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Rede zum 10-Jahr-Jubiläum des Museumsraumes der Heimatvertriebenen in der Burg Wels am 10. März 2001

Der Museumsraum der Heimatvertriebenen in der Burg Wels wurde vor 10 Jahren neu eröffnet.                      .   Anlässlich der Eröffnung am 10. März 2001 sprach Dr. Georg Wildmann die Worte zur Einführung:


Seit 1984 haben die Heimatvertriebenen ein Gastrecht in der Burg Wels. Früher hatten sie einen Ausstellungsraum im Westtrakt, nunmehr, nach der Neugestaltung, im Untergeschoß des Osttrakts. Nicht nur die lokale Anordnung ist eine andere, auch die Idee des Museums hat sich gewandelt. Früher hatte es den Sinn, der Erlebnisgeneration, uns Trägern einer oft bitteren Verlusterfahrung, uns persönlich, die verlorene Heimat wiederzubeleben: Erinnerung als Ersatz für das Verlorene. - Persönlich hat indes im Laufe der Jahre jeder von uns, der die alte Heimat noch erlebt hat, die Erfahrung gemacht, dass er aus dem Land der Erinnerung in seiner Seele nicht mehr vertrieben werden kann. Das Verlorene wurde, nicht zuletzt durch Heimatbücher, verinnerlicht, Besitz des Herzens. – Wozu also dann noch ein Museum als Ersatz-Erinnerung?

Wir haben, als die Stadt uns mit der Neugestaltung beauftragte, das Ziel verfolgt, dem uns reservierten musealen Raum – "unserem Museum", wenn man es so nennen will -  einen neuen Sinn zu geben: Es hat nun erstens den Sinn, unseren Nachkommen eine Information zu bieten über die Lebenswelt und Kultur, aus der ihre Väter und Mütter kommen. Unsere Nachkommen sollen einen Blick auf ihre eigenen Wurzeln werfen können. Es hat zweitens den Sinn zu verhindern, dass wir Heimatvertriebenen ein zweites Mal vertrieben werden, nämlich vertrieben werden aus der geschichtlichen Erinnerung und aus dem öffentlichen Bewusstsein. Es hat drittens den Sinn, der heranwachsenden wie den künftigen Generationen Österreichs überhaupt, bewusst zu machen, dass die hier repräsentierten Heimatvertriebenen keine absolut Fremde waren, als sie in diesem Lande eine neue Heimat fanden. Diese dritte Sinnkomponente möchte ich erläutern.

Die fünf Lebenswelten, die hier dargestellt werden, gehören nicht Fremden, sondern Menschen, die im alten Kaiserreich Österreich und später Österreich-Ungarn gelebt haben – es hat also seine geschichtliche Berechtigung zu sagen, es sei altösterreichisches Leben, altösterreichisches deutschsprachiges Kulturgut, das hier präsentiert wird. 

Es mag die Darstellung hier in der Burg infolge der räumlichen Enge etwas Fragmentarisches und Skizzenhaftes an sich haben. Doch sollte man eines nicht übersehen: Es waren in der Zwischenkriegszeit, vor 60 - 70 Jahren, fünfeinhalb Millionen Menschen, deren Leben und Leistung hier zur Anschauung gelangen soll, es waren also keine Liliputaner, die ihre Kultur, ihre alte Heimatlandschaft und ihre weltweit ausstrahlenden Persönlichkeiten hier vor Augen führen wollen.

Man denke an die unglaubliche Vielfalt der 13 sudetendeutschen Landschaften, vom nahen Böhmerwald über das Erzgebirge bis nach Südmähren und den Beskiden; das Land der Bäder, der Goldenen Stadt Prag, die Stahlschmiede der alten Monarchie; das Land mit seinen seit dem 12. Jahrhundert dort lebenden deutschen Bauern, Bergleuten, Handwerkern, mit seinen in das innere Österreich wandernden Persönlichkeiten wie Hans Kudlich, der Bauernbefreier, die Bundespräsidenten Renner, Körner und Schärf, Berta von Suttner, Adalbert Stifter, Rainer Maria Rilke,  Gertrud Fussenegger.

Man denke an die Donauschwaben, gerufen von Kaisern, nach der Belagerung Wiens durch die Türken vor dreihundert Jahren. Ihre Welt die  mittlere Donau, das heitere Pannonien, nach 100 Jahren Kolonistenarbeit die Kornkammer der Monarchie. Und aus ihren Reihen Nikolaus Lenau, Genie der lyrischen Sprache, Ignaz Semmelweiß, der Überwinder des Kindbettfiebers und "Retter der Mütter", Rudolf Wegscheider, der "Allwissende" der damaligen Chemie, Adam Müller-Guttenbrunn, Theatermann in Wien und Neu-Erwecker seiner ungarländischen Schwaben durch seine Romane.  

Man denke an die Siebenbürger Sachsen, an ihre Kirchenburgen, an ihre hochqualifizierten Schulen und reichen Bibliotheken, an ihre Stadtkultur; schon seit dem 12. Jahrhundert im Land, auf dem "Königsboden", gerufen von der  ungarischen Krone, eine Schutzmauer gegen Tataren und Mongolen, das Land des kaiserlichen Ratgebers Bruckenthal, das Land des Hermann Oberth, des Vaters der Raketentechnik, des Hans Fronius, des hierzulande hochgeschätzten Graphikers und Illustrators.

Man denke an die Landsleute aus dem Karpatenland, schon im 13. und 14. Jahrhundert dort angesiedelt, angefangen von Pressburg, der Krönungsstadt der ungarischen Könige, über das Hauerland bis in die Zips, dieser europäischen Schatzkammer der gotischen Kunst; man wird erinnert an den Musiker Johann Nepomuk Hummel und an Franz Schmidt, den Komponisten des gewaltigen Oratoriums "Das Buch mit den sieben Siegeln".

Man denke an die Bukowina, - das Land der Buchen - schon im 14. Jahrhundert von den ersten Deutschen besiedelt, seit 1775 zu Österreich gehörend und zu europäischer Bedeutung erhoben; mit seinem Mosaik der Nationalitäten, mit Tschernowitz als religiösem Zentrum und als Schauplatz einer Theaterkultur, die Paula Wessely und Hans Moser ebenso anzog wie Alexander Moissi oder Nico Dostal.

Alle diese Kultur- und Lebenswelten, getragen von fünfeinhalb Millionen Menschen, waren mit der innerösterreichischen verbunden in der Einheit des einen Staatsgebildes der Monarchie. In Sinne dieser geschichtlichen Verbundenheit stellen hier Altösterreicher deutscher Muttersprache das Gemeinsame in den Vordergrund und erinnern an das größere Europa.

Museen sind im heutigen Verständnis "offene Lernorte". Wenn der Idealfall eintritt, kann dieser Museumsraum, den wir eröffnen, mit seiner Basisinformation unter den jüngeren Mitbürgern so etwas wie eine Lerngemeinschaft bewirken.

Im Idealfall kann aber unser Raum der Selbstdarstellung in uns allen, die wir jetzt Bürger dieses Landes sind, auch das Bewusstsein wecken oder verstärken, eine gemeinsame Geschichte gehabt zu haben. Im Idealfall stiftet unser Museumsraum Erinnerungsgemeinschaft, kollektives Gedächtnis. Er hat also letztlich den Sinn, ein Ort des Wachsens und Entfaltens einer gemeinsamen, aber erweiterten und gefestigten österreichischen Identität zu sein.