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Der gescheiterte Dialog

von Stefan Barth

 

Der Versuch, mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in Serbien Herrn Aleksander Nečak eine Verständigung herbeizuführen, wie es mit jüdischen Vereinigungen in Deutschland und Österreich geschieht, ist gescheitert.

Ich muss vorausschicken, dass ich das Unrecht an den Juden nie geleugnet oder relativiert habe.

Als Kind, das 1937 geboren wurde, habe ich mit der Naziideologie nichts zu tun. Im Gegenteil, ich war mit meinen Eltern und Großeltern ein Opfer des Krieges, der Einkerkerung und Vertreibung und kann mich in die Lage verfolgter Menschen gut hineindenken und mit dem Thema der Vertreibung offen umgehen.

Begonnen hat der Schriftwechsel mit der Forderung von Herrn Nečak, vor der  Errichtung eines Denkmals für unschuldigen Opfer der Gewalt nach dem Zweiten Weltkrieg, müssten die Donauschwaben in Serbien nachweisen, dass die Opfer unschuldig waren, d.h. gerichtlich nicht verurteilt wurden. Ich schlug vor, eine Namensliste in der jeweiligen Gemeinde, wo ein Denkmal aufgestellt wird, zu veröffentlichen, so dass jeder Bürger die Möglichkeit hätte Einsicht zu bekommen. Wenn sich auf der Liste eine Person befände, die gerichtlich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit von einem Gericht verurteilt wurde, dann würden wir diesen Namen von der Liste streichen. Danach erlahmte das Interesse von Herrn Nečak und er wollte nur über das Denkmal und die Situation in Werschetz und die Schuld der Donauschwaben an der Verfolgung der Juden in Jugoslawien schreiben. Ich habe ihn zweimal höflich darauf hingewiesen, dass das Denkmal ein Thema sei, das zwischen den Initiatoren des Denkmals auf der Schinderwiese und den Werschetzer Serben behandelt wird und ihn gebeten habe, dieses Thema auszuklammern. Zu der Schuld der Donauschwaben habe ich ihn gebeten konkrete Fälle und Namen zu nennen und falls Täter noch leben, sie anzuzeigen. Darauf ging er aber nicht ein.

Beim abrupten Schluss des Dialogs mit Herrn Nečak war es mir schon unbehaglich zumute und ich wusste auch nicht, wo ich anknüpfen sollte. Ich habe inzwischen versucht herauszufinden, was unseren Dialog scheitern ließ. Nachdem ich geschrieben habe, dass wir anlässlich der Kristallnacht 1938 und des Auschwitztages am 27. Januar gesungen und zusammen mit jüdischen Mitbürgern in Erlangen an die jüdischen Opfer gedacht haben, schrieb er mir:

„Meinen Sie etwa, dass Sie, nur weil Sie ab und zu unsere Lieder singen das Recht haben in Briefen und Dokumenten unsere Wunden zu verletzen?

Nein Herr Barth, Sie haben kein Recht, uns zu beleidigen und zu erniedrigen. Wir haben weder Gelegenheit, noch das Bedürfnis, anlässlich irgendwelcher traurigen Ereignisse Ihre Lieder zu singen. Wir haben nie die Kristallnacht, Todeslager, Gaskammern, Seelentöter, nichts dergleichen organisiert, und wir sind deshalb sehr glücklich und stolz.“

Die meisten von uns, die gesungen haben, waren in der Kristallnacht noch nicht auf der Welt und die auf der Welt waren, haben noch in die Windeln gemacht. Die jüngste Sängerin im Chor ist 19 Jahre alt und ihr Großvater wurde nach der Kristallnacht geboren. Die ältesten Chormitglieder sind Jahrgang 1937, zu denen auch ich zähle. Meine älteste Enkelin ist 23 Jahre alt. Es liegen also schon drei Generationen dazwischen, die sich nicht schuldig gemacht Diese Arrognaz von Hern Nečak hat mich gestört. Wir haben gesungen, weil wir der jüdischen Opfer gedenken wollten und keiner von uns wollte sich bei jemandem anbiedern. Das hat Herr Neák missverstanden. Oder gilt hier die Erbsünde, denn im 2. Mose 20,5 heißt es doch: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied…“ Mein Urgroßvater Stefan Barth wurde als Bürgermeister der Serben und Deutschen in Alt Futok (ein Dorf mit 5.000 Einwohnern), 1918 in seiner Wohnung von Tschetniks meuchlerisch erschossen. Niemand weiß warum, auch die Serben im Dorf nicht. Weder er noch mein Großvater waren beim Militär oder haben jemanden etwas zu leide getan. Mein Vater war serbischer Soldat und drei Monate deutscher Soldat. Er wurde wegen eines Hörschadens entlassen. Keiner hatte Sympathien mit Nazis oder hat sich an irgendwelchen Aktionen beteiligt.

Herr Dr. Theodor Kovač, ein jüdischer Arzt aus Novi Sad, hat in seinem Leserbrief in der Tageszeitung DANAS geschrieben: „Manche Deutsche, die in den Lagern gestorben sind, wären auch zu Hause gestorben.“

Ich würde so etwas nie schreiben. Aber stelle man sich vor, ich hätte im Leserbrief den zynischen Satz geschrieben: „Manche Juden, die in den Konzentrationslagern gestorben sind, wären auch zu Hause gestorben.“ Ein Sturm der Entrüstung wäre auf mich niedergeprasselt. Herr Nečak muss sich über folgene Zeilen besonders geärgert haben, obwohl ich es nicht böse gemeint habe und wirklich vor dem Dilemma stehe zwischen „guten“ und „bösen“ Verbrechen unterscheiden zu müssen.

Ich habe ihm geschrieben:

„Mir graust es vor den Verbrechen der Nazis, aber mir graust es auch vor den Verbrechen anderer, ohne Rücksicht welchem Volk sie angehören. Die Nazis haben die Angehörigen von Mosche Pijade umgebracht. Dieses schlimme Verbrechen hat sich bestimmt tief in das Bewusstsein von Mosche Pijade eingeprägt. Aber Herr Pijade hat als Mitglied der höchsten Führung der KP Jugoslawiens Beschlüsse über die kollektive Vertreibung der Deutschen von ihrem Heimatherd in die Konzentrations- und Arbeitslager, über die Konfiszierung ihres Vermögens, über Verlust ihrer Bürgerrechte und die Deportation von 12.500 Deutschen in die UdSSR gefasst. In den Partisanenlagern kamen über 50.000 Deutsche um, unter ihnen waren rund 6.500 Kinder. Außerdem wurden rund 10.000 Deutsche, mehrheitlich ohne Gerichtsurteil, liquidiert. Sie wurden nackt in Massengräbern verscharrt. Natürlich haben die Mitglieder des Vorstandes der KP Jugoslawien nicht persönlich Verbrechen verübt, so wie es auch die Führung der Nazis nicht getan hat. Die Schmutzarbeit haben sie anderen überlassen. Ich frage mich, ob die Mitglieder des Vorstandes der KP Jugoslawien deshalb moralisch höher stehen, als andere Anführer, die als Verbrecher verurteilt wurden, weil sie mit ihren Beschlüssen unschuldige Zivilpersonen vernichtet haben, ohne Rücksicht darauf, aus welchen Motiven heraus es geschehen war? Denn der Krieg war Ende 1944 bereits entschieden und die Lager bestanden bis 1948. Ich teile die Verbrechen nicht in gute und böse. Aber ich möchte damit nicht die Shoa d.h. Holocaust an den Juden relativieren, obwohl es für die Opfer und ihre Angehörigen das gleiche Ergebnis ist.“

Herr Nečak wurde dann persönlich und ich sah keinen Sinn, auf diesem Niveau den Dialog fortzusetzen.

Herr Avraham Burg, israelischer Autor und ehemaliger hochrangiger Politiker, hat in seinem Buch „Hitler besiegen“ die Gefahr erkannt, dass viele Juden den Fehler machen, ihr Leid als das einzige, größte, einmalige zu sehen und kein Leid Anderer neben dem ihrem zu dulden. Viele Menschen werden gerade aus den oben genannten Gründen gleichgültig gegenüber Juden, trotz der öffentlichen Beteuerungen, wie gute Freunde wir geworden sind. Und das sind keine Neonazis. Das müsste uns eigentlich beunruhigen.

Herr Nečak hat behauptet, das Gelände auf der Schinderwiese in Werschetz wurde untersucht und man habe festgestellt, dass es dort keine Massengräber der Deutschen gäbe. Er hat zwar zugegeben, dass wegen der Ermordung eines russischen Majors in der Dreilaufergasse mehr als hundert deutsche Geiseln erschossen wurden. „Wie es die Wehrmacht, für die Ermordung eines deutschen Soldaten getan hat“, schrieb er. Aber den Ort des Massengrabes hat er nicht genannt.

Inzwischen habe ich über Umwege aus der Gemeinde Werschetz erfahren, dass auf der Schinderwiese bisher keine Suche nach Massengräbern durchgeführt wurde. Das widerspricht der Aussage von Herrn Nečak: Sobald die Witterung es im Frühjahr zulässt, wird eine Kommission mit Sonden das Gelände untersuchen. Dann werden wir definitiv sehen, ob Herr Nečak die Wahrheit sagt.

Ein Denkmal für unschuldige deutsche Zivilopfer ist in Serbien auch angebracht. Man kann nicht immer nur um des Friedens willen nachgeben, wobei es hier ja um eine Auseinandersetzung in der Sache geht. Um die Gegenüberstellung von zwei Wahrheiten, die der kommunistischen Machthabern und die der Donauschwaben. Wir sind bisher, trotz anfänglicher Schwierigkeiten und Vorbehalte, fast immer mit der Gemeindeverwaltung in den ehemaligen Lagerorten zu einer einvernehmlichen Lösung gekommen. Und heute gibt es Freundschaftsreisen der Bürger aus Serbien nach Österreich und Deutschland und umgekehrt.

Ich möchte nochmals betonen: Weder ich noch meine Freunde haben Vergleiche zum Schicksal der Juden im Nazi-Deutschland und außerhalb Deutschlands gezogen. Das kann man und soll man nicht tun, denn die Gräuel an Juden im Zweiten Weltkrieg sind und bleiben in Systematik, der Technik und Zahl der Opfer einzigartig, obwohl es Völkermord und Massenmord im Laufe der Geschichte schon immer gegeben hat.

Was man aber, um der Versöhnung willen tun soll und muss, ist, die Verbrechen an unschuldigen Menschen zu nennen, egal von welcher Seite sie begangen wurden. Sonst wird man Verbitterung statt Versöhnung ernten und die Geschichte wird verdrängt und nicht aufgearbeitet!