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Die Flucht aus dem Vernichtungslager Gakowa

von Ing. Josef Thiel 

Prolog

Nur zum besseren Verständnis einige Worte. Der nachfolgende Bericht ist ein „Ausschnitt“ aus der Zusammenfassung meiner Erinnerungen über meine Kindheit, Schulzeit, das Leben in Filipowa und die Internierung in Jugoslawien, sowie den weiteren Verlauf meines Lebens. (Die Details habe ich an anderer Stelle niedergeschrieben.)  Dies habe ich schriftlich festgehalten, damit meine Nachkommen erfahren, welches Verbrechen an uns Donauschwaben begangen wurde.

Ich wurde schon Anfang März 1945 interniert (Also schon vor der allgemeinen Vertreibung aus Filipowa am 31. März). Danach war ich in folgenden Internierungslagern: Sombor, Ridjica, Filipowa, Hodschag, Kruschiwl und Gakowa. Als ich nach Gakowa kam, traf ich wieder meine guten Freunde, Franz Gaus und Jakob Schanz. Wir saßen oft beisammen und schmiedeten Pläne, wie wir hier rauskommen.

Die Flucht

Anfang März 1947 sagte ich zum Jakob, „ich gehe nach Ungarn, willst Du mitgehen? Ich will den Weg auskundschaften und sehen wo wir in Ungarn bleiben können.“ Der Jakob hat sofort zugesagt. Der Franz konnte wegen seiner Gehbehinderung nicht mitgehen (er musste mit Krücken gehen), denn wir mussten ja wieder zurückkommen und das wäre für ihn zu viel gewesen. Ich glaube es war der 12. März als wir beide nachts losgezogen sind und uns auf den Weg nach Ungarn gemacht haben. Wir kannten ja den Weg nicht, aber ich konnte mich auch nachts gut nach den Sternen orientieren. Mein wichtigster Wegweiser war der Polarstern und der große Wagen. Wir merkten uns jede Kleinigkeit damit wir wieder leichter zurück finden konnten. Jeder markante Punkt war für uns wichtig, mal musste eine Straße überquert werden, dann war es ein Gehöft an dem man vorbei schleichen musste, dann gab es ein großer Baum den man auch nachts noch sehen konnte und noch viele andere Merkmale waren für uns sehr wichtig. Es war sehr gut dass wir zu zweit waren, denn so konnten wir uns immer wieder beraten und wenn einer nicht mehr so genau Bescheid wusste, konnte er den anderen fragen. Wir kamen gut voran und waren sehr froh als wir die Grenze überschritten und Ungarn erreicht hatten. Aber da war die Gefahr noch nicht vorbei, denn nun mussten wir an der ungarischen Grenzbewachung vorbei kommen. Zwar hatten wir keine Angst von denen erschossen zu werden, aber die Gefahr bestand, wieder zurück nach Jugoslawien abgeschoben zu werden. Unweit von der Grenze fanden wir einen verlassenen Bauernhof in dem wir warteten bis es etwas hell wurde. Dann gingen wir weiter in Richtung Gara. Gleich nachdem wir den Bauernhof  verlassen hatten sahen wir in einiger Entfernung einen Wachturm der ungarischen Grenzpolizei. Da es noch ziemlich grau war, hat uns niemand gesehen. So kamen wir nach Gara, das war auch eine, zum grossteil, donauschwäbische Gemeinde. Viele deutsche waren auch von hier geflüchtet und deshalb gab es hier mehrere Leerstehende Häuser. Einige davon waren schon von flüchtigen Deutschen aus Jugoslawin belegt, die auch vorübergehend einen Unterschlupf gesucht haben. Wir fanden ein Haus das noch leer stand. Wir blieben 2-Tage, zu essen bekamen wir von den ansässigen Donauschwaben, die sehr gut und hilfsbereit waren. Wir sagten den Nachbarn dass wir wieder zurückgehen, um unsere Familien zu holen.

Am späten Nachmittag machten wir uns wieder auf den Weg zurück. Da wir nun den weg kannten, kamen wir etwas zügiger voran. Als wir an die Grenze kamen war es längst schon wieder Nacht geworden und so sind wir gut an der ungarischen Grenzwache vorbei gekommen. Kurz nachdem wir die Grenze überschritten hatten, hörten wir eine serbische Patrouille kommen. Sie waren zu zweit und redeten miteinander, nur so haben wir sie noch rechtzeitig gehört. Auf dem Acker auf dem wir gerade waren gab es keinen anderen Unterschlupf als die furchen im Acker. Wir warfen uns in die Furche, sagten kein Word und machten keine Bewegung. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte sie würden es hören. Aber ohne uns zu sehen gingen sie in etwa 10 bis 15 m. Entfernung an uns vorbei. Wir hatten Glück, oder waren es unsere Schutzengel die uns beschützten? Wir waren jedenfalls sehr froh als sie vorbei waren und wir wieder weiter gehen konnten. Noch bevor es Tag wurde kamen wir wieder in Gakowa an und konnten uns einschleichen, ohne erwischt zu werden.

Nun musste alles für die große Flucht, mit der Familie, vorbereitet werden. Zunächst mussten wir wissen wie viele Personen jeder von uns beiden mitnehmen will. Bei mir waren es meine Mutter, meine Schwester und ich. Dann kamen meine Tanten Maria Schaschwary, Barbara Haas mit den Kinder Anna, Fabian und Anton. Meine Cousine, Katharina Schaschwary, wollte mit ihren weiteren sieben Geschwistern nicht mitgehen, denn sie dachte dass ihr Vater, Onkel Christian, sie irgendwie finden wird und sie dann mit ihm gemeinsam auch nach Ungarn fliehen können. Sie willigte aber ein, dass wir den Johann und die Agnes, also zwei ihrer Geschwister, mitnehmen können. Damit waren wir, von meiner Seite, 10-Personen. Der Jakob kam auch mit seiner Mutter, den Geschwistern und Verwandten auf 10-Personen. Der Jakob hatte noch das Problem, dass seine jüngste Schwester Mathilde noch sehr klein war und über weite Strecken getragen werden musste. Somit waren wir eine Gruppe von 20-Pesonen. Nun war es sehr wichtig zu prüfen wie viel Gebäck jemand mitnehmen will. Obwohl wir Alle fast nichts mehr hatten, war es doch zu viel um es zu tragen. Wir, der Jakob und ich, wussten wie schwierig und beschwerlich es ist, mit einer Gruppe von 20-Personen, in einer Nacht nach Ungarn zu kommen. Denn man konnte keine Strassen benutzen, man konnte nur über Wiesen, Ackerland und Felder gehen, um nicht gefangen zu werden. Wir wussten auch wie geschwächt alle waren, deshalb prüfte ich jedes Gepäckstück in meiner Gruppe und wenn ich dachte es sei zu viel, musste es verkleinert werden. Alle waren sehr kooperativ und es gab keine Widerrede, wenn ich sagte, das ist zu groß oder zu schwer. Dem Jakob ging es nicht viel anders und auch er hatte alles gut im Griff.

Am 23. März 1947 war es dann so weit. Da wir am Ortsrand untergebracht waren, versammelten wir uns Alle gegen Abend bei uns. Der Jakob kam mit seiner Familie und Verwandten nur in kleinen Gruppen, so dass niemand Verdacht schöpfen konnte. Schon bevor es ganz dunkel war haben der Jakob und ich versucht, so gut wie möglich, die Wache zu beobachten. Nach ca. einer Stunde auf der Lauer, haben wir uns auf den Weg gemacht. Wir hatten Glück und kamen ohne gesehen zu werden aus dem Lager heraus. Nun kam es darauf an noch rechtzeitig über die Grenze zu kommen. Einer von uns Beiden ging immer voraus und der andere machte den Abschluss, damit niemand zurück bleiben und verloren gehen konnte. Es durfte nur ganz leise gesprochen und kein Lärm gemacht werden. Zuerst kamen wir gut voran, aber nach und nach mussten wir immer öfter eine kurze Pause einlegen, denn die Strapazen waren für einige fast unerträglich. Wir waren schon nahe an der Grenze, ich war gerade vorne, da kam die Nachricht von hinten, dass meine Mutter nicht mehr weiter kann. Sie sagte zu mir, wir sollen alleine weiter gehen, denn sie kann nicht mehr. Ich sagte zu ihr, „Mutter ich lasse Dich auf keinen Fall zurück, wir schaffen es gemeinsam.“ Ich schlang meinen Arm um ihre Hüfte und half ihr beim gehen bis wir die Grenze überschritten hatten und schon ein gutes Stück in Ungarn waren. Dann machten wir nur eine kurze Pause bis sich alle etwas erholt hatten. Danach gingen wir bis zu dem schon erwähnten verlassenen Bauernhof, wo wir eine größere Pause machen konnten. Noch bevor es ganz hell wurde mussten wir weiter gehen um nicht von der ungarischen Grenzpolizei erwischt zu werden. Die Freude, nun endlich aus dem Vernichtungslager entkommen zu sein, gab uns allen wieder neue Kräfte und wir schafften es ohne weitere Zwischenfälle bis in das Leerstehende Haus in Gara. Wir waren alle so erschöpft, dass wir zuerst nur noch schlafen wollten. Als wir uns ausgeruht und von den ansässigen Deutschen etwas zu Essen bekommen hatten, fragten wir uns wie wir nach Österreich kommen können. Wir hatten kein Geld und nichts zu verkaufen, wie sollten wir weiter kommen?

Noch am gleichen Tag kam ein Mann zu uns, er war auch ein Donauschwabe aus Jugoslawien, und seine Eltern, Geschwister und sonstigen Verwandten waren auch in Gakowa interniert. Er kam jetzt aus Deutschland und war vorübergehend bei einer befreundeten deutschen Familie in Gara zu Besuch. Den Namen des Mannes habe ich leider vergessen, ich werde ihn im weiteren Verlauf nur Herr X nennen. Er wollte wissen wie wir es geschafft haben nach Ungarn zu kommen. Als wir ihm alles erzählt hatten, fragte er uns ob wir nicht auch seine Angehörigen  aus dem Lager holen würden. Er versprach uns 50-Forint pro Kopf wenn wir 10-Person gut nach Gara bringen. (ich glaube, dass ich den Betrag noch richtig im Kopf habe. Der Wert des Forint war damals viel höher als heute.) Obwohl das in anbetracht der Gefahr sehr wenig war, wir aber nichts hatten, war es für uns viel Geld. Wir rechneten uns aus, dass wir mit diesem Geld, mit dem Zug, bis an die Österreichische Grenze fahren konnten. Nach einem Tag der Überlegung haben wir, der Jakob und ich, uns entschlossen nochmals zurück zu gehen und diese zehn Personen zu holen. Obwohl der Jakob und ich schon seit unserer Kindheit Freunde waren, hat uns diese Flucht sehr zusammen geschweißt und wir sind bis heute gute Freunde geblieben. Am nächsten Tag kam Herr X wieder und wir sagten ihm dass wir es machen werden. Er gab mir dann einen Zettel auf dem er die Namen der zehn Personen und deren Heimatort aufgeführt hatte. Der Heimatort war sehr wichtig, denn ohne diesen hätten wir sie nur sehr schwer ausfindig machen können.

Am 26. März machten wir uns wieder auf den Weg zurück. Den Weg kannten wir ja nun schon ziemlich gut und so kamen  wir ohne große Schwierigkeiten über die Grenze und nach Gakowa. Als wir wieder bei meinen Verwandten (Geschwister Schaschwary) ankamen, waren sie sehr überrascht uns wieder zu sehen. Wir erklärten ihnen alles, ich blieb bei ihnen und der Jakob ging zu seinen Verwandten. Noch am gleichen Tag suchten wir die Leute die wir mitnehmen sollten. Zuerst suchten wir jemanden aus deren Heimatort, diese konnten uns dann sagen wo die gesuchten  untergebracht waren. Den Moment als wir sie gefunden haben werde ich nie vergessen, es war ein sehr bewegender Moment. Als wir in das Haus kamen stand eine Frau im Hof, ich gab mich zu erkennen und fragte sie wer sie ist, sie war es die wir suchten. Als ich ihr dann sagte wer uns geschickt hat und dass wir gekommen sind um sie nach Ungarn zu bringen, konnte sie gar nichts sagen. Zuerst stand sie nur da, dann fiel sie auf die Knie, reckte die Hände in die Höhe, fing an laut zu beten und Gott zu danken, dass er jemanden geschickt hat sie aus diesem Todeslager zu befreien. Wir waren alle sehr ergriffen und es dauerte eine ganze weile bis wir wieder normal miteinander reden konnten. Mir schnürt es immer noch die Kehle zu, wenn ich jemanden von dieser Situation erzähle. Wir gingen in das Haus, um  den anderen zu sagen, dass wir gekommen sind um sie nach Ungarn zu führen. Um nicht das ganze zu gefährden sagten wir ihnen, dass sie niemanden etwas sagen dürfen. Dann sagten wir ihnen wie sie sich verhalten sollen, was sie mitnehmen dürfen und wo sie am übernächsten Abend hinkommen müssen. Ich kann gar nicht sagen wie froh und dankbar diese Menschen waren, obwohl ich ihnen sagte, dass es sehr schwierig sein wird und wir nicht wissen ob wir auch tatsächlich durchkommen. Ich sagte ihnen, dass sie alles genau befolgen müssen was wir ihnen sagen und nur ganz wenig Gepäck mitnehmen dürfen. Sie versprachen alles genau zu befolgen und das haben sie auch getan. Am Tag der Flucht ging ich zu ihnen und prüfte ob sie alles so gemacht haben wie ich es ihnen gesagt hatte. Alles war in Ordnung uns sie waren zur Flucht bereit.

Jakob und ich vereinbarten, dass jeder noch einige Verwandte mitnehmen kann. Er stellte seine Truppe zusammen die er mitnehmen wollte. Ich ging zu meiner Tante Resi, (die Schwester meines Vaters) und fragte sie, ob sie mitgehen will. Diesmal  wollte sie mitgehen und auch ihr sagte ich wie sie sich verhalten soll und wie viel  sie mitnehmen darf. Ihr sagte ich besonders deutlich, dass sie nur wenig mitnehmen darf, denn ich wusste, dass sie sich nur schwer von etwas trennen konnte. Ich sagte ihr auch dass der Jakob und ich nichts tragen werden, damit wir uns voll auf die Führung der gesamten Gruppe konzentrieren können. Denn wir wussten welche Verantwortung wir übernommen haben. Bei der Kontrolle am nächsten Tag sagte ich ihr auch, dass es zu viel ist was sie mitnehmen will und, dass sie das nicht tragen kann. Sie aber bestand darauf und zeigte mir wie sie den Rucksack auf den Rücken und einen großen Bündel (Federüberdecke mit Kopfpolster) unter den Arm nehmen kann. Ich sagte ihr nochmals, dass sie das nicht tragen kann, aber es half nichts sie bestand darauf. Bei meiner Cousine Kathy Schaschwary und deren Geschwistern machte ich nochmals einen Anlauf, ob sie nicht doch mitgehen wollen. Aber sie hatte immer noch die Hoffnung, dass ihr Vater kommen wird  und sie dann gemeinsam fliehen können. Leider war das nicht der fall und sie sind später an hand einer Wegeskizze die ich ihnen gemacht, und dem Josef und dem Valentin ganz genau erklärt habe, ohne fremde Hilfe nach Ungarn geflohen. Ich war auch wieder bei meinem Freund Franz Gaus um noch etwas Zeit mit ihm zu verbringen und mich von Ihm zu verabschieden. Auch ihm gab ich eine Wegeskizze mit genauer Erklärung und auch er hat anhand dieser Skizze, trotz seiner Gehbehinderung, seine Familie nach Ungarn geführt. Als wir uns in Österreich wieder getroffen haben, hatte er immer noch diese Skizze, ich weiß nur, dass er sie sehr lange aufbewahrt hatte.

Am 29. März abends, alle waren schon rechtzeitig gekommen, legten wir uns wieder auf die Lauer und warteten auf eine gute Gelegenheit um an den Posten vorbei zu kommen. Immer wieder sahen wir die Patrouille vorbei gehen und wir hatten schon Angst, dass wir in dieser Nacht nicht durchkommen werden. Um ca. elf Uhr Nachts konnten wir dann doch noch raus. Aber nun hatten wir es sehr eilig, denn wir mussten rechzeitig über die Grenze kommen. Und bevor es Tag wurde mussten wir auch an der ungarischen Wache vorbei sein. Zuerst ging es ganz gut, aber schon nach ca. eineinhalb Kilometer, ich war gerade Vorne und führte die Gruppe an, kam die Durchsage von hinten, „deine Tante kann nicht mehr“. Wir hielten an und ich fragte sie was ist los? Sie sagte mir dass sie nicht mehr alles tragen kann und ich soll ihr doch das Bündel abnehmen. Ich war sehr aufgeregt, denn ich wusste was uns bevorstand wenn wir nicht rechtzeitig über die Grenze kamen. Deshalb sagte ich ihr, ich werde das Bündel nicht tragen, ich habe Dir gesagt dass es zu viel ist. Wenn Du es nicht tragen kannst dann schmeiße es weg. Sie antwortete mir, „wenn ich diese Bettdecke nicht mitnehmen kann, dann muss ich sterben“. In meiner großen Aufregung sagte ich ganz spontan, „dann mache die Decke auseinander, lege Dich drauf und sterbe, aber schnell, denn ich habe keine zeit zu warten“. Das war sicher sehr hart, aber ich war damals noch nicht einmal 17-Jahre alt und fühlte mich verantwortlich für die ganze Gruppe. Ich gab ihr nur noch so viel Zeit, dass sie die Deckenüberzüge mitnehmen konnte. Dieses kleine Bündel habe ich ihr dann abgenommen. Danach kamen wir  einigermaßen gut voran und machten nur kurze Pausen. Als wir schon nahe an der grenze waren, kam wieder die Durchsage von hinten „deine Tante kann nicht mehr“. Als ich sie dann gesehen habe sah ich sofort, dass sie diesmal wirklich nicht mehr konnte und total erschöpft war. Sie sagte mir „last mich liegen ich kann nicht mehr“. Darauf sagte ich ihr, dass sie einfach weiter machen muss und dass meine Mutter genauso erschöpft war und nicht aufgegeben hat. Ich habe dann Jakob gebeten ihr den Rucksack abzunehmen, was er auch sofort tat. Genauso wie bei meiner Mutter, habe ich dann meine Tante um die Hüften genommen und sie so nach Ungarn gebracht. Wir kamen gut über die Grenze und es war höchste Zeit, denn es wurde schon langsam grau. Wir konnten aber erst eine Pause machen als wir den verlassenen Bauernhof erreichten. Dort sagten wir allen, dass sie nicht alleine weggehen dürfen und warten sollen bis entweder wir oder Herr X  sie holen werden.

Jakob und ich gingen dann nach Gara zu unseren Familien. Aber als wir dort ankamen war niemand mehr da, das ganze Haus war leer. Von den Nachbarn haben wir erfahren, dass in der vergangenen Nacht die ungarische Grenzpolizei unsere Angehörigen abgeholt und sie wahrscheinlich wieder zurück nach Jugoslawien abgeschoben hat. Zuerst waren wir sehr erschrocken, dann überlegten wir was wir tun sollen. Ich sagte zum Jakob, „wir müssen zu Herrn X gehen und ihm sagen wo wir seine Verwandten gelassen haben.“ Also gingen wir zu ihm und sagten ihm alles was geschehen war und dass wir jetzt unsere Familien suchen müssen. Er wollte gleich mit dem Pferdewagen an den Bauernhof fahren um seine Verwandten zu holen. Ich sagte ihm dass er warten muss bis es dunkel wird, da sonst die Gefahr besteht von der ungarischen Grenzpolizei erwischt zu werden. Er gab uns noch kein Geld und sagte wir sollen am Nachmittag wieder kommen. Die Leute gaben uns zu essen, danach gingen wir langsam in einer Gasse Richtung Grenze. Wir überlegten verzweifelt was wir tun sollen, unsere Familie suchen, aber wo? Oder warten bis wir das Geld haben? Dann kam uns der Zufall, oder ich sollte lieber sagen die „Fügung Gottes“ zu Hilfe, denn wir sahen meine Cousine Anna Haas und Jakobs Cousine Elisabeth Rack auf uns zukommen. Wir waren überglücklich dass wir einander getroffen haben. Sie erzählten uns was geschehen war, wie die Grenzpolizei sie geholt hat und ca. ein bis zwei Kilometer vor der Grenze wieder laufen lies. Vorher haben sie ihre Sachen durchsucht und wenn ihnen etwas gefiel haben sie es ihnen weggenommen. Sie gingen dann in ein nahe gelegenes Bauernhaus, wo sie für kurze Zeit bleiben konnten. Die beiden Mädchen sind von den anderen zurück nach Gara geschickt worden, um uns zu suchen. Sie konnten uns genau sagen wo sie waren und wo wir sie finden werden. Wir sagten sie sollen zurückgehen und dass wir nachkommen, sobald wir das Geld haben. Nachmittags gingen wir wieder zu Herrn X und da gab es eine weitere schlechte Nachricht. Herr X hatte nämlich meinen  Rat nicht befolgt und fuhr, nachdem wir weg waren, mit dem Pferdewagen los um seine Leute aus ihren Versteck zu holen. Auf dem Rückweg wurde er mit der ganzen Gruppe von der Grenzpolizei gefangen genommen und verhört. Ich nehme an dass er sich  freikaufen konnte, denn nach einigen Stunden wurden er und auch alle anderen frei gelassen. Am Abend bekamen wir dann unser Geld und anstatt 50-Forint gab er uns 60-Forint pro Kopf. Herrn X  wollte dass wir nochmals 10-Personen aus Gakowa holen sollen. Für diese wollte er uns 100-Forint pro Kopf geben. Zusätzlich versprach er, uns alle bis nach Wien mitzunehmen, wenn wir diese zusätzlichen Personen aus dem Lager herausholen. Aber nach all diesen Schwierigkeiten die wir hatten, wollten wir das Risiko nicht mehr eingehen. Mit dem Geld das wir bekommen haben konnten wir, mit dem Zug, bis nach Saint Gotthard an die Österreichische Grenze fahren. Das hat uns gereicht und wir haben das Angebot nicht mehr angenommen. Wir blieben diese Nacht in Gara und am nächsten Tag zogen wir los um unsere Angehörigen zu suchen. Als wir zu dem Bauernhaus kamen waren sie nicht mehr da, denn ein anderer Mann hat sie mit seinem Pferdewagen mitgenommen und nach Chatalja gebracht. Denn es wäre zu gefährlich gewesen noch länger auf dem Bauernhof in der nähe der Grenze zu warten, bis wir kommen. Chatalja war ein Nachbarort von Gara, in dem auch viele Donauschwaben gelebt haben und jetzt einige Häuser leer standen. Am 31. März nachmittags haben wir sie dann gefunden und waren froh wieder beisammen zu sein. Wir blieben einige Tage in Chatalija um uns zu erholen, was wir auch bitter nötig hatten.

Am 5. April 1947 sind wir mit dem Zug nach Saint Gotthard gefahren. Als wir am Nachmittag dort ankamen und aus dem Zug ausgestiegen sind, hat uns die Polizei am Bahnhof abgefangen und uns in den Wartesaal geführt. Nun hatten wir schon wieder angst, dass wir zurück geschickt werden. (Allein die Uniform eines Polizisten machte mir damals schon Angst, und diese Angst hatte ich noch viele Jahre, wenn immer ich einem uniformierten Soldaten  oder Polizisten begegnet bin.) Aber dem war nicht so. Sie sagten wir sollen keine Angst haben, wir sollen hier am Bahnhof warten bis 22,00 Uhr, dann werden sie kommen, um uns an die österreichische Grenze zu führen und uns den Weg zeigen den wir gehen sollen. Sie sagten, dass wir vorher, falls wir noch Geld haben, im Bahnhof Restaurant essen und trinken können was immer wir wollen. Wir durften aber kein ungarisches Geld mitnehmen, denn das war streng verboten. Für uns war das kein Problem, denn das wenige das wir noch hatten reichte gerade um unseren Hunger zu stillen. Um ca. 10.00 Uhr abends wurden wir abgeholt und an die Grenze geführt. Sie zeigten uns den Weg und sagten, dass wir zuerst in die russische Zone kommen, aber diese hier nur einige Kilometer breit ist und wenn wir weiter gehen kommen wir nach Fürstenfeld, in die englische Zone. Das war dann auch unser Ziel. Insgesamt war es eine größere Gruppe die zusammen gekommen war und nun über die Grenze abgeschoben wurde. Als erstes war es sehr wichtig, dass wir in die englische Zone kamen. In der Gruppe waren auch zwei erwachsene Männer dabei, die vorgaben den weg besser zu kennen als wir und glaubten mir nicht als ich ihnen sagte, dass unsere Richtung nicht stimmt. Leider hatte ich Recht und wir mussten wieder einen weiten weg zurückgehen. Dadurch haben wir viel Zeit verloren, aber wir kamen trotzdem gut in die englische Zone. Am 6. April 1947 sind wir in Fürstenfeld angekommen. Es war am Ostersonntag in der Früh und die Leute gingen gerade in die Kirche. Ich kann nicht beschreiben wie froh und glücklich ich war, dass wir endlich in Österreich waren und keine Angst mehr haben mussten, nach Jugoslawien abgeschoben zu werden. Wir meldeten uns bei der Polizei und die brachten uns in ein Auffanglager, wo wir sehr gut versorgt wurden. Wir waren sehr froh nun endlich frei zu sein, nicht mehr verfolgt zu werden und Menschen gefunden zu haben von denen wir freundlich aufgenommen wurden.