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Am 16. April 2011 fand im Stadttheater Braunau eine Lesung statt. Die Autorin Frau Eva Frach konnte anhand Ihrer Lebensgeschichte vielen interessierten Besuchern die Geschichte der Donauschwaben näher bringen.

Hier ein kurzer Auzug aus "Ein weiter Weg"

Kindheit in India

An einem schönen Sommersonntagmorgen, dem 8. Juli 1938, zog uns die Mutter wie an jedem Sonntag die Sonntagskleider an, um uns mit dem Vater zur Kirche zu schicken; sie selber war schon in der Frühmesse gewesen, um nachher genügend Zeit zu haben zum Geflügelschlachten und Kuchenbacken. An diesem Sonntag sollte es Hühnerfleisch und zum Nachtisch Mohnstrudel geben.

Kaum war die Messe aus, hörte man Feueralarm. Es gab für jedes Ortsviertel ein bestimmtes Signal, sodass die Leute schnell feststellen konnten, wo es brannte. Eine laute Stimme rief im Vorbeirennen: „Im serbische Viertel brennt’s!“ Woher der Name „serbisches Viertel“ kam, ist mir noch heute schleierhaft wohnte doch in dieser Straße nur eine einzige serbische Familie (Igarsch hieß sie), alle anderen waren Deutsche.

An jedem anderen Sonntagvormittag weilten wir kurz bei der Eichinger Oma am Pijaz (Markt), wo sie auch sonntagvormittags ihren Obststand betreute. Aber diesmal ging es schnurstracks nach Hause, wo wir doch selber in besagtem Viertel in der Frankenberggasse wohnten. Schon von weitem konnte man das Feuer sehen, auch dass es ungefähr in der Mitte de Gasse war, wir hatten von über hundert Hausnummern die Nummer 53, als war nur noch die Frage, wesen Haus brannte. Das eines Nachbarn, oder gar unser eigenes?! Es liefen ja alle Leute zum Brandplatz und keiner in die entgegen gesetzte Richtung – so konnte man nicht erfahren, was geschehen war.

Wir kamen bis zu Haus Friedrich, dort wurden meine Schwester und ich abgefangen und zurückgehalten. Von da an war’s gewiss: Es brannte bei uns. Erst gegen Mittag, als das Feuer gelöscht war, durften auch wir Kinder zu unseren Eltern gehen. Ich war gerade fünf Jahre alt, aber ich erinnere mich noch genau an den erschütternden Anblick, als meine Eltern weinend im Hof standen und es gar nicht fassen konnten, was geschehen war. Es roch nach beißendem Rauch und Dampf vom Löschen, alles sah so trostlos aus und die sengende Julihitze tat noch das ihre. Wie sich später herausstellte, war der Kamin schadhaft gewesen. Das alte Mauerwerk des Hauses musste zur Gänze abgetragen werden, da es nur aus gestampftem Lehm bestand.

Während der Abreißarbeiten und der Vorbereitungen zum Neubau wohnten wir bei netten Nachbarn, erst später, bei der Fertigstellung des neuen Hauses, wo wir viele fleißige Helfer hatten, entschlossen sich die Eltern, uns in den Nachbarort Slankamen zur Fischler Oma zu schicken, damit sie ungestört arbeiten konnten. Die Eichinger Oma besorgte eine günstige Fahrgelegenheit: Samstags kamen immer viele Obst- und Gemüsehändler von weit her auf den Indiaer Wochenmarkt, um ihre Waren feilzubieten. Auf dem Heimweg waren die Wagen dann leer, so war es nicht schwer, eine passende Mitfahrgelegenheit für uns zwei Mädchen zu finden.

In Slankamen angekommen, wurden wir den Verwandten zugeteilt, meine Schwester kam zu Onkel Michl, einem Bruder meines Vaters, ich zu Tante Mariann, einer Schwester des Vaters, wo im selben Haus auch die Oma lebte.

Wie der Zufall es wollte, kam eines Tages eine Tante aus India zu Besuch nach Slankamen, ebenfalls mit einem Pferdegespann. Als ich hörte, dass sie am selben Tag noch nach India heimfahren wollte, war ich nicht mehr davon abzubringen, mit ihr nach Hause zurückzukehren. Ich lag ihr so lange in den Ohren, bis sie einwilligte, mich nach India mitzunehmen.

Die Heimfahrt war wunderschön, lag ich doch sonst um diese Zeit schlafend im Bett. So sah ich vom Wagen aus die vielen Sterne am Himmel, es war ein einmaliges Erlebnis für mich. Am allermeisten beeindruckte mich das rote Warnsignal, das man schon von aller Weite sehen konnte, bevor man die Bahngeleise kurz vor der Ortseinfahrt überqueren musste. Die mehrstöckige Domovinska-Mühle, wo mein Vater arbeitete, kam mir damals wie ein riesiges Hochhaus vor. Den Rest dieser Nacht verbrachte ich bei Tante Kathi Kaiser, einer Schwester meines Vaters, in der Rumaer Straße.

Am frühen Morgen wurde ich fertig angezogen und mit einem Bündel unterm Arm nach Hause geschickt. Die Eichinger Oma ging immer schon am frühen Morgen auf den Pijaz, um ihren Gemüsestand aufzubauen. An diesem Morgen sah sie schon von weitem ein kleines Mädel daherkommen. Sie dachte: „Die sieht gerade aus wie unsere kleine Evi, aber die sit ja in Slankamen.“ Als wir uns immer näher kamen, war das Staunen groß, dass es doch die Evi war! Die Großmutter war nicht sehr erfreut über meinen Anblick, wenn’s doch die Wawi gewesen wäre, die war immerhin schon acht Jahre alt, mit der hätte man wenigstens keine Arbeit mehr gehabt. Aber nun war ich eben hier. Als ich gefragt wurde, warum ich denn schon wieder heimfahren hatte wollen, war die prompte Antwort: „Wegen dem Gänsemagen“ – Ich hatte gewusst, dass die Mami am Samstag eine Gans geschlachtet hatte und da wollte ich mein Lieblingsstück, den Magen unbedingt selber essen. Auch ein Argument!

Gut, ich war zu Hause, meine Schwester hielt es viel länger aus als ich. Als sie wiederkam, war das Haus soweit fertig, dass ich mein Mittagsschläfchen schon im Hinterzimmer halten konnte; ich hörte nur so im Halbschlaf, dass meine Schwester erzählte, sie sei mit einem Lastauto von Slankamen nach India gefahren – dass hieß für damalige Zeit schon etwas! Als sie auch noch von der Donau und dem Baden schwärmte, dass ie in den Weingärten gewesen waren und was sie alles sonst noch erlebt hatte, nahm ich mir vor, nie mehr voreilig davonzulaufen.

Das zerrissene Sonntgskleid

Sonntags besuchte ich immer meine Lieblingstante, sie wohnte in der Spielschulgasse. Nicht nur wegen dem 1/2 Dinar, den ich bei jedem Sonntagsbesuch bekam, nein, nein, auch so ging ich sehr gerne zu Tante Leni Helminge. Sie war Schneiderin, da gab es so viele bunte Fleckerl für Puppenkleider. Ab und zu durfte ich Gemüse in die benachbarte Spielschule tragen, wo ich als Belohnung mit dem Ringelspiel fahren durfte, das die Dienerin selber gebaut hatte. Da gab es so schöne Märchenbilder an der Wand, dann gab es ei nkleines Haus mit Zwerghühnern, wir sagten Hänsel und Gretel dazu. Manchmal durfte ich auch bei Proben zusehen, wenn Spiele eingeübt wurde. Am allermeisten freute es mit jedoch, wenn mir Tante Leni ei neues fertige Kleidungsstück über den Arm legte und mich zu einer ihrer Kundschaften schickte, es abzuliefern. Da gab’s dann meistens auch ein kleines Trinkgeld. Der Heimweg zur Frankenberggasse führte an dem Gemeindehaus vorbei, links in die Rumaerstraße. Am Schnittwarengeschäft Halter, wo der Gehsteig sehr breit war, da führte dann die Rumaer Straße ins Tal, zum Bach, sodass der Gehsteig immer höher, die Straße immer tiefer zu liegen kam. So balancierte ich ganz am Rande, zuerst kaum eine Stufe hoch, beider Post war der Höhenunterschied schon gut ein Meter, bis zum oberen Schwendemann-Haus, da ging es neun Treppen hinunter – ein Zeichen, wie hoch man oben war von der Straße. Beim zweiten Schwendemann-Haus ging es noch mal vier Treppen hinunter und wieder wurde am Rande jongliert bis zur Bürgerschule, wo die letzten sechs Stufen genommen wurden.

Von da an ging’s flugs quer über die Straße hinüber zur serbischen Kirche, da wiederholte sich dasselbe Zauberspiel, aber hier war es die Mauer um den Kirchengarten, wo man obenauf so schön gehe konnte. Es begann wieder ganz niedrig und da wo die Mauer aufhörte, war sie am höchsten. So musste man mit einem Satz hinunter springen. Und da passierte es dann: Mein schönes Sonntagskleid, auf welches ich so stolz war, blieb an der Einfriedung an einem schmiedeeisernen Spitz hängen. So riss das schöne Kleid oberhalb des Saumes quer und der Höhe nach bis zur Hüfte rauf, es war eine riesige L-Form. Das Kleid war reich gezogen, sodass nun der Saum alleine sehr tief herunterhing.

Und wie es so geht, sah mich eine gute Bekannte, die hinter mir einherging. Ich war mit meinem Schrecken und dem zerrissenen Kleid so beschäftigt, dass ich rings um mich herum nichts wahrnahm. Zu Hause angelangt – meine Eltern waren bei einem Sonntagsspaziergang – zog ich mich um, denn im Sonntagskleid durfte man nicht auf der Straße spielen und mit diesem zerrissenen erst recht nicht. So legte ich das Kleid feinsäuberlich auf’s Bett, der Riss war mehr auf der rechten Hinterseite, sodass gar nicht auffiel, dass da was nicht in Ordnung war.

Kaum beim Spielen angelangt und auf das Missgeschick schon vergessen, klang die Stimme meiner Mutter, „Evi!“, vor lauter Spielen dachte ich an nichts, die Mutter rief ein zweites Mal „Evvi!“ das kam mir so anders als gewohnt vor, aber erst beim dritten „Evvvi!“ wurde mir meine ganze Schuld bewusst. Ich näherte mich ganz kleinlaut meinen Eltern, welche auf dem Heimweg besagte Bekannte getroffen hatten, die ihnen den ganzen Vorgang meines Missgeschickes erzählt hatte.

Die verdiente Strafe blieb nicht aus, aber sie fiel nicht so hart aus, wie ich dachte, denn es stellte ich bei der Schneiderkunst meiner Tante heraus: wenn man den Saum durchschneidet, sieht es wie ein eingesetzte Rockblatt aus. Der Saum wurde rundum mit einer Quernaht versehen, sodass ein Fremder von dem Schaden gar nichts merkte. Und ich hatte mein Sonntagskleid wieder.

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