. Ja, Hunger ist der beste Koch.

Nach einigen Tagen Aufenthalt, hieß es wieder schnellstens zum Bahnhof. Also raus mit dem Gepäck. Der Eigentümer verlangte, dass wir, bevor wir gehen, zuerst den Saal aufreiben. Das mussten wir jüngeren tun. Derweil saßen die alten Frauen und weinten. Weil sie das Gepäck nicht tragen konnten sagten unsere tschechischen Aufseher und Soldaten schadenfroh: „Es ist schon recht so, da bleibt uns wenigstens alles!“ Ich dachte mir: Bevor ich’s euch gebe, zünd ich’s an, ging in das Gasthaus, wo ich die Gurkensuppe bekommen habe und bat sie, wenn sie ein Wagerl haben, es mir auszuborgen, ich würde es bestimmt zurück bringen. Der Wirt lieh es mir, es war ein Plateauhandwagen, auf welchen man ziemlich viel auflegen konnte. Wir rackerten uns zwar ab, aber wir schafften es, alle unsere Habseligkeiten zum Bahnhof zu bringen und auch das Wagerl zurück zum Wirt zu bringen. Atemlos, aber doch rechtzeitig, erreichten wir den Zug. Der Zug fuhr ab und wir waren wieder im Ungewissen, wohin es nun geht.

Plötzlich sprangen auf unseren Zug, in unseren Waggon, tschechische Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr und forderten von uns alles Geld, egal in welcher Währung. Wehe, bei dem sie nachher noch Geld finden. Viele haben tatsächlich das Geld hingegeben. Ich hatte meines in unserem Pinkerl verpackt. Bei mir im Geldbörserl hatte ich nur Kleingeld, Münzen und die wollten sie nicht. Sie zogen ab, bzw. sprangen ab und der Spuk war vorbei. Nach einer Weile hielt der Zug – wir waren in Bad Schandau. Wir atmeten auf. Endlich in Deutschland. Wenn auch in der sowjetischen Zone, es ist doch Deutschland!

Wir kamen wieder in ein Lager. Die Verpflegung war mager, aber Angst vor den tschechischen Soldaten und Mrazeks brauchten wir keine mehr ausstehen. Inzwischen war es Ende Oktober geworden. Nach zwei Tagen erfuhr ich, dass der Transport weiter nach Westen gehen wird. Ich bat den Lagerleiter mich mit diesem Transport mitgehen zu lassen, weil ich mich von der nahen tschechischen Grenze fürchte. Wir kamen bei Dresden vorbei. Der Anblick dieser Geisterstadt war gruselig und deprimierend. Mauern nur mit Fensteröffnungen, Schlote ohne Gebäude, alles ein Schutthaufen. Was da passierte, wissen wir ja von früher, im Radio gehörten Nachrichten. Dresden war eine Lazarettstadt und gerade mit zigtausenden Flüchtlingen, von Osten kommend, vollgestopft, als hunderte Ami-Bomber teppichartig die Stadt in mehreren Anflügen bombardierten und vernichteten.

In Gera wurden wir entlaust – ich habe mir da wieder einmal Läuse zusammen geklaubt! Wir wurden in die umliegenden Ortschaften im Kreis Schleiz in Thüringen aufgeteilt. Meine Fischerneni, die Weiss Frauen und noch eine Frau kamen in ein Zimmer. Mich mit Ewald musste ein älteres Ehepaar aufnehmen. Mit der Verpflegung war es hier sehr schlecht. Für alles musste man sich anstellen, wenn etwas von der Lebensmittelkarte aufgerufen wurde und meistens war es schon ausgegangen, noch bevor man an die Reihe kam.

Da ich kein Kochgeschirr hatte, ging ich aufs Gemeindeamt um einen Bezugschein, ohne Bezugschein konnte man überhaupt nichts bekommen. Damit konnte ich mir einen eineinhalb Liter Suppentopf mit Deckel kaufen. Diesen Topf benutze ich heute noch, den Deckel habe ich irgendwie verloren.

Ewald litt unter der jetzigen Ernährung sehr, er war gar nicht gut ernährt. Oft schrie er auf, als ob er Fraisen hätte. Augenzähne hatte er noch keine, obwohl er rechtzeitig zu zahnen angefangen hatte. Mit sechs Monaten war der erste Zahn da und eine Woche später der zweite. Die Frau wo wir wohnten, ich weiß leider ihren Namen nicht mehr, riet mir, einen Arzt aufzusuchen. Der Arzt stellte rachitische Veranlagung fest. Die Öffnung am Kopf war noch nicht hart zugewachsen, wie es eigentlich schon mit einem Jahr sein sollte. Er verschrieb mir Lebertran und schickte mich in die Apotheke. Da hatte ich Glück. Der Magister gab mir eine Flasche, obzwar er, wie er sagte, es nur Einheimischengeben dürfe.

In einem Handarbeitsgeschäft fand ich eine Heimarbeit. Ich bekam Kunstgarn und Glasstricknadeln und sollte Handschuhe stricken. Als Heimarbeiterin bekam ich eine Lebensmittelzusatzkarte.

Eines Tages fand ich in der Zeitung ein Anzeige: Es werden noch Schüler in der Staatlichen Industrieschule-Kunstgewerbliche-Fach- und Berufsschule für Keramik und Spielzeug in Sonneberg in Thüringen aufgenommen. Ich zeichnete und spielte ja schon immer gerne mit Puppen. Ich schrieb gleich an diese Schule. Ich musste unbedingt etwas unternehmen. Von meinem Peter wusste ich nichts – lebt er überhaupt noch? Beruf hatte ich keinen erlernt. Ich heiratete von der Schule weg, ich war in der achten Klasse Gymnasium. Geld hatte ich ja, das würde eines Tages ausgehen und ich werde vor dem Nichts stehen.

Die Antwort war schnell da. Ich brauchte eine Unterkunft und Zuzugsgenehmigung. Direktor Döbrich von der Schule in Sonneberg beschaffte mir beides. Noch vor Weihnachten siedelte ich nach Sonneberg um. Fischerneni half mir, alles waschen und einpacken, so konnte ich mit sauberen Sachen wieder neu anfangen.

Es war eine lange und kalte Reise. Die Züge waren ungeheizt und wir froren sehr. Lang war sie, weil der Zugverkehr nur eingleisig ging. Die anderen Geleise hatten die Russen abmontiert und nach Russland verbracht. Ein Ausweichgleis gab es nur in den Stationen, wo man den Gegenverkehr abwarten musste. Die Russen haben auch alle Näh- und sonstige Maschinen requiriert und nach Russland transportiert.

In Sonneberg sollten wir erst auf drei Wochen in die Quarantäne. Jedoch Direktor Döbich ließ sein Beziehungen spielen und es genügte eine Stuhluntersuchung, die negativ war, wegen Typhus. Die erste Nacht in Sonneberg verbrachten wir in der Schule, weil mein Zimmer bei Frau Ehrhardt Charlotte, in der Georgstraße Nr.36, noch nicht frei war. Es wohnten da noch ein Ehepaar mit einem dreijährigen Mäderl und einer alten Mutter. So hausten wir, Ewald und ich, bis Ende Jänner in Frau Erhardts Wohnzimmer. Wir bekamen bei ihr auch die Verpflegung. Ich gab ihr die Lebensmittelkarten, behielt mir die Brotmarken. Sie hatte vier Kinder imAlter von acht bis vierzehn, Hans Joachim, Horst, Gudrun und Sigrid. Ihr Mann war im Krieg vermisst.

Ab Neujahr war ich also Schülerin der Staatlichen Industrieschule. Es waren nicht viele Schüler und Schülerinnen, aber sehr gute Fachlehrer.

Der Lehrer für Scheiben drehen, Gipsarbeit und Modellieren war als Fachmann in einer Fabrik wo Puppenköpfe aus Porzellan hergestellt wurden. In dieser Fabrik machten sie auch die Konsolen auf den Masten für Starkstrom und prüften sie auch. Das war ein Blitzen und Krachen, als es uns bei einer Besichtigung vorgeführt wurde, die sehr Interessant war.

Der Lehrer für Porzellanmalerei war in einer Fabrik Abteilungsleiter, wo Geschirr bemalt wurde. Hier waren auch die großen Öfen in denen verschiedene Gegenstände bei verschiedenen Temperaturen gebrannt wurden. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen.

Direktor Döbich unterrichtete uns Deutsch, Rechnen, Zeichnen und Schriftzeichnen.

Wir hatten eine schöne Holzwerkstätte mit verschiedenen Band-, Rund- und Kreissägen, Drechselbank und Bohrmaschine. An den Sägen durften nur männliche Schüler arbeiten. Da war auch eine gut eingerichtete Gipswerkstatt mit fünf Drehscheiben, ein Modellierraum und eine Nähmaschine. Wir lernten einen Schnitt für Stoffpuppen ausrechnen, zeichnen und die Puppe nähen, so auch Stofftiere. In diesem Fach wurde uns immer wieder eingeschärft: Spielsachen sollen schön sein. Damit soll man ja im Kinde den Sinn fürs Schöne wecken. Heute stellt man mit den garstig verunstalteten Puppen dieses Prinzip auf den Kopf.

Die Schule bekam auch Aufträge, die dann die Schüler anfertigten und so auch Geld verdienen konnten. So machten sie Jausentaschen aus dünnem Sperrholz für die Kindergartenkinder. Die Burschen schnitten die Teile mit der elektrischen Säge aus, bohrten die Löcher am Rand und die Schülerinnen bemalten mit Blumen und Blättern die Teile, die lackiert wurden und zum Schluß mit Nylongarn zusammen genäht und ein Band zum Umhängen angenäht wurde. Einmal kam ein Auftrag ein Modell anzufertigen mit dem eine Blume, eine Brosche zum Anstecken gemacht werden kann. Diesen Auftrag bekam ich. Aus Ton modellierte ich eine Blume, davon machte ich einen Gipsabdruck, welcher dann das Model wurde. Auch Jausentaschen machte ich oft. Für Ewald durfte ich vor Ostern einen Hasen auf einem Brett mit Radeln zum Ziehen machen.

Dann lernte ich Drechseln und machte nach eigenem Entwurf Schachfiguren. Die hellen waren sogar in Weimar auf einer Ausstellung, so auch eine gedrechselte Puppe von mir, in Rokokokleid – alles selbst entworfen, gedrechselt, bemalt und das Kleid genäht. In dieser Schule lernte ich viel, obwohl ich nur Gelegenheit hatte, zweieinhalb Semester mitzumachen.

Derweil ich in der Schule war, war Ewald bei Frau Erhardt gut aufgehoben. So hatte ich Gelegenheit, zu lernen und auch zu verdienen, weil meine Geldreserven hätten nicht gereicht, die Schule zu beenden.

Frau Erhardt musste manchmal „hamstern“ gehen, weil das, was man auf die Lebensmittelkarten zu kaufen bekam, wenn überhaupt, war alles andere als genug. Als Schülerin hatte ich eine Zusatzkarte, trotzdem reichte es nicht. Einmal in der Woche gingen die Kinder vom Fleischer eine Wurstsuppe, aber nur Suppe, holen. Wie gut schmeckte dann die Kartoffelsuppe wenn sie nur nach Wurst roch!

Sonneberg ist eine nette Stadt, in einem Tal, umgeben von Bergen, gelegen. Anfangs kam ich mir hier wie eine Gefangene vor, weil die Berge so nahe waren und ich in der Ebene aufgewachsen war. In Weißkirchen war das Gebirge weiter weg. Auch daran habe ich mich gewöhnt. Sonneberg ist eine weltbekannte Spielzeugindustriestadt mit dem größten Puppenmuseum der Welt. Da gab es von der primitivsten Art Puppe – aus einem Stück Holz etwas zugeschnitzt – an, alle möglichen Puppen zu sehen. Auch Wachspuppen und die neueren weltbekannten Käthe-Kruse-Puppen. Schade, dass ich nicht öfter hinging. Und in dieser großen Spielzeugstadt gab es seit dem Kriegsende für deutsche Kinder keine Puppen – alles wurde schön verpackt nach Russland geschickt. Um nebenbei zu verdienen, habe ich öfters Puppen eingepackt und so weiß ich, wohin sie gingen.

So ist die Zeit in Sonneberg recht und schlecht verlaufen – alles nahm quasi seinen normalen Lauf. Wir lebten immer in Angst, wussten nie, was der nächste Tag bringen wird. Viele junge Burschen, vierzehn- bis sechzehnjährige, wurden nachts von den Russen ausgehoben, auf Lastwagen verladen und angeblich ins Gefängnis gebracht. Was mit ihnen geschah erfuhr man nie. Frau Erhardt lebte immer in Angst, ihr Ältester war vierzehn. Schräg gegenüber von uns, wo wir wohnten, war die russische Kommandantur, die nachts immer sehr hell beleuchtet war. Ich hatte immer Angst, wenn ich dort hingehen musste. Wir Flüchtlinge mussten uns monatlich melden. Dort war ein Weißrusse der deutsch sprach, was das Melden einfacher machte. Ich wollte russisch lernen und ging in einen Abendkurs. Habe aber das bisschen das ich konnte, inzwischen auch schon vergessen.

Von der Schule aus besuchten wir Konzerte und Theaterstücke, natürlich alles gegen Nazideutschland gerichtet. Unser Schuldirektor sagte immer, es gehöre zur guten Bildung sich alles anzuschauen und anzuhören, nur so könne man sich selbst ein Bild über etwas machen.

Ich verstand mich mit Frau Ehrhardt gut, wir hatten viele gemeinsame Interessen. Sie wusste nichts von ihrem Mann und ich nichts von meinem Peter. Sie ging gern ins Kino und ins Theater, so auch ich. Wir gingen immer miteinander und nahmen Hans Joachim mit. Da sah ich einige Operetten, wie: Die lustige Witwe, den Vetter aus Dings da, das Schwarzwaldmädel, auch die Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“. „Naulot“ sah ich auch. Diese geistige Nahrung half uns oft über den Hunger hinweg.

Als Fischerneni starb, fuhr ich nach Tanna zum Begräbnis.

Peter und ich hatten einige Ausweichadressen, durch die wir hofften, uns wieder zu finden, wenn etwas schief gehen sollte. Ich schrieb alle an, aber niemand wusste etwas über den Verbleib Peters. Auch die Offiziere vom Büro in der Poincare in Belgrad, wo wir wohnten, wussten nichts von ihm. Ja sie schrieben mir, dass sie entnazifiziert wurden und alles verloren durch die Bomben und die Strafe.

Mit Wacker Peter , ein Kamerad Peters und Hansis, gebürtig aus Ernsthausen, war ich in brieflicher Verbindung. Er schickte mir auch ein Packerl mit etwas Essbarem. Auch von der evangelischen Kirche holte ich mir einmal ein Packerl Grieß und ein Stück Seife. Durch eine Karte wurde ich verständigt, das abzuholen.

Im Frühjahr 1946, am vierten April, wurde endlich erlaubt, nach Österreich zu schreiben. Ich schrieb sofort an Christl, meine Schwägerin, die ich in Bad Vöslau wußte und an meine Großeltern ins Burgenland. Rosltante gab mir noch in Pilsen die Adresse von Otatis Schwester, bei der sie waren. Nach Hause, an Mami und Tati, habi ich ja schon öfters geschrieben, aber ohne Erfolg. Ich hoffte, diesmal eine Antwort zu bekommen. Endlich, am siebenundzwanzigsten Mai, zu meinem Geburtstag, kam die erste Nachricht von Christl. Am nächsten Tag von Peter. Diese Briefe und auch alle folgenden waren zensuriert und trugen den Stempel "Military Censorship – Civil Mail".

Wie froh und glücklich war ich! Ich wusste nun, dass ich nicht mehr allein bin auf der Welt. Mein Peter lebt und wohnt bei seiner Schwester in St. Georgen im Attergau. Auch von meinen Großeltern kam Nachricht. Sie schrieben, dass Peter sie noch in Budweis einmal besuchte. Mein Schreiben wurde Christl von Bad Vöslau nachgesandt. Von nun an schrieben wir uns fleißig. Von Peter erfuhr ich, dass meine Eltern im Lager Jabuka sind, Vera mit ihrer Christili im Hungerlager Rudolfsgnad und Rudibaci mit Agnestant in Karlsdorf.

Im Herbst 1946 kam auch Feger Kathi mit Elfriede aus der Tschechei nach Tiefenort in Thüringen an der Wera. Ich fuhr mit Ewald, sie auf ein paar Tage zu besuchen. Wir hatten ja soviel zu erzählen. Wir beschlossen, auch schwarz über die Grenze zu flüchten, anders war es ja nicht möglich. Unsere Kinder vertrugen sich am ersten Tag sehr gut. Am zweiten aber rauften sie, Elfriede hatte Ewald gebissen – so fuhren wir halt wieder nach Sonneberg zurück.

Mitte Oktober kam Post von Putz Gretl. Sie ist in Mecklenburg Vorpommern. Mitte November kam Familie Fischer aus dem Egerland nach Hainstadt am Main.

Peter erinnerte mich dauernd an unser Gepäck in Passau, aber ich verstand nicht was er mir sagen wollte. In einem Brief schrieb er dann deutlicher, ich solle mich doch um unsere Sachen in Passau kümmern, da kapierte ich. Von nun an begann ich mich mit dem Grenzübertritt zu befassen. Ich rief Kathi nach Sonneberg, damit wir miteinander flüchten. Sie wollte aber dort bei ihr in der Nähe über die Grenze. Also handelte ich allein.

Ich ließ mir von allen Bekannten und Mitschülern aus der Umgebung erklären, wie ich am besten hinüber komme. Ich besorgte mir zwei Kisten, um die Sachen zu packen. Als ich alles beisammen und auch den Tag festgelegt hatte, ging ich in die Kommandantur zum Dolmetscher, der versprochen hatte mir zu helfen. Wäre ich eine Woche früher gekommen, hätte er mich per Auto nach Fürth am Berg, in Bayern, bringen können, sagte er.

Ein Pechvogel wie ich einer bin, ich komme ja immer zu spät. Nun teilte ich ihm mit, dass ich fliehen werde und sagte ihm auch, welchen Weg ich nehmen werde. Er riet von diesem Weg ab. Nahm eine kleine Landkarte und begann mir seinen Weg zu erklären. In diesem Moment kam der Kommandant ins Zimmer und wollte wissen, was ich will. Nachdem er ihm sagte, dass ich zu meinem Mann nach Osterreich wolle, sagte der Kommandant. „Nur mit Zuzugsgenehmigung“. Als der Dolmetscher mir das übersetzte und zuzwinkerte, wusste ich wie viel die Uhr geschlagen hat und ging. Der Weißrusse sagte mir, dass er eine Frau und ein kleines Kind habe, aber nicht wisse ob und wann er sie wiedersehen werde.

Zuerst erkundigte ich mich in der Schule, ob nicht zufällig jemand aus dem Ort ist, den mir der Dolmetscher nannte. Es war gerade eine ehemalige Schülerin zum Glück da. Sie versprach, sie werde sich für uns nach einem Nachtquartier umschauen, ich solle kommen und sie werde mir einen Weg zeigen.

Nun packte ich meine Sachen in die zwei Kisten , die ich bei Frau Ehrhardt stehen ließ, um sie mir später nachschicken zu lassen. Mitgenommen habe ich nur etwas Mundvorrat, für Ewald etwas zum Wechseln und für mich einen Mantel und einen habe ich angezogen. Mittwoch, den elften Dezember, um sechs Uhr abends, ging ich weg. Sachen die ich mitgenommen habe, steckte ich in Ewalds Schlafsack und diesen ins Kinderwagerl, es war ein Sportwagerl.

Ewald, gut angezogen, legte ich oben darauf und band ihn mit dem Gürtel meines grünen Mantels am Wagerl fest. Frau Ehrhardt begleitete mich den halben Weg bis zum Stadtende. Nachdem wir uns verabschiedeten ging ich allein weiter, in der Hoffnung, es wird schon nichts schief gehen. Zwei Frauen mit Kinderwagen kamen mir entgegen. Ob die wohl aus dem Ort kamen wohin ich wollte. Beim Aussichtsturm mit Scheinwerfern, auf dem man mich in der Kommandantur aufmerksam machte, kam ich, ohne aufgehalten zu werden, gut vorbei.

So ging ich weiter, dauernd in Angst von den Grenzsoldaten geschnappt zu werden. Ich war um neun Uhr am Abend bei dem Mädel, wie verabredet. Da ich eh schon so viel Angst ausgestanden hatte, sagte ich, dass ich am liebsten weitergehen würde. Es war auch ein schöner, heller Abend. Zuerst aß ich etwas, studierte die Landkarte und zitterte dann gegen zehn Uhr, der Landstraße nach los. Ich musste bei einem Umspannwerk vorbei, da war alles taghell beleuchtet. Da ich niemand Verdächtigen sah, blieb ich weiter gehend auf der Straße. Es war Nacht, ich kannte mich in der Gegend nicht aus, so konnte ich es nicht riskieren auf nebenwegen zu gehen. Wenn ich etwas Verdächtiges hörte, ging ich von der Straßeweg ins freie Feld. Einmal wich ich auf einen Friedhof aus. Da setzte ich mich auf einen Grabstein um auszuruhen. Ich glaube, weil ich aufschreckte, dass ich eine Weile geschlafen habe.

In dieser Nacht habe ich so schreckliche Angst ausgestanden. Zum Glück, Ewald schlief fest – die Nacht im Freien hat ihm nicht geschadet. Vor ein paar Wochen hatte er erst Keuchhusten gehabt. Ich hatte nur Angst, in der russischen Zone noch geschnappt zu werden, darauf stand Sibirien, hat man immer gehört. In der Schule, als ich ging, sagte ich: „Macht euch keine Sorgen, ich melde mich aus der Festung Coburg. Dort hat man die illegalen Grenzgeher auf sechs Monate eingesperrt“.

Ein guter Schutzengel hat uns begleitet, weil wir kamen gut und wohlbehalten über die Grenze. Wie war ich froh, als ich die vielen Bahngeleise sah und dahinter den Bahnhof – es war Kronach!

Ich versuchte mit dem Kinderwagerl über die Geleise zu kommen, aber es war ein unmögliches Unternehmen. Wie komme ich da nur hinüber. Es blieb nichts anderes übrig, als entlang der Geleise einen Übergang zu suchen. Endlich fand ich eine Unterführung. Das Herumirren entlang der Geleise nahm mir eine volle Stunde. Es war vier Uhr in der Früh als ich endlich in der Station vor der Auskunft stand.

Der Stationschef musterte mich von oben bis unten. Als er meine dreckigen Schischuhe sah, fragte er: „ Kommens leicht von drüben?“ Ich bejahte es. Er: „Habns Zigaretten?“ „Leider nein“ sagte ich. Als er hörte, dass ich zu Fuß von Sonneberg kam, da sagte er, dass ich ja zirka dreißig Kilometer gelaufen sei. Ich fragte ihn, wann denn ein Zug nach Passau gehe. Er schlug mir vor, mit dem ersten Zug nach Nürnberg zu fahren und zu Mittag von dort weiter nach Passau, wo ich um halb zehn am Abend sein werde. Diesen Vorschlag nahm ich an. Ich hatte wieder Glück. Ich wurde nirgends aufgehalten oder kontrolliert.

Im Zug wurde Ewald lebendig. Ich bin aber vor Erschöpfung eingeschlafen. Ewald war kein scheues Kind, er fand leicht Anschluss. Die Mitreisenden gaben ihm Zuckerl, Kekserl, eben was sie hatten. Als wir schon fast in Nürnberg einfuhren, klärte mich eine Frau auf: ich sollte trachten unter den Ersten auszusteigen und nicht im Bahnhof verbleiben, weil da werden immer Razzien gemacht. Obwohl ich in Nürnberg fremd war, befolgte ich den Rat und entfernte mich gleich vom Bahnhof.

In der Nähe befand sich ein Postamt. Ich telegrafierte an Jerger Karl und bat, mich zu erwarten. An Peter schrieb ich eine Karte, so auch an meine Großeltern im Burgenland und an die Schule in Sonneberg.

Als es Zeit war, dass der Zug bald abfährt, ging ich wieder zum Bahnhof. Der Schaffner wollte mich mit dem Kinderwagerl nicht einsteigen lassen. Dann hat er sich doch erbarmt und half mir sogar beim Einsteigen. Im Zug haben wir beide geschlafen und ich konnte daher nicht auf Zusteigende aufpassen.

In Regensburg war es schon dunkel. Viele stiegen aus, aber noch mehr zu. Da hörte man auch Ausländer reden. Nach Regensburg wurde es finstere Nacht. Die Waggons waren unbeleuchtet. Als ich dachte, dass wir nun bald in Passau sein werden, fragte ich mal: Wie ist denn die Grenze nach Österreich bewacht? Da wars im Abteil mäuschenstill und ich bekam es mit der Angst zu tun. Endlich zündete sich jemand eine Zigarette an und ich sah, dass es ein Mann in Uniform ist. Na, dachte ich mir, jetzt hast etwas angestellt!. Er aber fragte: „Warum?“ Ich antwortete: „Ich will hinüber.“ Darauf antwortete er: „Es ist schwer hinüber zu kommen, weil man vier verschiedene Posten passieren müsse: Herüben die Bayern, die Amerikaner und drüben die Amerikaner und die Österreicher.“ Auf seine Frage woher ich komme, antwortete ich: „Aus der russischen Zone.“ Da meinte er: „Na sie haben ja allerhand vor.“ Damit war die Konversation beendet.

Als wir in die Station Passau einfuhren fragte er mich nochmals: „Werden sie erwartet?“ „Ich hoffe es“ sagte ich. Er: „Kennen sie sich aus?“ Ich: „Nein.“ Er fragte: „Wohin wollen’s denn?“ Ich: „In die St. Nikola Kaserne.“ Nachdem er mit seiner Begleiterin gesprochen hatte, sagte er zu mir: „Meine Freundin führt sie hin, wenn sie nicht abgeholt werden.“ Als der Zug hielt konnte ich durchs Fenster sehen, dass Jerger Karl draußen wartet. Da bedankte ich mich für die angebotene Hilfe, das mit wohlwollendem Lächeln quittiert wurde.

Noch des Rates der Frau vor Nürnberg eingedenk, trachtete ich schnellstens aus dem Zug zu kommen. Jerger Karl schnappte den Kinderwagen und fast im Laufschritt entfernte er sich hinten herum vom Bahnhof und ich lif mit Ewald, so gut es ging, ihm nach. Am Ausgang stand nämlich die Polizei die jeden kontrollierte, sagte er mir unterwegs.

In der Kaserne war alles organisiert. Auf ein Klopfen, machte ein Landsmann von Peter eine Seitentür auf, der andere hatte eine brennende Kerze, weil es kein Licht gab. Sie erwischten den Kinderwagen und im Laufschritt ging's eine steile Treppe hinauf. Im Saal, wo die Flüchtlinge untergebracht waren, war für uns ein Nachtlager frei gemacht.

Eine Woche hat uns Landsmann Jerger dort schwarz gehalten. Jeden Mittag ging er mit mir in ein Gasthaus zum Essen. Bei der Kontrolle am Tor genügte sein Passierschein. Ewald bekam im Lager das Essen, die Jabukaer Landsleute verwöhnten ihn. Wir wurden da kein einziges Mal kontrolliert.

Jerger versuchte inzwischen, Peter zu verständigen, dass er zur Grenze kommen soll, uns abzuholen . Eines Tages war es soweit und wir gingen zum Inn.

Jerger sagte zu mir: „Ich geh voraus und sie folgen mir. Sollte ich zurückkommen, dann kennen wir uns nicht. Das heißt , der Grenzer ist da, umdrehen und zurück gehen.“ Wir hatten Glück, wir kamen gut über die Brücke. Drüben brachte er mich zu einer Frau die mich über die Grenze schleusen soll. Peter hat sagen lassen, dass ich außer Geld, weder Ausweis, Bilder oder Kinderwagen mitbringen soll. Der Frau gab ich hundert DM, um mich hinüber zu schmuggeln. Der Kinderwagen blieb auch bei ihr. Jerger nahm alles andere mit sich zurück nach Passau. Bei der Frau blieben wir bis acht Uhr abends.

Während der Zeit, die ich in Passau war, hielt der Winter Einzug. Es hat ziemlich geschneit und es war auch sehr kalt. Ich zog Ewald alles an was ich von ihm mit hatte. Auch ich zog meine beiden Mäntel an. Die Frau nahm eine Milchkanne und wir machten uns auf den Weg. Sie ging der Straße nach zum Grenzhaus, um sich mit den Grenzern zu unterhalten. Sie hatte einen Grenzübertrittschein (Ausweis), weil sie unmittelbar an der Grenze wohnte und von drüben die Milch holte. Mich instruierte sie, über die Wiesen, längs des Baches, neben den Büschen zu gehen. Der Schnee reichte mir bis Mitte der Waden. Die Vertiefungen am Rain konnte ich nicht sehen und fiel jedes Mal, wenn ich da hineinstieg, mit Ewald, den ich trug, in den Schnee. Ich konnte schon nicht mehr. Da kam die Frau auch schon hinter einem Busch hervor und fuhr mich an: „Wo steckens denn so lang? Schnell, schnell sie kommen ja schon!“ Sie schnappte Ewald und rannte fast im Laufschritt voraus und ich, ob ich konnte oder nicht, musste auf der rutschigen Straße folgen. Der ganze Weg dauerte keine Stunde, aber mir schien es eine Ewigkeit. Endlich erreichten wir das Haus, wo Peter für uns ein Nachtquartier gefunden hatte und auf uns wartete. War das ein glückliches Wiedersehen nach fast zwei unendlich langen Jahren ungewollter Trennung.

Flüchtlinge von Syrmien, sie hießen Fritz, stellten uns ihr Schlafzimmer mit Ehebetten gratis zur Verfügung. Ewald schlief zwischen uns. Als er in der Früh aufwachte, setzte er sich auf, schaute mich an und dann Peter und sagte zu ihm, verschmitzt lächelnd: „Du watscha Peter (Du schwarzer Peter).“ Wir bekamen von unseren Gastgebern auch noch ein Frühstück und machten uns nachher zu Fuß auf den einundzwanzig Kilometer langen Weg nach Schärding.

Es war ein herrlicher, sonniger Wintertag. Alles, wo immer man hin schaute, war schneebedeckt und glitzerte. Der Schnee knirschte unter unseren Schritten. Man konnte kaum sprechen, so bitterkalt war es. Die Kälte zog einen durch Leib und Seele.

Ewald ließ sich von seinem Tata nicht tragen, er war ihm fremd und ich packte ihn fast nicht mehr. Wenn er auf meinem Arm eingeschlafen war, nahm ihn Peter mir ab. Aber das dauerte immer nur kurze Zeit.

Unterwegs kehrten wir bei Leuten ein, die Peter am Weg zur Grenze kennen lernte. Hier zeigte das Thermometer minus zweiundzwanzig Grad Celsius an. Ich zog Ewald gleich die Schuhe von den Füßen, die ich warm rieb, damit er keinen Frostschaden erleidet. Bei den Ersten bekamen wir eine heiße Suppe, bei den Nächsten einen heißen Tee. Die Leute waren auch Heimatvertriebene-Flüchtlinge. Die Ersten waren Franzfelder, die Anderen von Syrmien. Am späten Abend kamen wir endlich in Schärding an. Hier übernachteten wir bei Strasser Peter, ehemaliger und letzter Jabukaer Bürgermeister, jetzt Stallknecht in einem Einkehrwirtshaus. Wir schliefen zu dritt in einem Bett, wieder Ewald zwischen uns. Ihm war es anscheinend unbequem so zu schlafen. Er krabbelte immer heraus und legte sich überzwerch ober unsere Köpfe. Wir waren froh in einer warmen Stube übernachten zu können.

Am nächsten Tag fuhren wir mit der Eisenbahn weiter Richtung Attergau. Vor der Abfahrt des Zuges kam eine Ami-Streife in Begleitung österreichischer Grenzer und legitimierten alle Reisende. Unser Abteil war voll besetzt. Wir saßen auf einer Vierer-Bank. Ich mit Ewald, der schlief auf meinem Schoß, im linken Arm ihn haltend, beim Fenster. Neben mir Peter und noch zwei fremde Mitreisende. Peter brachte für mich, da ich doch alle meine Dokumente bei Jerger Karl lassen musste, Kristls Ausweis mit. Sie ist um achtzehn Jahre älter als ich. Diesen Ausweis reichte ich nun klopfenden Herzens der Kontrolle hin. Im selben Augenblick fing Ewald im Schlafe an zu schreien. Ich bückte mich unwillkürlich über ihn, so dass der Ami mein Gesicht gar nicht sehen konnte. Er gab mir den Ausweis mit „okay“ zurück und ging weiter. Unser Schutzengel hielt wieder einmal seine Hände über uns!

Bald Darauf fuhr unser Zug auch ab, in Richtung Ried im Innkreis – Attnang Puchheim – Vöcklamarkt – St. Georgen im Attergau, wo wir ohne weitere Hindernisse gut ankamen.

Ich glaube von hier treffen sich Peters Aufzeichnungen mit den meinen.

Von da an haben wir unser unfreiwillig unterbrochenes Eheleben fortgesetzt. Man kann auch sagen: Wir haben ein neues Leben mit Nichts, außer uns drei, Ewald, Peter und mir begonnen.

Wir waren jedenfalls einen Tag vor dem Heiligen Abend in St. Georgen im Attergau, Oberösterreich, in unserer neuen Heimat, wo auch unsere Kinder Gerti, Peter und Susi, Ewalds Geschwister, das Licht der Welt erblickten.

Meine nächsten Blutsverwandten sind:

Mein Vater, Alexander Zabraha

Meine Mutter, Theresia, geborene Trenn und

Mein Bruder, Johann (Hans) Zabraha, verheiratet mit Ingeborg Hauch, zur Zeit wohnhaft in St. Georegen im Attergau, haben einen Sohn: Hans Peter

Mein Vater hatte drei Halbgeschwister:

Rosalia, Josef und Margarethe.

Rosalia Lagler, verheiratet mit Anton Schubert, hatten sieben Kinder: Franz, Anton, Johann, Hedwig, Gertrud, Gottlieb und Felix.

Franz und Anton sind verheiratet. Seit dem Tode meiner Rosltant weiß ich nichts Näheheres über sie, nur dass ein Teil von ihnen in Ost- und der andere in West-Deutschland lebt.

Josef Lagler, verheiratet mit Elisabeth (Lisa) Gyuroka, haben zwei Söhne: Josef und Otmar. Beide sind verheiratet und leben in Österreich. Josef hat einen Sohn und eine Tochter, Otmar zwei Söhne. Seit unserer Auswanderung riss die Verbindung zu ihnen ab.

Margarethe (Margit) Lagler, ledig, hat eine Tochter: Maria (Ria), verheiratete Salzak. Hat ein Mädel und einen Buben, leben in Oberwart im Burgenland.

Meine Mutter hatte sechs Geschwister: Josef, Johann, Magdalena, Marie, Julianna und Martin.

Josef Trenn (Joschionkel), im zweiten Weltkrieg vermisst, verheiratet mit Elisabeth Grill, hatten keine Kinder.

Johann Trenn, bis Jänner 1950 in der UdSSR auf Zwangsarbeit, verheiratet mit Anna Trautmann, zur Zeit wohnhaft in Chicago, haben drei Söhne: Johann, Anton und Robert.

Johann (Hans) Trenn, verheiratet mit Anna Heft, wohnhaft in Chicago, haben zwei Söhne: Eduard und William.

Anton (Toni) Trenn, verheiratet mit Helen Noll, wohnen in Niles, Illinois, haben drei Kinder: Karen, Robert und Jennifer. Karen verheiratete Flor, in einem Vorort von Chicago.

Robert Trenn, zweimal verheiratet. Aus erster Ehe mit hat er den Sohn Robert. In zweiter Ehe mit Linda zwei Kinder: Vanessa und Christofer.

Magdalena (Leni), verwitwet nach Lorenz Lina, hat drei Kinder: Marie, Magdalena und Franz.

Marie (Maridl) verheiratet mit Josef Lutz, Wohnt in der BRD, haben zwei Kinder: Herta und Herbert.

Magdalena (Lenerl), verheiratet mit Max Gigelleitner, wohnt in Oberösterreich, haben zwei Kinder: Sonja und Max. Sonja ist verheiratet und hat ein Kind. Max ist noch ledig.

Franz Lina, Verheiratet mit Aloisia (Loisi), wohnhaft in Oberösterreich, haben drei Kinder: Franz, Edith und Gerda.

Franz ist verheiratet mit Monika, haben ein Mäderl

Marie, verehelichte Kempf, starb im Kindbett und auch das Kind.

Julianna (Jultscha) verwitwete Pager und Biker, lebt kinderlos in Weißkirchen (Bela Crkva) in Jugoslawien.

Martin Trenn, starb als junger Student.

Vom Nullpunkt an beginnend

An meine Nachkommen von Peter Martin Krallitsch

Wonder Lake, Illinois 1986

Eigentlich wollte ich schon immer die Geschichte, die Erlebnisse und Ereignisse niederschreiben, die ich vom Nullpunkt, von dem Moment an beginnend, an welchem meine Einheit kapitulierte, bis zum Tag der Wiedervereinigung mit meinen Lieben, mit Gisi und Ewald. Aber immer fand sich ein Grund zum Aufschieben. Ich war schon der Meinung, dass es zu spät sei und glaubte mich nicht mehr genau an alles erinnern zu können. Zweiundvierzig Jahre sind ja auch eine lange Zeitspanne, ausgefüllt im Kampfe um die Existenz, um das Überleben der Familie.

Die Aussprache mit meinem Neffen Peter, im Beisein seiner Eltern, in deren Wohnung, während eines Kurzbesuches in Österreich, anlässlich des achtzigsten Geburtstages meiner ältesten Schwester Kristl, brachte nicht nur dessen Ignoranz über seine eigene Abstammung zum Vorschein, seine Mutter ist Österreicherin, in St. Georgen im Attergau geboren, der Vater Donauschwabe in Weißkirchen im Banat geboren, sondern, dass er vom Schicksal der Donauschwaben gar nichts weiß.

Über die Ignoranz meines Neffen war ich schockiert. Wie steht es mit meinen Kindern? Sind sie gar auch solche Nichtwisser? Haben wir ihnen oft genug über unser Schicksal, über die unmenschliche Vertreibung, über den Genozid, der an uns Donauschwaben von der jugoslawischen Tito-Regierung nach dem Krieg verübt wurde, erzählt? Dieses Erlebnis mit Peter brachte mich so weit, mich aufzuraffen und diese, meine Erlebnisgeschichte chronologisch für meine Nachkommen nieder zu schreiben.

In den frühen Morgenstunden des zweiten Mai 1945 wurde uns unterhalb Waren in Mecklenburg mitgeteilt, dass unsere Einheiten in der vergangenen Nacht kapitulierten. Wir wurden angewiesen, alle unsere Waffen, die wir bei uns hatten, auf einen Haufen, bei einem gewissen Baum vor einer Bauernscheune , abzulegen. Ich schleppte all die Jahre seit September 1941, da wurde ich zum deutschen Waffendienst eingezogen, meinen eigenen Browning als Leibwaffe, die ich als Unteroffizier zu tragen berechtigt war, mit mir herum. Jetzt soll ich den wegwerfen?! Nein, nie und nimmer, wühlte es in mir. Es ist doch ein Erbstück vom Vater. Mit aufkommenden Tränen kämpfend, warf ich blutenden Herzens das einzige Stück aus der Heimat, von meinem Vater geerbten Eigentums, auf den bereits ansehnlichen Waffenhaufen. Mein Jagdgewehr, dass ich auch im Krieg mit hatte, weil ich, ein passionierter Jäger, mit den einheimischen Jägern und denen von der Ortskommandatur Schabatz jagen ging, tauschte ich, nachdem ich erfahren hatte, dass Gisi mit Ewald von daheim weg ist und die Sowjets immer näher zu Belgrad kamen, für zwanzig Kilo Speck ein. Die Hälfte davon machte ich zu Schmalz, ließ es eindosen und schickte beides per Feldpost an Gisi in Ternberg an der Enns. Gisi ist am dritten Oktober 1944 mit einer Gelegenheit des B.d.O. weg. Sie schildert das in einem separaten Bericht.

Die Amis übergaben uns am 21. Mai 1945 den Engländern, die uns in der Umgebung von Eutin, in Schleswig Holstein, in einem Wald unterbrachten. Angeblich waren da fünfhunderttausend deutsche Kriegsgefangene. – Bei den Amis waren wir in der Lüneburger Heide. – Das Wetter war schrecklich, fast täglich regnete es. Außer Wald und über dem die Wolken, hatten wir kein Dach über uns. Wir gruben uns buchstäblich in die Erde ein. Wer Glück und noch eine Zeltbahn hatte, konnte das gegrabene Loch bedecken und sich einigermaßen von oben schützen. Ich hatte noch meine Zeltbahn. Wir hausten zu dritt in so einem Loch: Lieser Sepp von Wiener Neustadt, Bella Ittinger von Etschka und ich. Verpflegung gab es keine. Wir aßen Waldschnecken, die es massenhaft gab, mit Löwenzahn und Brennnessel gekocht. Nach einer Woche entschloss ich mich zu fliehen. Bei Nacht und Nebel entkam ich. Beim ersten zivil Haus erbettelte ich mir eine Damenjacke, die mir ziemlich passte. Die Dame war korpulent und ich wog damals nur noch zweiundsechzig Kilo, mein normales Gewicht war sonst achtzig Kilo. So ausgerüstet ging es nun Richtung Süden, der Heimat entgegen.

In Lübeck ließ ich mir von der Polizei, als angeblicher, ehemaliger jugoslawischer Kriegsgefangener aus Ostpreußen kommend, einen Fremdenpaß ausstellen – meinen Geburtsschein vom Matrikelamt Jabuka, in cyrillischer Schrift und serbisch ausgefüllt, hatte ich glücklicherweise bei mir – um mich nötigenfalls als Jugoslawe durchzuschmuggeln.

In der Nähe von Lübeck war ein jugoslawisches Lager mit Tito-Insignien. Ich plante, mich ihnen anzuschließen. Ich dachte, so eher in die Heimat zu kommen. Im Lager erfuhr ich die Hiobsbotschaft, dass in Jugoslawien die Schwaben (so nannten die Jugoslawen alle Deutschen) schon im November 1944 laut Beschluss der Narodna Skupstina ausgebürgert, enteignet und in Konzentrationslagern gesteckt wurden. Also gab es für uns kein zurück mehr in die seit über zweihundert Jahren angestammte Heimat, die wir Schwaben gemeinsam mit Ungarn, Rumänen, Serben, Bulgaren, Juden, Kroaten, Tschechen, Slowaken und Polaken nach der Vertreibung der Türken wieder besiedelten, aufbauten und aus einem verwüsteten und versumpften Gebiet die Kornkammer Mitteleuropas machten. Ach, wie schmerzte diese Erfahrung! Also haben die Groß-Serben endlich ihren seit Jahrhunderten gehegten Expansionsplan, nördlich der Donau, im historischen Ungarnland, zu herrschen, verwirklicht, wenn auch mittels der Kommunisten und zum Nachteil der Donauschwaben. Es war mir unfassbar. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es zu glauben, nicht zu verzagen, denn das Leben geht weiter.

Das einzige, was ich sicher wusste und auch wollte: Ich muß meine Frau und meinen Sohn finden.

Von Hamburg aus gingen leere Kohle-Transportzüge ins Ruhrgebiet und von da hoffte ich, in Richtung Regensburg–Passau, dem Süden zu gelangen. Mit so einem Zug fuhr ich mit und mit mir noch hunderte Schicksalsgenossen, auch ehemalige Wehrmachtsangehörige wie ich, auf der Flucht vor den Häschern und Streifen der Amis, auf der Suche nach den Angehörigen. In Regensburg hielt der Zug. Viele sprangen ab, auch ich. Ich nahm aber gleich meinen Rucksack mit.

Es war etwa acht Uhr in der Früh und es nieselte. Ich war müde und wollte rasten. Ich schnallte den Rucksack auf und entnahm meine Zeltbahn (außer zwei Handtüchern, einigen Taschentüchern und ein Paar zerrissenen Socken hatte ich sowieso nichts mehr), hängte sie über und begann zu überlegen was ich nun machen werde.. Von Hof wusste ich, dass nicht weit weg Eger, Falkenau bzw. Pichlberg sind, wohin ich Gisi mit Ewald von Eferding, noch vor den letzten Weihnachten brachte und sie auch gelegentlich von einer Dienstreise in Agram am Rückweg besuchte. Hoffentlich haben sie sich vor den Sowjets auf die Flucht begeben!

Das Egerland ist ja wieder tschechisch und was noch schlimmer ist, es ist kommunistisch und wahrscheinlich von den Sowjets besetzt. So dahin sinnierend wurde ich auf das Rangieren der Eisenbahner aufmerksam. Ich fragte den ersten in meiner Nähe, ob sie auch in die Tschechei fuhren, weil ich im Egerland daheim sei. Ich hatte Glück, sie stellten grad einen Zug nach Hof zusammen. Es klappte, der Zugführer nahm mich mit. An der Grenze redete mir der Posten aus, hinüber zu gehen, weil man die Deutschen aus ihren Häusern aussiedelt und auf Zwangsarbeit treibt.

Ich fuhr bei der nächsten Gelegenheit zurück, hoffend dass sich Gisi nach Bayern abgesetzt hat. Ich walzte den Bayrischen Wald ab Regensburg bis Deggendorf zu Fuß ab, die aufliegenden Flüchtlingslisten durchsehend, nach Gisi und Ewald erfolglos suchend. Hunger und Durst hatte man immer, aber keine Lebensmittelkarten, weil man „Landstreicher“ war, also an das Mitleid und Spendefreudigkeit der Landbevölkerung angewiesen. Manche gaben was sie konnten, oft wurde man abgewiesen. Es passierte auch, dass man zu hören bekam: „geh zu dei Hitler, der soll d’ doch zu essen gebn – für solch’ne hamma nix!“

In Passau angelangt, traf ich einige Jabukaer Landsleute – Meszarosch(Spengler) Peter, Nedwetzky Fanz und Jerger Karl, mein Nachbar und Freund – bei denen ich im Lager blieb. Ich hatte aber keine Ruh, es trieb mich weiter. Hier erfuhr ich, dass die Sowjets Niederösterreich, Burgenland und das Mühlviertel besetzt halten. In Vöslau wusste ich meine Schwester Kristl mit Erwin bei Verwandten der Hauber untergebracht; nun bei den Russen! Auch Gisi hatte diese Adresse, wohin wir im Notfalle schreiben wollten. Aber es ging noch keine Post. In die Sowjetzone gehen? Mein Innerstes streubte sich dagegen. Ich beschloss, nach Oberösterreich zu gehen. Ich habe doch den Lübecker Fremdenpass! Der muss mir über die Grenze helfen. Also schnappte ich meinen Rucksack, der ja immer gepackt war und machte mich auf nach Oberösterreich.

Der Ami-Posten an der Innbrücke glaubte mir nicht, dass ich Jugoslawe und ehemaliger deutscher Kriegsgefangener sei. Er erklärte mir, dass ich zur Militärkommandantur solle, wo ich Entlassungspapiere kriegen werde, mit diesen ich mich dann frei bewegen und hinfahren könne, wo auch immer ich hin will. Diesen Rat befolgte ich.

Es vergingen keine sechsunddreißig Stunden und am dreizehnten Juli 1945 hatte ich die Entlassungspapiere des Kriegsgefangenenlagers I in der Hand. Da ich Eferding als Heimatort angab (weil Eferding war die einzige Eintragung in meinem Soldbuch, glaubte man mir, dass ich da zu Hause bin, wenn auch in Apfeldorf geboren. Im Dezember vierundvierzig brachte ich Gisi und Ewald von da ins Egerland, daher die Eintragung) wurde ich mit allen nach Österreich entlassenen auf einen Militär-Lkw verfrachtet und los ging’s in Richtung Süden, nach Österreich. Aber mein Gepäck, meine letzten Habseligkeiten, auch Dokumente und Geld, ließ ich in Passau bei den Landsleuten zurück, weil ich nicht noch einmal ein Filzen, wie bei der Kapitulation damals, mitmachen wollte.

Wir mussten in Doppellinie antreten. Die ersten zehn Schritte vortreten, kehrtmachen, so dass sich zwei Linien gegenüberstanden. Nun ging die Visitation an. Den Rucksack oder Beutel vor sich auf die Erde legen und aufmachen. Alles aus den Taschen raus, diese nach außen drehen. Die Brieftasche aufgemacht zum Rucksack legen. Nun fielen sie, wie ein Schwarm Stoßvogel (Falken) über die Sachen her. Außer Essgeschirr, Löffel, Briefe und Bilder nahm man uns alles, auch Uhren, Ringe, sogar Eheringe wurden uns weggenommen. Ich rettete meinen Ehering in der Vertiefung des Hosenschlitzes (den ich beim Betonieren der Gartenmauer, am Wohnstättenweg, wahrscheinlich mit dem Taschentuch in den Beton brachte). Besonders beim Wegnehmen des Schmuckes waren sie brutal. Es passierte, dass sie einem auch den Finger mit dem Schnappmesser abschnitten, wenn der Ring schwer vom Finger ging.

Unter allen Umständen, die Sachen in Passau muss ich wieder haben.

Bei Schärding kamen wir über den Inn. Hinter St.Florian, in einer Kurve, bremste der Wagen, schaltete zurück, weil es bergan ging und ich sprang hinten vom Wagen rollte mich jäh von der Straße weg und blieb liegen, hoffend, dass es nicht bemerkt wurde. Gottlob, sie fuhren weiter! Auf! Nicht liegen bleiben! Du musst zurück nach Passau, sagte mir eine innere Stimme. Nun stand ich da, ortsunkundig. Niemand in der Nähe zu sehen. Es war mir klar, dass ich auf dieser Straße, auf welcher ich bisher kam, nicht bleiben darf. Die Amis könnten es doch bemerkt haben, umgekehrt sein und jetzt suchten sie mich schon. Also, querfeldein Norden zu, da muss Passau sein .... und ich rannte auch schon, ohne mich umzuschauen, trachtend, dass die Sonne rechts von mir bleibt. Endlich ein paar Kinder in Sicht, die lärmend einander nachliefen. Den Größeren, vielleicht ein zwölfjähriger Knabe, fragte ich, ob ich auf dem richtigen Weg nach Passau sei. Er bejahte es. Nun verlangsamte ich ein wenig meinen Gang. Auf der Straße bleibend kam ich am Abend, etwas vor acht Uhr, im Lager bei den Landsleuten an. Ich glaube, wenn ich mich gut erinnere, das Lager war im St.Nikola Kloster.

Bei der Caritas schaute ich die aufliegenden Flüchtlingslisten durch, trug mich selber ein, das Lager als Adresse angebend. Am 23. Juli 45 versuchte ich nochmals vom Ernährungsamt Passau Lebensmittelkarten zu kriegen. Für sieben Tage hatte ich schon einmal bekommen. Es gelang mir für weitere drei Tage zu kriegen. Man legte mir nahe, eine Arbeit anzunehmen. Nun kaufte ich alles, was ich für die Marken kriegen konnte. Einigermaßen mit Reiseproviant gut versehen, machte ich mich auf den Weg über die Grenze.

Dieses Mal konnte ich den Posten anstandslos passieren. Ich kam den Inn entlang, Fluss aufwärts bis Wernstein. Da begegnete ich einem bekannten Pantschowaer Schuhmacher aus der Unterstadt, dem Onkel meines Schulfreundes Joschi Ortmann aus Skorenovac, der mir zusprach dazubleiben. Ich solle auf das Gemeindeamt gehen, um mich anzumelden. Von ihm erfuhr ich auch, dass unser letzter Jabukaer Bürgermeister, Strasser Peter hier bei einem Bauern arbeitet. Der Angestellte am Meldeamt verweigerte mir die Lebensmittelmarken, weil ich die Anweisung, beim Bauern zu arbeiten, nicht annahm. Hier erfuhr ich zum ersten Mal, dass in Österreich ein Heimatvertriebener nur zwei Chancen hat, Arbeit zu kriegen: in der Landwirtschaft oder am Bau.

Also sind die heimatlosen Flüchtlinge den Parias gleichgestellt – sind Entrechtete, von der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßene. Dieser Schlag saß! Ich gab aber nicht nach. Zum Bauern wollte ich nicht und Bautätigkeit war in Wernstein keine. So machte ich mich auf die Socken in die Bezirksstadt, nach Schärding.

In Gedanken mein Flüchtlingsproblem wälzend, mit der Welt und Gott hadernd, des Weges schlendernd, auf den herrlichen Sonnenschein und lieblichen Gesang der Vögel wenig achtend, kam ich bei einer Baracke vorbei, die mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre, wenn da keine mir vertrauten Lieder zu hören gewesen wären. Kurzentschlossen ging ich hinein. Der Tür gegenüber waren zwei und rechts von der Tür an der Wand ein Tisch aufgestellt, um welche an die zwanzig Männer in Arbeitskleidern, mit aufgestülpten Hemdsärmeln saßen und sangen: „Banaterland, mein Heimatland, wir sehn uns wieder ......“ Da durch die zwei Fenster in der mir gegenüberliegenden Wand, vom Zigarettenrauch geschwängerte Sonnenstrahlen drangen, konnte ich dem Mann nicht genau ins Gesicht sehen, der mit ausgestreckter Hand und mit: „Servus Krallitsch! Peter, du lebst noch! Wo kommst du denn her?“ mir entgegenkam. War das eine Überraschung! Es war der Franzfelder Apotheker Stein. Ein guter alter Bekannter. Es stellte sich heraus, dass alle diese Männer Heimatvertriebene aus unserer Gegend waren, im Steinbruch der Fa. Kapsreiter arbeiten und in dieser Baracke hier ihre Unterkunft und Küche haben. Inzwischen servierte mir die Köchin, die übrigens eine Kärntnerin und die Freundin Steins war, ein Gulasch, welches prima schmeckte.

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, dass sie fast täglich Gulasch abwechselnd mit feinem Rostbraten, wie in der alten Heimat zubereitet, aufgetischt kriegen und keine Lebensmittelmarken extra abgeben müssten. Wie staunte ich! Es wird von der Fa. gestellt und es ist Pferdefleisch. Vor dem Krieg hätte ich mich kaum verführen lassen ein solches zu kosten, geschweige denn es mir täglich vorsetzen zu lassen. Es schmeckte vorzüglich – ich habe es sechs Wochen lang täglich genossen, nicht nur gegessen. In der englischen Kriegsgefangenschaft habe ich Waldschnecken mit Brennnesseln und Löwenzahn im puren, grad abgefangenen Regenwasser gekocht, mit rotem Paprika, in Ermangelung von Salz, abgeschmeckt, gegessen. Hunger ist doch der beste Koch!

Die Landsleute brauchten keine Redekunst anwenden, ich blieb da und wurde Steinbrucharbeiter. Die Jabukaer pflegten zu sagen, wenn sie eine Arbeit nicht mochten: „Bevor ich des tu, geh’ ich Stahna kloppn“.

Im August 1945 erlaubten die Besatzungsmächte das Erscheinen österreichischer Zeitungen. Da annoncierte ich in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ und in den „Salzburger Nachrichten“ nach meiner Frau und Kind, meine Wernsteiner Adresse angebend. Es zeigte Erfolg! Am nächsten Sonntag vormittags stand meine Schwester Kristl vor mir. War das `ne Überraschung! Zu Ewalds Taufe am Pfingstsonntag, dem 28.Mai 1944, da war er grad vierzehn Tage alt, haben wir, auch Laci und Erwin waren damals dabei, uns zum letzten Mal gesehen. Da war ich zum letzten Mal zu Hause in der alten Heimat, im Banat.

Kristl war mit Erwin gemeinsam mit den Pattleychs aus Bad Vöslau vor den Sowjets nach St.Georgen im Attergau geflüchtet. Kristl redete mir zu, dass auch ich hinkommen soll. Da gäbe es zwei Baufirmen wo ich bestimmt unterkommen könnte. Ich versprach, mir das Ganze zu überlegen und sie zu Weihnachten zu besuchen. Ich erfuhr von ihr, dass ihr Mann, Hugo Hauber, seit April 1944 vermisst sei und dass Laci gleich nach der Matura 1944 einrücken musste und sich bei seinem Onkel, Dr.Laci Hauber, in Budapest schwarz aufhalte.

Mitte September gab ich die Arbeit im Steinbruch auf und ging in die Kartoffelkampagne der Kartoffelverwertungs AG Aschach an der Donau arbeiten. Am Wochenende vorher war ich mich erkundigen, ob man mich auch aufnehmen würde. Man sagte mir für sicher zu. Auch hier war die Mehrheit der Arbeiter Heimatvertriebene aus Ungarn, aus der sogenannten schwäbischen Türkei und Sudetendeutsche. Wir waren in der Nähe der Fabrik in Baracken untergebracht und waren Selbstverpfleger. Unsere Hosen- und Jankertaschen in Ermangelung eines Rucksackes, ohne den man keinen Einheimischen zur Arbeit gehen sah, füllten wir von der Schicht gehend mit Erdäpfeln, die wir im Aschenladl des Ofens brieten und als Delikatesse assen.

Wir Flüchtlinge taten die Kanalarbeit, mit der Schaufel in der Hand die Kartoffeln einschaufelnd, die Einheimischen waren Vorarbeiter und machten die Arbeiten in der Werkstatt. Es gelang mir zu avancieren, in die Kistenwerkstatt zu kommen. Da schaute man mich mit scheelen Augen an und bald bekam ich auch zu hören: „Die Zigeiner nehma unsren Leit die Arbeit weg“ und „des hergelaufene Gsindl macht sich broat do bei uns“.

Vom Bayrischen Wald her war ich Schmähungen gewohnt und ich machte mir nichts daraus. Aber das hier, das saß! Ich war mir sicher, dass diese Anwürfe weder bei mir noch bei meinen Landsleuten zutrafen – wir sind keine Zigeuner. Wir sind Alt-Österreicher. Wir hatten nur das Pech, dass 1918 unsere Heimatgebiete, ohne uns zu fragen, ob wir wollen oder nicht, an Ungarn, Rumänien und Jugoslawien aufgeteilt wurden. Ich weiß, dass es in den Reihen meiner Ahnen weder Zigeuner noch Gesindel gab. Darauf war ich und bin ich auch immer stolz. Sie waren Soldaten, Bauern oder Handwerker, die treu ihrem Eid dem Kaiser und der Heimat dienten. Ich kannte alle meine Verwandten, alle meine Nachbarn, sogar jede einzelne Familie im Dorf. Dreitausend katholische Deutsche lebten da. Fast zweihundert Jahre kann man die Geschichte Deutsch-Jabukas zurück verfolgen, die sich von Generation zu Generation überlieferte. Es wurde 1764 – 66 angesiedelt. Nach dem Ausgleich zwischen Wien und Budapest im Jahre 1867 wurde es auf Torontal Almas umbenannt. Ab 1918 wurde es wieder Jabuka genannt, aber ohne seinen Vornamen, da es an S.H.S., ab 1929 Jugoslawien genannt, fiel.

In Jabuka waren nicht alle Engel. Es gab auch da Streitigkeiten, Reibereien. Wo gibt es keine Streithansl? Man verklagte sich auch bei Gericht, wegen Ehrbeleidigung oder weil der eine Nachbar dem anderen eine oder zwei Furchen Feld weggeackert hatte. Es kam auch vor, dass sich die Burschen wegen eines Mädels stritten oder sogar schlugen. Aber in Jabuka gab es weder Mord, noch Totschlag oder Raub.

Es wurde erzählt, dass in den Revolutionsjahren, in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, serbianer Banditen aus Serbien, unsere Gemeinde überfielen und drohten, sie nieder zu brennen. Sie wurden abgewehrt und bekamen Lösegeld. Ich weiß nicht mehr wie hoch die Summe war, für welche mein Krallitsch-Ahn gutstand. Die Krallitsch waren eine angesehene, gutsituierte Familie. Sie hatten damals schon ein Gasthaus, auf dem selben Platz, der Gemeinde vis a vis, in der Mitte des Dorfes gestanden, wo ich es von meinen Eltern erbte und plante, es eines Tages meinen Kindern, wie es bei uns Brauch war, das von den Eltern Ererbte zu erhalten und möglichst vergrößert seinen Kindern zu hinterlassen. Außerdem hatten sie damals schon die erste Dachziegelerzeugung in der Umgebung, seiner Zeit Dachziegelschoppen genannt und eine Session Feld, wie alle Siedler es zu Maria Theresias Zeiten zugewiesen bekamen.  

In Aschach nahm ich mir damals vor, die Schmähungen zu widerlegen, zu beweisen, dass ich die Arbeiten, die mir aufgetragen werden, genau so gut durchführen kann, wie der einheimische, österreichische Arbeiter und dass man mir ebenfalls so gut vertrauen kann wie diesem. Meine Kinder sollen erfahren, wie ungerecht die Menschen uns gegenüber waren, wie falsch man uns einschätzte. Man muss sich so einordnen, dass man nie auf die gleiche Stufe mit einem Zigeuner gestellt und schon gar nicht zum gemeinen Gesindel gezählt wird.

„Arm sein ist keine Schande, solange man auf ehrliche Art und Weise sein tägliches Brot verdient und kein Schmarotzerleben führt“ pflegte meine Kiefer-Oma zu sagen, die den Hungertod sterben musste, nach dem sie ihren Sohn, meinen Johann Onkel im Tito-Lager, im jetzigen Zrenjanin, damals Groß-Betschkerek, erschlugen und ihren siebzehnjährigen Enkel, Richard Kiefer, erschossen und ihr älterer Sohn Paul im ersten Weltkrieg fiel.

Ja, wir Donauschwaben, die Deutschen aus dem historischen Ungarn, wie es vor 1919 war, wurden wie die Juden und Zigeuner, angeblich aus Vergeltung für das Unrecht das ihnen während des zweiten Weltkrieges von Nazi-Deutschland widerfuhr, ausgebürgert, entrechtet, und in Konzentrationslagern von Titos Schergen zu Tode gequält und gehungert, zu Sklavenarbeit verschleppt, auch von unseren Blutsverwandten waren welche dabei und die Welt schwieg und schweigt noch immer dazu.

Im jetzigen Jugoslawien sind an die zweihunderttausend von sechshunderttausend einen schrecklichen Tod gestorben, nur weil sie deutsch sprachen.

Die zwei oben genannten Gruppen, Juden und Zigeuner, bekamen von der Bundesrepublik Deutschland Milliarden DM an Wiedergutmachung und fordern immer noch. Seit unserer Vertreibung sind schon zweiundvierzig Jahre vergangen und die Schuldigen konnten sich noch immer nicht entschließen, uns die Friedenshand zu reichen und zuzugeben: „Ihr Schwaben, wir haben euch unrecht getan!“

Mitte Januar 1946 zog ich nach St.Georgen im Attergau zu Kristl und Erwin, die zusammen mit den Pattleychs im Hause der Bäckerei Peleschka zwei Mansardenzimmer innehatten. Nun hausten wir sieben Personen, vier Erwachsene, ein Teenager und zwei kleine Mädels in zwei Räumen, die normalerweise, vielleicht für ein Rentnerpaar gelangt hätten.

Ohne einen Arbeitstag zu verlieren, begann ich bei der Baufirma Josef Schoßleitner als Zimmereranlehrling mit Hilfsarbeiterlohn. Da im Winter die Bautätigkeit eingestellt war, halfen die Maurer und Zimmerer in der Leichtbeton-Erzeugung, Zementbau- und Dachziegel- und Zementrohr-Erzeugung. Außer Kraftfahrer und Poliere waren hier nur Flüchtlinge beschäftigt.

Eines Tages im Mai, als ich am Abend von der Arbeit heimkam, war das langersehnte, erste Lebenszeichen von meinen Lieben, von Gisi und Ewald da. Sie sind in Sonneberg in Thüringen, in der sowjetischen Zone. Gott sei Dank, sie leben! Gisi besucht die staatliche Industrieschule für Keramik und Spielzeug. Sie wohnen bei einer Kriegerswitwe, die auch vier Kinder hat und auf Ewald aufpasst, wenn Gisi in der Schule ist. Die Schreiben gingen hin und her, jedes von der Besatzungsmacht zensuriert. Endlich im Dezember, da ich Gisi schrieb, sie solle doch mal nachschauen, was mit unserem Gepäck in Passau geschah, klappte es. Gisi kam mit Ewald glücklich über die sowjet-amerikanische, thüringisch-bayrische Grenze und so auch schwarz über die deutsch-österreichische Grenze, von wo ich sie abholte. Am dreiundzwanzigsten Dezember trafen wir ohne unüberbrückbare Hindernisse in St.Georgen im Attergau ein.

Gleich nach Weihnachten am 27. Dezember ging ich aufs Bürgermeisteramt, meine Frau und meinen Sohn anzumelden. Der Bürgermeister, Herr Wimmer, machte Schwierigkeiten, weil ich quasi nicht schon am vierundzwanzigsten der Meldepflicht nachkam. „St.Georgen hat für Flüchtlinge keinen Platz mehr, die sollen doch nun zu Ihrn Hittler geh’n“. Unter anderem antwortete ich ihm, dass seine Einstellung weder christlich noch sozial sei und er doch ein Christlich-Sozialer ist. Das brachte ihn komplett aus dem Häuschen. Als Abschluss sagte ich zu ihm: „Herr Bürgermeister, ich garantiere ihnen, dass ich mit meiner Familie hier in St.Georgen bleiben werde, so lange es mir gefällt, ob es ihnen passt oder nicht. Von St.Georgen bringen's mich nit amal mit zehn Paar Ochsen raus“.

Dabei blieb es. Ich nahm mir vor, ehestens für meine Familie ein eigenes Dach überm Kopf zu kriegen und so bald wie nur möglich österreichischer Staatsbürger zu werden. Es dauerte nicht lange und man war uns freundlich gesinnt und respektierte uns. Wenn der Bürgermeister meiner Frau irgendwo begegnete, zog er von weitem schon den Hut „Grüß Gott, Frau Krallitsch“ grüßend.

Nach dem Erlebnis in der Gemeinde setzte ich mich mit Herrn Eduard Hlouschek in Verbindung. Er war sozialistischer Gemeinderat in St.Georgen und man erzählte, dass er auch in Linz in der Landesregierung ziemlichen Einfluss habe. Er hörte mich in Ruhe an und sagte darauf, dass ich richtig gehandelt habe. Ich solle nur ruhig meiner Arbeit nachgehen und solle mir keine Sorgen machen, er werde alles schlichten. Er hielt sein Versprechen, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. Im Laufe der folgenden Jahre musste ich ihn noch öfters um Hilfe angehen.

Als ich eines Tages, ich glaube es war Ende Jänner 1947, von der Arbeit von Attnang-Puchheim, wo wir einen Neubau hatten, über Vöcklamarkt mit dem „Attergauer Expreß“ heimkam, teilte mir Gisi mit, dass man uns delogierte. Die Möbel, die wir bisher benutzten, gehörten nicht der Hausfrau, sondern ihrer Schwester, die sie heute abholte, da sie kürzlich heiratete. Gisi hatte sich gleich aufgemacht und ging im Markt von Haus zu Haus, vergeblich um Unterkunft fragend. Eine Frau sagte sogar zu ihr: „Ja, eahna Moa recht gern, aba eahne und’s Kind, na!“ Müde, der Verzweiflung nahe, klopfte sie im Untermarkt, bei der großen Linde, der Metzgerei und Gasthaus Fischer gegenüber liegendes, alleinstehendes Haus an die Tür. Die Tür wurde geöffnet. Gisi ging der Einladung folgend hinein und sah sich einem Ehepaar, vielleicht Anfang der Fünfziger gegenüber. Sie klagte ihnen ihre Not. Wir konnten im Zimmer am Diwan übernachten und für Ewald wurden zwei Fauteuils zusammen geschoben, auf denen er schlief.

Es waren die Puttingers, keine Einheimischen, auch Zuagroaste, wie wir. Ja, in der kleinsten Hütte ist für viele geduldige Schafe Platz! Die Puttingers verrieten uns, dass im oberen Geschoß des Hauses ein leeres Zimmer sei, für die Hausfrau reserviert, wenn sie mal in Auszug geht. Von der Hauseigentümerin, in Bergham wohnend, bekamen wir den Schlüssel und die Erlaubnis, einzuziehen. Die Freude war nicht von langer Dauer. Der Vorsitzende vom Wohnungsamt kam und teilte uns mit, dass wir ausziehen müßten, weil das Zimmer für Frahamer, ein Gendarm und Schwiegersohn des Bürgermeisters und Schmiedemeister von Straß im Attergau, bestimmt sei und diese am ersten März einziehen sollen. Die Hausfrau hätte uns weder den Schlüssel geben dürfen, noch uns einziehen lassen, ohne die Einwilligung des Wohnungsamtes.

Durch die Fürsprache Herrn Hlouschek bekamen wir die Einweisung ins Flüchtlingslager Thalham, ein Dorf zur Marktgemeinde St. Georgen gehörend. Kaum hatten wir uns einigermaßen eingerichtet, hieß es, dass das Lager geräumt werden muss, weil daraus eine Lungenheilstätte für Flüchtlinge wird. Die Familien wurden auf bestehende Flüchtlingslager in Oberösterreich aufgeteilt. Wir bekamen die Einweisung in das Flüchtlingslager Spital am Pyhrn.

Ich schwor doch, „Keine zehn Paar Ochsen bringen mich aus St.Georgen raus!“, aAlso fragte ich meinen Meister, ob er mit mir, meiner Arbeit und Leistung zufrieden sei. Er bejahte es und wollte wissen, warum ich das fragte. Ich teilte ihm den Grund mit. Herr Schoßleitner kurz entschlossen sagte gleich: „Neben Pixner, die kennen’s doch, da ist ein Zimmer, in welchem die Leute, die Arbeiter das Essen aufwärmen. Das richten’s sich her und ziehen ein.“ Ende Mai zogen wir ein. Am elften Oktober 1947 erblickte Gerti hier das Licht der Welt.

Am Tag vorher veranstaltete Gisi noch Großaufräumen. Es war schon nach elf, als wir alle endlich im Bett waren. Nach Mitternacht setzten die Wehen ein und ich rannte querfeldein, was ich nur konnte, die Hebamme holen. Kurz vor eins war die Jungwirth da. Um fünf Uhr fünfundvierzig, als der Zug in die Station einfuhr, war auch unser Prinzesschen und Ewalds Gertrud-Schwester da. Ewald wies Doktor Weidinger, der die ersten Tage nach der Geburt immer um das Befinden der Mutter und das Baby nachschauen kam und dann auch Ewald fragte, was denn sein Schwesterchen Gertrude mache, zurecht: „Sie heißt nicht Gertrude, sie heißt Gertrud“. So lebten wir nun in einem Barackenzimmer, zirka sechzehn Quadratmeter groß, zu viert, glücklich und zufrieden, obwohl es bedürftig und arm eingerichtet war, bis Allerheiligen 1949. An diesem Tag zogen wir zur Nani ins Häuschen, ihr Familienname entfiel mir, es ist das letzte Haus auf der rechten Straßenseite, wenn man Markt auswärts geht, neben dem Spengler. Ich hatten den hinteren, baufälligen Schupfenteil renoviert, so dass wir nun eine Küche und zwei Zimmerln hatten, eins für die Eltern, das andere für die Kinder. Gerti gefiel es hier nicht. „Geh ma hinta die Hackn (Baracke), Mama!“ bettelte sie dauernd. Am vierten Feber 1950 in der Früh, um zirka halb neun, kam hier unser Peter auf die Welt. Stolz waren seine Geschwister auf ihn und nicht weniger auch ich.

Wieder erwies sich die Wohnung für nicht groß genug. Die drei Räume waren ungefähr zwanzig Quadratmeter. Anfang September, als Ewald in die erste Klasse Volksschule kam, wanderten wir wieder. Wir zogen ins Häuplische „Gasthaus zur Post“, welches Frau Hohentanner innehatte. Sie vermietete uns zu angemessener Miete ein geräumiges Fremdenzimmer. Neben uns bewohnten meine Schwiegereltern schon seit fast zwei Jahren ein Zimmer, das sie auch als Schneider-Werkstatt benutzten. Sie kamen vor Ostern 1948 vom Burgenland herauf, nachdem es ihnen Ende 1947 gelang, der Tito-Hölle zu entfliehen.

Es war damals eingeplant, dass sie mit Gisi und Ewald zusammen fliehen. Sie blieben aber daheim in Jabuka, um auf’s Haus und Vermögen , auf unsere Sachen aufzupassen, damit wir alles in Ordnung vorfinden, wenn wir nach dem Krieg, der eh nicht mehr lange dauern kann, heimkommen. Sie waren der Meinung, dass sich der Umsturz wie in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg, den sie ja noch gut in Erinnerung hatten, abspielen werde.

Die Hauseigentümer, Ingenieur Häupl und seine Gattin, waren entschieden dagegen, dass wir das Zimmer bewohnten. Sie verboten uns die Benützung der Waschküche. Folglich wuschen, kochten und trockneten wir die Windeln und die Wäsche im Zimmer. Die Häupls forderten kategorisch, dass wir ausziehen. Also spannten wir wieder unseren Protektor, Herrn Hlouschek ein. Das letzte Mal half er, dass meine Schwiegereltern in St.Georgen bleiben konnten und mein Schwiegervater einen Gewerbeschein für Flüchtlinge bekam und arbeiten durfte. Die Haute volée von St.Georgen war seine beste Kundschaft. Herr Hlouschek brachte unsere Angelegenheit im Gemeinderat auf’s Tapet – wir konnten „in der Post“ bleiben.

Im Sommer 1949 kauften wir von der Gärtnerei Resch tausend Quadratmeter Baugrund, in der Nähe der Zugstation und der Lagerhaus-Genossenschaft, neben der sogenannten „Firma“ gelegen, in der Absicht, ein eigens Dach übern Kopf zu kriegen. Geld hatten wir keines. Beim Abschluss des Vertrages, den ich schrieb, sagte Herr Resch: „Zahln’s wie’s kennan. Ich vertrau euch.“ Zum Anzahlen des Grundes bekamen wir von Kettenhubers, Kaufhaus im Markt, tausend Schilling, ohne irgend einen Wechsel oder schriftliche Garantie von uns zu verlangen. Frau Kettenhuber sagte nur: „Ihr seid ehrliche Menschen und ich weiß, dass ihr es mir, wann immer ihr könnt, zurückzahlen werdet.“ Das waren wirkliche Altruisten! Es gab sie und es gibt sie auch heute noch, die uneigennützig für ihren Nächsten eintreten, man darf nur nicht selber egoistisch eingestellt sein.

Die seinerzeitige Kontroverse mit unserem Bürgermeister brachte mich ins Lager der Sozialdemokraten, auch wurde ich so Mitglied der Bau- und Holzarbeiter Gewerkschaft. Im Frühjahr 1949 wurde ich zum Betriebsrat der Fa. Schoßleitner gewählt und zum Sekretär der Bau- und Holzarbeiter, Ortsgruppe St. Georgen im Attergau, zu der auch Straß im Attergau gehörte, ernannt. Im Mai 1950 kam in den Verhandlungen der Unternehmer und der Gewerkschaft ein neuer Kollektivvertrag zustande. Diesbezüglich trat ich in der Eigenschaft als Betriebsrat mit Herrn Schoßleitner in Verbindung und ersuchte ihn, die vereinbarten, nun geltenden Löhne einzuhalten. Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich ihn auch an die mir schuldende und von ihm mir versprochene, tarifliche Werkzeugzulage. Am nächsten Tag teilte er mir mit, dass ich als Ausländer kein Betriebsrat sein kann. Auf die Frage warum er mir das nicht gleich sagte, als ich ihm das Resultat der Wahl meldete, entließ er mich auf der Stelle. Umgehend meldete ich das Geschehene beim Sekretariat der Bau- und Holzarbeiter Gewerkschaft in Linz und beim Gericht in Frankenmarkt reichte ich die Klage um Schadenersatz für Lohnausfall und zurückbehaltene Werkzeugzulage ein.

Im Juli fing ich dann, von einem guten Bekannten, Karl Binder angeworben, für die Fa. Eduard Payer, Graz, als Handelsreisender zu arbeiten an. Als es dann Ende Juli zur Gerichtsverhandlung: Krallitsch gegen Schoßleitner kam, entschied der Richter zu meinen Gunsten, weil ich als erster die Klage einreichte. Ich bekam die volle eingeklagte Summe. Ich ging nicht mehr zurück zum Schoßleitner, ich verzichtete auf mein Recht auf meinen Arbeitsplatz.

Ich wurde und blieb bis Mai 1959 Vertreter, weil ich als solcher mehr verdiente. Es hatte den Nachteil, dass ich nur noch am Wochenende daheim bei meiner Familie sein konnte. Ich hatte einen besseren Verdienst, ein Jahr lang fuhr auch Gisi mit, aber die Last für Familie und Haushalt lag nun komplett nur auf Gisi’s Schultern.

Am ersten Mai 1952 war es endlich soweit – wir machten den ersten Spatenstich für unser eigenes Haus.

Auch die Baubewilligung zu kriegen, war mit Schwierigkeiten verbunden. Hätte der Anrainer mit dem Feld, Weixelbaumer (seinen Vornamen weiß ich nicht mehr) uns nicht schriftlich das Vorkaufsrecht eingeräumt und mit dem Bau so nahe rücken lassen, so lange die Dachtropfen auf unserem Boden bleiben, wir hätten nie auf diesem Grund bauen dürfen. Am Dienstag nach Pfingsten stellte eine Salzburger Baufirma aus Fertigteilen die vier Wände des geplanten Nebengebäudes auf und am Wochenende setzte ich den Dachstuhl , den ich schon im voraus abgebunden hatte und deckte es mit Dachziegeln ein. Nachdem der Strom eingeleitet, der Kamin aufgemauert und der Innenputz, beides von meinem Freund, Josef Krug, gemacht und eingerichtet war, zogen wir ein.

In angemessener Entfernung vom Haus stellte ich eine Holzhütte auf in welcher Klosett, Geflügel- und Schweinestall untergebracht waren. Inzwischen gartelte meine Schwiegermutter und bebaute den restlichen Grund mit Erdäpfel und Küchengemüse. Wir ernteten für das ganze Jahr Gemüse, das wir brauchten. Später hatten wir auch vom eigenen Geflügel Eierüberschuss zum Verkauf. Auch Schweine wurden gemästet, nicht nur zum Eigenverbrauch. ntlang des Rains und Weges wurden Blumen gepflanzt. Es sah beachtenswert und schön aus. Aus eigener Kraft, mit Hilfe Gottes und guter, selbstloser Menschen bezogen wir sieben Jahre nach der Vertreibung vom eigenen Grund und Boden, ohne je eine Entschädigung dafür bekommen zu haben, Ende Juni 1952 unsere eigene Wohnung. Wir unterteilten sie durch Möbelstellung und einer spanischen Wand in Kochnische, Schlaf-, Wohn- bzw. Speisezimmer. Die Schlafgelegenheiten für die drei Kinder wurden im abisolierten Dachgeschoß untergebracht, erreichbar durch eine ausziehbare Treppe. Im zweiten Teil des Dach-geschosses war das Geselchte in einem Drahtverhau gespeichert. Den Frauen oblagen nun die Haus- und Gartenarbeiten und mir an den Wochenenden das Weitermachen am Bau.

Ich hob händisch die Grundfeste und den Keller aus. Als es soweit war borgte uns Herr Manfred Schönleitner, Baumeister in St.Georgen im Attergau eine Mischmaschine und wir betonierten das Ganze. Sukzessive, wie es die Kassa erlaubte, beschafften wir das Bauholz, welches ich im Wald selbst schlägerte und im Sägewerk auf die nötigen Dimensionen schneiden ließ und machten Bauziegel aus Granulat, Schaumschlacke und Sand. Gisi und ihre Eltern machten die Zementblockziegel auf einer vom Baumeister Schönleitner geborgten Rüttelmaschine. Mein Schwiegervater machte jeden Tag, nach dem Mittagessen, zwei Mischungen Beton den Gisi zu Ziegel verarbeitete, die ihre Mutter wegtrug und am nächsten Tag abplattelte.

Im Jahre 1954 schlossen sich eine Gruppe Baulustiger in eine Genossenschaft zusammen, unter der Schirmherrschaft „Wohnstätte“ Linz. Durch meinen Freund Willi Umlauf erfuhr ich, dass man als Anzahlung Baumaterial geben kann. 1955 schlossen wir uns dieser Gruppe an. Die „Wohnstätte“ übernahm zu angemessenem Preis unsere Bauziegel und Holz und Gisi leistete tausend Arbeitsstunden, die jeder Siedler entweder bar zahlen oder in Natura abarbeiten konnte.

Im Oktober 1955, elf Jahre nach dem Gisi mit Ewald vor den Sowjets aus der alten Heimat floh und Tito-Jugoslawien uns alles raubte, bezogen wir unser Eigenheim am Wohnstättenweg Nr.7 in St. Georgen im Attergau.

Im Erdgeschoß hatten wir Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Speis, Bad, Klosett und einen Raum für ein zweites Klosett. Das Haus war ganz unterkellert. Im Dachgeschoß bauten wir, nachdem ich alles mit Glaswolle isoliert, noch drei Schlafzimmer aus.

Im Herbst, als wir eingezogen waren, kam meine Schwester Vera aus Rumänien heraus. Als ihr Töchterlein Kristina im Hungerlager Rudolfsgnad gestorben war, floh sie von Jabuka nach Temeschwar in Rumänien. Sie blieb bei uns , anstatt nach Deutschland zu gehen, wie die Papiere lauteten. Da waren wir schon eingebürgert, hatten schon ein Eigenheim, so machte uns niemand mehr Schwierigkeiten.

Im Dezember 55 wanderten meine Schwiegereltern nach Amerika aus und ließen sich in Chicago nieder. Die Gelegenheit, mit ihnen mitzugehen wies ich ab. Wenn sie genug Geld gespart hätten, um sich ein Haus zu kaufen, wollten sie wieder zurück kommen. Bevor sie wegfuhren, half mein Schwiegervater noch, die Eingangsstiege betonieren.

Am einundzwanzigsten Dezember 1956 kam hier am Wohnstättenweg Nr.7 unser viertes Kind, unser Nachzügler, unsere Susi zur Welt. Wie war ich froh, sie endlich schreien zu hören! Ich befürchtete schon, sie hätte es sich überlegt, zu kommen. In der Früh, nach dem die Katerl heimging, rannte ich Doktor Weidinger rufen und um halbacht war unser zweites Prinzesschen da.

Im Herbst 1958 kam Ewald in die Bundesgewerbeschule Bauabteilung in Linz und in ein Schülerheim. Dieses Ereignis war nun ausschlaggebend, dass wir beschlossen, uns wieder zu verändern. Unsere Kinder sollten einmal etwas werden. Sollten durch die Schule geschleust werden, die wir leider in St. Georgen nicht hatten. Auch unsere Eltern ließen uns schulen – wir sind es unseren Kindern schuldig, wir sind moralisch dazu verpflichtet. Das würde soviel kosten, dass wir uns für dieses Geld – und das hatten wir eben nicht – ein Haus bauen könnten.

Also verkauften wir alles, was wir in St. Georgen im Attergau besaßen. Kauften in Traun bei Linz einen Baugrund und begannen nochmals von vorne, ein Haus zu bauen. Diesmal in Schüttbeton, alles allein machend. Am dreizehnten Juli 1959 zogen wir von St. Georgen weg, nach Traun ins Quartier. Noch im Dezember desselben Jahres konnten wir die Kellerdecke betonieren. Im Juli 1960 , nachdem die zweite Decke betoniert war, zogen wir ins Erdgeschoß ein, ohne Fenster und Türen, weil der Tischler Wogh nicht termingerecht liefern konnte. Bis Ende des Jahres hatten wir auch den ersten Stock und Dachstuhl samt eindecken geschafft. Sogar unser Freund,  Umlauf Willi kam aus St. Georgen mit noch acht Freunden, um uns zu helfen. Alle Verwandten halfen mit. Erwin half mir besonders mit Rat und Tat beim Decken auslegen und diese ausgießen. Er verfasste auch den Bauplan, nach einer Skizze von mir, nach welchem das Haus gebaut wurde. Die Lina, Onkel Lorenz und Anton, halfen mit, Gott gebe ihnen die ewige Ruh. Als ich Anton Onkel für die Hilfe danken wollte, sagte er: „Du brauchst mir nit dankn. Ich hab dir nit gholfen. Ich hab nur Gisi, meiner Verwandten, gholfen und für des dankt mr nit.“

So selbstlos waren alle, die uns halfen.

Im Juli 1964 wurde Gisi operiert – histologischer Befund „Hautkrebs“. Das war nun ausschlaggebend, die Auswanderung voran zu treiben. Am neunzehnten Jänner 1965 bestiegen wir in Bremerhafen die „Berlin“ und am dreißigsten kamen wir in New York an. Per Autobus fuhren wir nach Chicago, wo wir am einunddreißigsten ankamen.

In Europa blieben Ewald und Rosemarie mit der zwanzig Monate alten Claudia. Werden sie ihr Schicksal meistern? Claudia war ein putziges, dauernd plapperndes Mäderl, dass man lieb haben musste. Heute noch, nach zweiundzwanzig Jahren, wenn ich an den Abschied mit Claudia denke, werde ich ganz nostalgisch.

Hier, in Chicago hatten meine Schwiegereltern in ihrer Nähe für uns eine Wohnung gemietet und eingerichtet, die Einrichtung wurde von uns im Möbelgeschäft „Northern Home“ abgestottert.

Im Juni, weil das Geld fürs Haus in Traun noch nicht ausgezahlt war, rund zwanzigtausend Dollar, kauften wir zusammen mit den Schwiegereltern ein Zweifamilienhaus mit zweitausend Dollar Anzahlung. Dieses verkauften wir 1986 an Peter, um das Viertelerbteil an Schwager Hans zu zahlen und um unser Haus in Wonderlake in illinois fertig stellen zu können. Für dieses hier könnten wir leicht fünfundachtzigtausend Dollar erreichen.

Ich will nun versuchen das Ganze zusammenfassend zu bringen.

Durch das Zusammenhalten, durch Fleiß und auf Gott vertrauend sind wir keine Parias geblieben. Ewald wurde Baumeister, Gerti kaufmännische Angestellte, Peter Architekt, Susi Lehrerin.

Das geflügelte Wort, welches sich nach dem zweiten Weltkrieg, nach dem an uns verübten Genozid in Jugoslawien, besonders bei den Serben einbürgerte, traf bei uns zu:

„ Den Schwaben kannst wie eine Gans rupfen, die Federn wachsen ihm immer wieder nach.“

Meine nächsten Blutsverwandten sind:

Mein Vater, Peter Krallitsch, er hatte zwei Geschwister, Magdalena und Rudolf.

Magdalena, verheiratet mit Martin Vogel (mein Taufpate) hatte vier Kinder: Anna, Peter, Paul und Rosalia.

Anna, verheiratet mit Georg Sabo hatte zwei Kinder.

Peter, im zweiten Weltkrieg vermisst, verheiratet mit Lorenz Zilli, hatte einen Sohn, Franz.

Paul, im zweiten Weltkrieg vermisst, verheiratet mit Gärtner Lisi, hatte zwei Töchter.

Rosalie starb kinderlos.

Rudolf verheiratet mit Agnes Schubert , sie starben kinderlos.

Meine Mutter, Anna Maria Kiefer, hatte zwei Brüder, Paul und Johann.

Paul Kiefer, verheiratet, wurde im ersten Weltkrieg in der Schlacht bei Przerysel in Galizien vermisst, hinterließ zwei Kinder, Anna und Leopold.

Anna, verheiratet mit Emmerich Müller, deren einziger Sohn Paul im zweiten Weltkrieg vermisst.

Leopold , verheiratet mit Elisabeth Hübel, sie haben einen Sohn,

Johann Kiefer, verheiratet mit Emilie Gaal, wurde im Herbst 1944 im Lager Groß-Betschkerek (Zrenjanin) von Tito-Partisanen zu Tode gemartert. Sie hatten drei Söhne, Siegfried, Alax Georg und Johann.

Siegfried war verheiratet und wohnhaft in Agram (Zagreb), hatte einen Sohn und eine Tochter.

Alex Georg (Gyuri) zweimal verheiratet, aus erster Ehe hatte er zwei Söhne, Johann und Stefan. In zweiter Ehe mit Maria (Mitzi) einen Sohn, Siegfried.

Johan (Hansi) ist in Kärnten verheiratet. Ich weiß nichts Näheres über ihn.

Meine Schwestern sind Kristina, Veronika und Maria Magdalena

Kristina (Kristl) verheiratete Hauber. Mein Schwager Hugo ist seit April 1944, zweiter Weltkrieg vermisst, hat zwei Söhne, Ladislaus (Laci) und Erwin.

Laci ist kinderlos, verheiratet mit Risa.

Erwin ist verheiratet mit Marlene Löchel. Sie haben drei Kinder, Astrid, Ralf und Dietmar.

Veronika (Vera) geschiedene Scheffer, verlor ihr Töchterl Kristina im Hungerlager Rudolfsgnad.

Maria Magdalena (Illy) verwitwete Bandl, hat zwei Kinder, Hugo und Anna.

Hugo ist noch Junggeselle.

Anna verheiratet mit Adolf Goth, sie haben drei Kinder, Robert, Chistina und Stefan.