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Traumatisierung - Wie mit den seelischen Verletzungen der Elebnisgeneration umgehen?

Betrachtungen aus dem vergangenen Jahrzehnt von Georg Wildmann

Nicht nur die Schuld, auch das Leiden verletzt die Seele. Jede Gruppe hat auch eine Leidensgeschichte – und die der Donauschwaben besonders. Der große traumatische Schock für die Erlebnisgeneration, die ich bis zu den Jahrgängen 1935 ansetzen würde, war der Verlust ihrer Lebenswelt. An erster Stelle meint das den Verlust der Heimat - der Ersterfahrung der Geborgenheit im Dasein -  darin  inbegriffen der Verlust an Haus, an Arbeitsstätte, an Boden, der Verlust der Zusammengehörigkeit in Kultur, Brauchtum und Sprache, Verlust der nächsten Menschen, die Präsenz des Todes ...

Man kann da kein gültiges Rezept angeben, wie die Wunde im Herzen vernarben soll. Wenn man die Heimatortgemeinschaften, zu denen sich ein Großteil der Donauschwaben nach der Vertreibung neu zusammengeschlossen hat, betrachtet, so wird ersichtlich, dass für viele Teilnehmer von Treffen dieser neuen-alten Gemeinschaften das Erinnerungsgespräch und das Wiedersehen lösend wirken. Viele kommen immer wieder, wohl um eine Heilung ihrer seelischen Verletzung zu gewinnen – die Aufarbeitung ihres Traumas, wie man heute zu sagen pflegt, weiter zu vollziehen. Das Ideal der Überwindung der Traumatisierung bestünde in der wiedererlangten Fähigkeit zur gelassenen, ruhigen Erinnerung, das heißt in der Fähigkeit, sich zu gegebener Zeit erinnern zu können und vergessen zu können, wie man es braucht ("Abschalten" können – "Einschalten" können).  Man könnte auch von einer Gelassenheit sprechen, mit der eigenen Schuld und dem erfahrenen Leid ohne einen permanenten Aufwand an Verdrängungsenergie umzugehen. Das würde der Gesamtpersönlichkeit zugute kommen und ihre Identität stützen.

Können wir hoffen, dass das Trauma des Verlustes der Lebenswelt durch Rückgabe verlorenen Eigentums oder durch Entschädigung einigermaßen zu bewältigen wäre?  Die politischen Zeichen der Zeit weisen eindeutig darauf hin, dass es mit dieser Hoffnung vorbei ist.  

Das Völkerrecht verlangt die Rückgabe geraubten Eigentums. Die Europäische Union hat – generell betrachtet - bei den Beitrittsverhandlungen von Polen, Tschechien, der Slowakei und Slowenien keine Vermögensentschädigung gefordert.  Die Europa-Politiker von gestern und heute wollen den Friedensschluss mit der sogenannten "Nachkriegsordnung" von 1945: Heimat bleibt verloren, Eigentum wird nicht entschädigt, es sei denn, die Staaten, die ihre deutschen Bürger vertrieben haben, raffen sich aus Eigenem dazu auf, wie etwa Ungarn. Serbien und Kroatien halten die Entschädigungsfrage jahrelang ohne politische Entscheidung in Schwebe, Tschechien, die Slowakei und Slowenien verweigern in dieser Frage das Gespräch. Nichteinmal eine im Bereich des Symbolischen liegende Entschädigungsgeste wird gewährt. Es ist also der Schluss zulässig: Den Vertriebenen wird seitens der EU die Akzeptanz des Opferstatus zugemutet. Sie müssen sich damit abfinden, dass die maßgebenden Politiker Europas – stillschweigend -  mit der "biologischen Verzichtserklärung" der Kriegsgeneration der Heimatvertriebenen rechnen. Mit solch einer Haltung wird kein Trauma geheilt, eher schon eine ununterbrochene Kette von Frustrationen gezeitigt. Wer die Situation realpolitisch betrachtet, wird keine nennenswerte Entschädigung erwarten, mag man auch gelegentlich ein Wachsen des Unrechtsbewusstseins feststellen.   

Ich frage nun: Was hilft der Kriegsgeneration und uns "Kriegskindergeneration" (die zwischen 1929 und 1940 Geborenen), uns "seelisch Kriegsversehrten", wirklich, wenn man einmal von unserer humanen Verfassung aus denken, in der kontemplativen Sphäre des Alters, betroffen von den wiederauflebenden Schmerzen der Erinnerung?

Ich möchte das, was meines Erachtens uns wirklich noch hilft, mit dem Begriff "Erinnerungskultur" kennzeichnen. Was heißt das konkret für mich als Donauschwaben aus Jugoslawien? (Analoges mag für meine Landsleute aus Rumänien und Ungarn gelten) 

Konkret hieße das für mich, dass über den Orten unserer Vernichtungslager Gedenkstätten stehen, die das Leiden der Angehörigen bekannt machen, wo man hinreisen kann, um die Trauerarbeit nachzuvollziehen und diese Stätten vom Staat, der uns vertrieben hat, mitfinanziert und erhalten werden. Gegenwärtig muss, namentlich in Serbien, die Initialzündung von den Ortsgemeinschaften der Vertriebenen ausgehen.

Erinnerungskultur konkret besteht meines Erachtens ferner darin, dass Serbien selbst finanziell beiträgt zur Errichtung von Museen, kombiniert mit Kulturhäusern, in denen die Kultur der Donauschwaben aufscheint und wo Begegnungen und Tagungen stattfinden und sich Erinnerungsgemeinschaft im Austausch und unsere kulturelle Rehabilitierung tatsächlich ereignet. In der Slowakei gibt es sieben "Häuser der Begegnung". Ähnliche Initiativen dürften in Serbien, wenn überhaupt, erst im Ansatz vorhanden sein. Man sollte auch an ein Dokumentationszentrum zur gemeinsamen Kultur und Geschichte denken, in der vor allem die Geschichte der Donauschwaben wissenschaftlich weiterverarbeitet wird.  

Ich denke, dass uns von der Erlebnisgeneration auch die geistige Erinnerungskultur helfen würde. Es würde uns helfen, wenn unsere alten wie neuen Heimatländer uns voll in ihr kollektives Gedächtnis und ihre Zeitgeschichte aufnehmen würden. Unsere neuen Heimatländer merken es bis heute nicht, wie frustrierend und schmerzlich es für uns ist, dass es Gedenktage bloß für die "Opfer des Faschismus" gibt, nicht aber für "Alle Opfer der Gewaltherrschaft". Da träume ich von mehr Mut zur Empathie für uns seitens der deutschen und österreichischen Öffentlichkeit. Empathie, ein Begriff aus dem Vokabular der Friedensbewegung, meint die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, die Bedürfnisse und Interessen des anderen wahrzunehmen, von seiner Warte aus zu denken und zu fühlen und das dann im eigenen Handeln zur berücksichtigen.

Da angenommen werden muss, dass für die Enkelgeneration die Geschichte ihrer Vorfahren im Zustand der "Historisierung" wahrgenommen wird, sollten auch in Zukunft wissenschaftlich-kulturelle Institute vorhanden sein, die die Geschichte der Vertriebenen integrieren und interpretieren, falls Nachkommen, von sich aus oder durch die Nachbarvölker  provoziert, sich veranlasst sehen, ihre Identität durch eine geschichtliche Erinnerung zu erweitern. Die Erlebnisgeneration der Heimatvertriebenen ist dem entgegengekommen – gleichsam eine moralische Bringschuld den „Jungen“ gegenüber – indem sie um Errichtung von Instituten bemüht war,  die die Geschichte der Heimatvertriebenen in die kollektive Biographie der neuen Heimatländer einbringen, sie gleichsam zu einem Teil der deutschen und österreichischen Geschichte machen.

  Ansätze sind da: so das Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen. Ich hoffe, dass sich hier Fachleute finden, die sich in die Geschichte von uns Donauschwaben wirklich einarbeiten. Ich träume davon, dass man uns ehrenamtliche Arbeiter im Steinbruch der donauschwäbischen Geschichte zur Kenntnis nimmt und unsere Arbeit nicht aus akademischem Hochmut von vornherein als laienhaft abtut. Da ist ferner das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm. Hier sollte die Hoffnung bestehen auf eine gedeihliche und ausgewogene Behandlung unserer Geschichte, unserer einstigen Lebenswelt und Kultur. Beide Institute sind von der öffentlichen Hand getragen. Man darf auch den Traum von einem fertigen "Haus gegen Vertreibungen" in Berlin haben, in das auch unsere Geschichte integriert ist. Es ist anzunehmen, dass sich eine Forschungsinitiative im Donauschwäbischen Zentralarchiv in Wien realisieren lässt und sich das „Haus der Heimat“ in Wien zu einem Haus der Begegnung weiterentwickelt, dessen Tätigkeit sich auf den ost-mitteleuropäischen Raum ausweitet. Ich träume also davon, dass es uns gelingen möge, nicht ein zweites Mal vertrieben zu werden, vertrieben aus der Erinnerung; dass vielmehr die Erinnerung an uns weiterlebt.

Diese Betrachtungen sollten aufzeigen, dass Vergangenheit ist von uns Heimatvertriebene der abtretenden Erlebnisgeneration (vor allem der „Kriegskindergeneration“ von 1929 bis 1940) nur soweit bewältigt worden ist, als es uns gelungen ist, die seelischen Verletzungen, die wir erlitten haben, aufzuarbeiten, das heißt, soweit wir die Fähigkeit erlangt haben zur gelassenen, zur ruhigen, zur beherrschbaren Erinnerung. Wie die Erfahrung zeigt, ist das bislang nicht allen gelungen.

 Und ich habe gemeint, Entschädigungsforderungen würden vermutlich wenig bringen, aber Gedenkstätten, Museen, Häuser der Begegnung und Forschungsinstitute könnten eine Erinnerungskultur hervorbringen, die geeignet ist, unserer verletzten Seele zu helfen. Was hier an Einrichtungen geleistet wurde, ist bislang bruchstückhaft geblieben und erschwert uns die Aufarbeitung, die Enttraumatisierung unseres Gemütes. Ein Trost für das Gemüt einer abtretenden Generation mag die Hoffnung sein, dass sich aus der ersten und zweiten Nachkommensgenerationen der Heimatvertriebenen, namentlich auch solcher  donauschwäbischer Herkunft finden, die die Erinnerung an Kultur und Geschichte der Donauschwaben weiterpflegen und wissenschaftlich bearbeiten. Es bleibt zu hoffen auf wache Geister. Nicht zuletzt wollen diese Betrachtungen auf einen Aspekt verweisen, der für die Gegenwart und Zukunft etwas Schicksalhaftes hat: Nur Personen, die ihre seelischen Verletzungen und Kränkungen verarbeitet haben, werden Träger einer verinnerlichten Friedenskultur sein.