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Juni 2008 - Philip Hoog (Amerika) in Filipowa

Reise eines jungen Amerikaners nach Filipowa (heute Bački Gračac)  in der Batschka im Juni 2008, und seine Gedanken über die Zukunft

Philip Hoog

Als ich noch klein war, habe ich die Geschichten gehört — vom Leben in Filipowa, von den tragischen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, von den Schrecken des Vernichteungslagers Gakowa — doch nun konnte ich zum ersten Mal selbst die Orte des Geschehens besuchen. Im Juni 2008 war es mir vergönnt, von San Diego, meine Heimat im US-Bundesstaat Kalifornien, nach Serbien zu reisen, in das Dorf Filipowa, dem heutigen Bački Gračac. Ich nahm dort an der Einweihung einer Gedenkstätte teil, die auf einem deutschen Friedhof stattfand, auf dem auch die Gebeine meiner Vorfahren begraben sind. Da ich einen Magister Artium in Anthropologie und Archäologie habe, konnte ich bereits Erfahrungen mit den Ureinwohnern des amerikanischen Kontinents (amerikanische Indianer) sammeln, sowie mit dem Erhalt ihrer Kultur und dem Angedenken an ihre Vorfahren und den ethnischen Säuberungen, denen sie ausgesetzt waren. Es war mir eine besondere Ehre, in die Heimat meiner eigenen Vorfahren reisen zu können, und mehr über ihr Leben zu erfahren -- und die Schrecken, die ihnen bei den  ethnischen Säuberungen in ihrer Heimat widerfahren sind.

 

 

       

Mein Name ist Philip Hoog und ich bin der Enkel von Martin Hoog (gestorben 6.5.1977) und Katharina Hoog (geb. Werner, Juri-Kathi) aus Filipowa. Mein Vater, Frank, ist der Sohn von Martin und Katharina. Meine Mutter Anna (geb. Modla) ist die Tochter von Ernst Modla aus Martinau, Oberschlesien und Marie (geb. Massong) aus Lazarfeld, im Banat. Gerne wäre meine Oma Katharina selbst bei der Einweihung dabei gewesen. Dennoch, sie war stolz darauf, dass ich an ihrer Stelle die Familie Hoog vertrat. Als ich noch klein war, wohnte ich gegenüber von meiner Oma und habe daher viel Zeit mit ihr verbracht. Ich war erst zwei Jahre alt, als mein Opa Martin starb, daher habe ich ihn persönlich nicht kennen gelernt, doch meine ich, dass er mir durch die Geschichten aus Filipowa und seinem Leben in Amerika vertraut ist.

Ich wollte diesen Artikel für die deshalb schreiben, damit ich meine Erinnerungen und meine Gedanken von meiner Reise im Juni 2008 mit anderen teilen kann, insbesondere, weil ich offenkundig der einzige Besucher aus den USA war. Seit der Reise ist bereits ein Jahr vergangen, aber ich denke noch oft an meine Erlebnisse. Ich hatte das Vergnügen, mit meinem Onkel Zoltan Kren und seiner Frau Tante Kathi Kren (geb. Zollitsch, aus Filipowa) zu reisen. Mein Opa Martin war der Cousin von Katharinas Mutter. Unsere gemeinsame Reise war wunderschön. Wir fuhren mit dem Auto von Deutschland aus, durch Ungarn, Zoltans Heimat, bis nach Serbien. Als wir in Filipowa angekommen sind, lernte ich noch weitere Verwandte kennen, von denen ich von meiner Oma immer viel gehört habe: Adam und Agnes Kupferschmidt und ihre Töchter Doris und Petra. Darauf folgte ein wunderbarer Aufenthalt in ihrem Zuhause in Deutschland, wo ich ihre andere Tochter kennen lernte, Dagmar, sowie den Rest der Familie, darunter auch Agnes' Mutter, Eva Schmidt (geb. Eichinger). Ich hatte das Glück, sie kennen zu lernen, bevor sie letztes Jahr gestorben ist. Außerdem traf ich zahlreiche Leute, die meine Oma oder meinen Otta gekannt hatten. Ich habe das Gefühl, das meine Familie durch diese Erfahrungen größer geworden ist und ich bin sicher, dass diese Beziehungen mein Leben lang anhalten werden.

Im Rahmen dieser Erfahrung gibt es spezielle Erinnerungen, die mir unvergesslich bleiben werden.  Ich habe auf meiner Reise ein Foto eines Gemäldes gemacht, das im Hause meiner Großmutter Katharina Hoog hängt. Ich hatte gehofft, das Hochzeitfoto meiner Großeltern Martin und Katharina, das bis in die 1960er in dem Haus gehangen hat, nach Hause mitbringen zu können. Doch die jetzigen Bewohner teilten mir mit, dass in dem Haus keine Fotos mehr waren. Daher war es eine angenehme Überraschung, auf das Gemälde zu stoßen.


 

Es hat mich sehr gefreut, dass die serbische Bewohnerin des ehemaligen Hauses von Martin Hoog mich in ihr Haus gebeten hat und mir sogar eine Fliese geschenkt hat, die früher mal an der Außenseite des Hauses befestigt gewesen ist. (Die Serben modernisieren einige der Häuser und nehmen dabei die Fliesen ab, die einst die Außenwände der Häuser von Filipowa zierten.) 

 

Es hat mich zutiefst bewegt, auf dem Massengrab auf der Heuwiese zu stehen. Die dortige Erde scheint es nicht zuzulassen, dass dort etwas wächst. Ich habe versucht, mir auszumalen, welche Angst, Trauer und Verwirrung die Menschen von  Filipowa empfunden haben mussten, als sie 1944 am Bahnhof zusammengetrieben und auf Züge verladen wurden, die sie ins von Partisanen kontrollierte Gakowa brachten. In Gakowa verfiel ich am Massengrab in tiefes Schweigen, denn ich musste an die vielen Schwaben denken, die im Krieg auf so tragische Weise ihr Leben verloren haben. So auch meine eigenen Verwandten. Ich kam nicht umhin, den Mut meiner Oma Katharina zu bewundern, der es gelungen war, aus dem Lager bei Gakowa auszubrechen. Sie musste nicht nur um ihr eigenes Überleben kämpfen, sondern auch um das ihres vierjährigen Sohns, meines Vaters, der die schrecklichen Lagerbedingungen beinah nicht überlebt hätte. Ich sah zu, wie meine Tante Kathi das "Wunderwasser" aus der Pumpe in Doroslo, dem Wallfahrtsort, trank, eine Tradition, die über Generationen hinweg erhalten geblieben ist. In und um Filipowa sind zweihundert Jahre Familientradition verwurzelt. Um meine Verbundenheit mit meinen Wurzeln zu symbolisieren, brachte ich Proben der Erde von verschiedenen Orten mit, um sie meiner Familie in Amerika zu zeigen, unter anderem meiner Schwester Elisabeth, meinem Bruder Martin, sowie ihren Ehepartnern und Kindern.

 

 

Während der Einweihung, als ich den stolzen Teilnehmern und Zuhörern dabei zusah, wie sie die wunderschöne neue Erinnerungsstätte feierten, musste ich daran denken, wie der Krieg das Leben aller verändert. Menschen verlieren Heim und Leben. Gemeinden werden vernichtet. Brüder wenden sich gegen Brüder. Einige werden "Helden" genannt, andere "Feinde". Die Terroranschläge des 11. September 2001 in New York öffneten vielen Amerikanern die Augen, was ein Krieg an Bedrohungen und möglichen Schrecken beinhalten kann. Doch bei mir war dieses Bewusstsein bereits klar ausgeprägt, denn ich bin mit den Geschichten des Krieges in der Batschka und dem Banat aufgewachsen. Die Tragödien der Jahre 1944 und 1945 machten aus den friedlichen Dörfern der Donauschwaben Orte der Angst, der Folter, der Vertreibung und des Todes. Doch heute, über fünfzig Jahre später, stehen sie noch immer, ein Beleg der Leben und Mühen jener Deutschen, die sie vor über zweihundert Jahren gegründet haben. Für mich war es eine unvergessliche Erinnerung, im Jahre 2008 durch die Straßen von Filipowa zu gehen und vertriebene Deutsche aus aller Welt kennen zu lernen.

 

Wie auch immer das Leben der Donauschwaben vor dem Zweiten Weltkrieg ausgehen haben mag, es hat zu einer Nähe und Bindung geführt, die die Menschen und ihre Nachkommen miteinander eint und ihnen Kraft gibt. Dies ist meiner Ansicht nach besonders bei Menschen wie meinen Großeltern und Urgroßeltern spürbar, welche große Teile ihres Lebens in Filipowa verbracht haben. Doch kann dieses Gefühl auch auf zukünftige Generationen übertragen werden? Die Generation meiner Eltern? Meine eigene? Und die unserer Kinder? Was wird aus der "Identität" eines Schwaben, wenn er oder sie in die Fremde geht? Als Amerikaner der ersten Generation, der in amerikanischen Schulen und der amerikanischen Kultur groß geworden ist, als jemand, der in seinem Beruf als Archäologe andere Kulturen studiert, finde ich diese Frage faszinierend Als ich in die Augen der älteren Generationen von Deutschen blickte, die sich in Filipowa im Juni letzten Jahres versammelt haben, fragte ich mich, ob nicht einige von ihnen fürchten, dass ihre Kultur, die Kultur der Donauschwaben und der Menschen von Filipowa, "ausstirbt".

 

Ich bin zwar kein Experte diesbezüglich, aber ich gehöre zu einer neuen Generation von Donauschwaben, die in einer Welt leben, die grundlegend anders ist als Filipowa vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Archäologie und Geschichte belegen, dass sich Menschen und Kulturen auf der ganzen Welt seit Jahrtausenden verändern. Gruppierungen von Menschen werden von "Ausländern" erobert, andere Gruppen werden vollständig eliminiert. Wieder andere vermischen sich mit ihren Nachbargemeinden, wodurch neue Gruppierungen entstehen. Diese Zyklen setzen sich immer weiter fort und beweisen, dass sich alles verändert. Faszinierend ist auch, wie die Menschen, die wir heute Donauschwaben nennen, aus verschiedenen europäischen Kulturen kamen, bis sie schließlich östlich und westlich der mittleren Donau im Pannonischen Becken sesshaft wurden und ihre eigene Kultur und Traditionen entwickelten. Der Gedanke der Veränderung zwingt eine Gruppe, wie die Donauschwaben aus Filipowa, sich mit der Bedeutung ihrer Kultur und ihrer Zukunft auseinanderzusetzen.

 

Als ich aufwuchs, hörte ich die Kindheitsgeschichten von Leuten wie meinen Urgroßeltern, Franz Werner und Katharina Werner (geb. Eichinger) und meinen Großeltern. Sie haben mir stets vermittelt, wie wichtig dieses Leben für sie war. Das Wissen um die Geschichte meiner Familie und das Verständnis meiner Identität hat meinen Charakter positiv beeinflusst und mich als Menschen bereichert. Das Leben, das die Einwohner von Filipowa vor dem Krieg kannten wird auf diese Weise nie wieder existieren. Doch ich bin zuversichtlich, dass die Erinnerungen, Geschichten, Menschen und Traditionen auch in zukünftigen Generationen weiterleben werden. Dafür spricht allein die Tatsache, dass ich, ein 33 Jahre alter Amerikaner, Tausende von Kilometer gereist bin, um Filipowa zu sehen! Publikationen wie die Heimatbriefe, sowie Klubs, Zusammentreffen und Festivals auf der ganzen Welt, in Deutschland und auch in Amerika, ebenso wie das Errichten von Gedenkstätten sind wertvolle Wegweiser der Vergangenheit, die ihre Bedeutung unterstreichen. Ganz egal, in welchen Kulturen oder Völkern sich die Nachkommen von Filipowa wieder finden, sie werden immer mit Filipowa verbunden sein, auch wenn dieses Erbe über die Generationen filigran erscheinen mag.

 

Die Ureinwohner Amerikas sind bekannt dafür, mündliche Überlieferungen über Generationen hinweg bewahrt zu haben. (Die meisten Stämme hatten keine Schriftzeichen.) Noch immer halten viele Gemeinden Treffen ab, wo sie traditionelle Lieder singen und sich Geschichten erzählen, die sie von ihren Vorfahren vor Generationen vermittelt bekommen haben. In Südkalifornien dauern einige dieser Lieder der Ureinwohner zwei oder drei Tage lang an! Sie werden noch heute weitergegeben. So wie das Leben der die jungen Nachkommen von Filipowa, ist auch das Leben der heutigen amerikanischen Ureinwohner drastisch anders als noch vor zwei Generationen. Wir müssen uns neuen Herausforderungen stellen, neue Berufe ausüben, uns in einem anderen wirtschaftlichen Klima zurechtfinden, neue soziale Traditionen aufbauen. Trotzdem wird das tradierte Wissen der Nachkommen von Filipowa, genau wie bei den amerikanischen Ureinwohnern, ins Leben integriert.

 

Ich habe gehört, dass es ausreichen soll, nur die Hand in die Erde zu stecken, um Erinnerungen an die landwirtschaftlichen Wurzeln von Filipowa zu wecken. Auch die Art, wie jemand Weihnachten feiert oder sich für bestimmte Farben zur Dekorationen seines Hauses entscheidet, wird noch aus Filipowa überliefert. Das mag wahr sein oder auch nicht, aber Tatsache ist, dass wir alle die Erinnerungen, Kulturen und Traditionen unserer Vorfahren mit uns tragen. Sie beeinflussen unsere momentane Stellung im Leben und erschaffen eine einzigartige Identität, die wir voller Stolz an die nächste Generation weitergeben. Ich glaube, dieses Empfinden wird oft von jungen Nachkommen von Filipowa ausgedrückt, wenn sie sagen: "Ich habe deutsche Vorfahren aus einem Ort namens Filipowa, der sich im heutigen Serbien befindet. Es ist eine lange Geschichte."

 

Als ich letzten Juni Filipowa verließ, war klar, dass wir alle stolz darauf sein können, wer wir heute sind, dass wir das Leben derer, die vor uns kamen, zu schätzen wissen und aus dem Leben derer, die uns in Zukunft folgen, Kraft und Hoffnung schöpfen.

           

Mein besonderer Dank gilt allen, die die Einweihung der Gedenkstätte im Juni 2008 möglich gemacht haben, und auch meiner Oma Katharina, die mich ermutigt hat, daran teilzunehmen.

 

(Original in English—Übersetzung von Emanuel Bergmann, ET Translation, USA)