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Juli 2009 - Auf der Suche nach meinen Wurzeln

Eine Reise in die Heimat meiner Eltern.

von Silvia de Carvalho-Ellmer

                              

Silvia und Karli auf der Teletschka

Am 1. Juli 2009 brachen mein Mann Karl und ich in aller Früh in die alte Heimat meiner Eltern auf. Aus dem flachen Marchfeld, das mittlerweile unsere Heimat geworden ist, führte uns die Reise quer durch Ungarn (der Heimat der Eltern meines Mannes) über die serbische Grenze in die ebenso flache Vojvodina nach Neusatz. Meine erste Überraschung war die geringe Entfernung. Nur sechs Stunden brauchten wir von Leopoldsdorf nach Neusatz! Meinem subjektiven Empfinden nach, war das Banat ja Lichtjahre von Österreich entfernt. Und auch in meiner Erinnerung war das so. Da ich mich, im Gegensatz zu vielen meiner Altersgenossen, schon in meiner Jugend sehr für die Geburtsorte meiner Eltern interessiert hatte, war ich bereits vor mehr als 24 Jahren einmal dort. Damals bin ich allerdings zusammen mit meinen Verwandten aus Emmerting/Bayern losgefahren und die Strecke erscheint mir noch heute in meiner Erinnerung unendlich lange gewesen zu sein. Aber mittlerweile sind ja auch die Straßen viel besser und ich wohne ganz im Osten von Osterreich.

In Neusatz angekommen, war ich von der Schönheit und Lebendigkeit dieser Stadt sehr positiv überrascht. Noch dazu wohnten wir in einem kleinen, sauberen Hotel direkt am Hauptplatz, das ich jedem, der dorthin fahren möchte, als Geheimtipp empfehlen kann. Wir verbrachten gleich einen netten Abend mit gutem Essen in der Stadt und wurden am nächsten Tag in der Früh von der Dolmetscherin und Minderheitenreferentin von Herrn Parlamentspräsidenten Sandor Egeresi, Frau Dusanka Manic, abgeholt. Es stellte sich heraus, dass Dusanka sowohl donauschwäbische als auch ungarische Vorfahren hat und ihre Urgrosmutter sogar denselben Familiennamen wie mein Mann, nämlich Heinz, hatte.

Neben serbisch und deutsch sprach sie auch fließend ungarisch, was zur Folge hatte, dass sich gleich ein lebendiges Gespräch auf Ungarisch entwickelte. Im Parlament angekommen, stellte sie uns die Protokollchefin Frau Csilla Kantor vor und die Unterhaltung ging munter auf Deutsch und Ungarisch weiter. Die Damen zeigten uns das Parlament und im Büro des Parlamentspräsidenten, welcher leider anderweitig beschäftigt war, wurde uns dann Kaffee und Cognac serviert und wir erhielten viele interessante, die Minderheiten betreffende, Informationen.

So erfuhren wir, dass sich vor dem 2. Weltkrieg die Bevölkerung in der Vojvodina aus ca. einem Drittel Deutscher, einem Drittel Ungarn und einem Drittel anderer Nationalitäten, von denen die Serben ca. ein Drittel ausmachten, zusammengesetzt hatte. 1990 waren es dann schon 43% Serben und 47% andere Minderheiten und im Jahre 2009 sind es bereits 66% Serben. Wie groß der Anteil der Deutschen heute ist, kann man nicht genau sagen, da viele ihre Identität verschweigen oder sich als Ungarn ausgeben. Offiziell geht man aber von 3.400 Deutschen aus. Wir hatten ein paar sehr informative Stunden im Parlament und die wirklich sehr freundlichen und engagierten Frauen erzählten uns einiges von ihren Aktivitäten. Eines ihrer nächsten Projekte

ist ein „Toleranzcamp der Donauländer“, zu dem Jugendliche zwischen 17 und 27 eingeladen werden, um einander kennen zu lernen, Freundschaften zu schließen, Vorurteile abzubauen und so einen kleinen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten.

Die rührige Dusanka entließ uns jedoch nicht, ohne vorher noch einige Telefonate für uns geführt zu haben, so z.B. mit dem Ortsvorsteher von Rudolfsgnad, den wir an diesem Abend noch besuchen wollten, und auch mit Herrn Andreas Burgermeier, dem Präsidenten des Nationalrates

der Deutschen Minderheit in der Vojvodina, mit dem sie gleich einen Termin für ein Treffen mit uns vereinbarte.

Also saßen wir nur wenige Stunden nach unserem Besuch im Parlament mit Herrn Burgermeier in einem Cafe am Hauptplatz von Neusatz und auch er erzählte uns viel Interessantes über das Leben der Deutschen in der Vojvodina. Obwohl er auch mit einer Deutschen verheiratet ist und recht gut deutsch spricht, war ihm doch die ungarische Sprache viel vertrauter und immer wieder wechselte unsere Unterhaltung ins Ungarische. Gegen Abend wurde ich immer aufgeregter, denn nun stand der Besuch in Rudolfsgnad, dem Geburtsort meines Vaters, bevor. In Neusatz kauften wir auf dem Markt noch Blumen und machten uns auf den Weg. Unser Ziel war das Haus vom Ortsvorsteher Radoslav Jocic, über dessen Lage wir nur eine sehr wage Wegbeschreibung hatten: Hauptstraße, das fünfte Haus auf der linken Seite. Bei strömendem Regen und dunklen Wolken, so ganz grau in grau, sah Rudolfsgnad noch viel trostloser aus, als ich es in Erinnerung hatte.

Wie vorher schon erwähnt war ich ja vor vielen Jahren schon einmal hier und damals war es mir mit Hilfe einer Tante gelungen, das Geburts- und Elternhaus meines Vaters ausfindig zu machen. Das alte serbische Ehepaar, dem das Haus damals gehörte, lud mich sogar ein, bei ihnen zu übernachten. So habe ich wirklich damals zwei Nächte im Elternhaus meines Vaters verbracht, was mir sehr viel bedeutete und für mich ein unvergessliches Erlebnis war.

Nun kam ich also bereits zum zweiten Mal an den Ort, an dem mein Vater und Tausende unserer Landleute so viel Schreckliches und großes Elend erleiden mussten. Nach kurzem Suchen fanden wir das Haus Nr. 5 tatsächlich und wurden bereits von der ganzen Familie Jocic – Radoslav, seiner Frau, sener zwei Töchter und seinem Sohn – erwartet. Bei Kaffee und Kuchen plauderten wir ein wenig und lernten uns kennen – die Konversation fand auf Russisch und Serbisch statt – bevor Radoslav und die Tochter mit uns auf die Teletschka fuhren.

Als wir die kerzengerade Straße zu dem Massengrab hinausfuhren, sagte mein Mann: „Hier ist Dein Vater mit dem Pferdewagen rausgefahren“ und ich musste ständig daran denken, wie mein Vater – selbst noch ein Kind – hier jahrelang mithelfen musste, tote Kinder und alte Menschen ins Massengrab zu karren.

An der Gedenkstätte angekommen, legten wir die Blumen nieder und gedachten der vielen tausend unschuldigen Toten, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten.

Anschließend fuhren wir noch auf den Friedhof in Rudolfsgnad, wo sich auch eine kleine Gedenkstätte und eine leider geschlossene Kapelle befindet. Der Friedhof war in seiner Gesamtheit sehr verwahrlost aber der deutsche Teil war derart zugewachsen, dass man nicht einmal einen Schritt hinein setzen konnte. Ich war sehr aufgewühlt, weil ich immer an die Geschehnisse in Rudolfsgnad vor sechzig Jahren denken musste. Nach diesen deprimierenden Besuchen lud uns die Familie Jocic noch zum Fischessen in ein Restaurant am Donauufer in Titel ein. Wir aßen gut und unterhielten uns sehr nett in unserem Sprachmix, trotzdem habe ich mir vorgenommen, vor meinem nächsten Besuch in der Vojvodina serbisch zu lernen, da das Gespräch auf die Dauer doch sehr anstrengend und mühsam war.

Am nächsten Tag hatten wir mit einer Fremdenführerin eine professionelle Stadtbesichtigung in Neusatz und Peterwardein bevor wir dann ins Vojvodina-Museum gingen, um uns die Ausstellung „Daheim an der Donau – Zusammenleben der Serben und Deutschen in der Vojvodina“ anzusehen. Über zwei Stunden verbrachten wir in der, unserer Meinung nach, sehr gut gestalteten und sehr berührenden Ausstellung. Ich war sehr bewegt und konnte oft die Tränen nicht zurückhalten, was in diesen Tagen in der Heimat meiner Eltern ziemlich oft der Fall war. Es tut mir übrigens sehr leid, dass diese wunderbare Ausstellung in Österreich nicht gezeigt wird.

Mit dem Museumsbesuch war unsere Zeit in Neusatz zu Ende. Bevor wir die Stadt verließen, gingen wir nochmals auf den Markt und kauften bei einer alten Zigeunerin Blumen, da wir beschlossen hatten, nochmals in Rudolfsgnad vorbeizufahren, um die ein wenig verwahrloste Gedenkstätte von Unkraut zu befreien und Rudolfsgnad auch einmal bei Sonnenschein zu sehen. Auch suchte ich bei dieser Gelegenheit das Elternhaus meines Vaters, das leider jedoch nicht mehr stand.

Nach Durchführung der Arbeiten und einer Gedenkminute fuhren wir noch ca. eine halbe Stunde bis zum Geburts- und Heimatort meiner geliebten, leider viel zu früh verstorbenen Mutter, nach Sigmundfeld. Dieses Dörfchen war eine Überraschung für uns, weil es viel gepflegter und schöner war, als Rudolfsgnad.

 

Auch dort gingen wir auf den Friedhof und hier war das Erlebnis noch drastischer für uns. Neben dem intakten und sehr frequentierten serbischen Friedhof lag der völlig verwahrloste deutsche Friedhof. Wir bahnten uns einen Weg durch das fast meterhohe Gestrüpp, aus dem oft nur da und dort einige Kreuzspitzen der Grabsteine hervorlugten, stapften auf den zerfallenen Gräbern herum und ich fand viele mit der Aufschrift „Springer“, die sicher entfernten Vorfahren von mir als letzte Ruhestätte dienten, da meine Mutter Evi ja eine geborene Springer war.

Nach unserem Besuch in Sigmundfeld fuhren wir in die nur 8 km entfernte Stadt Betschkerek, wo auch mein Vater einige Zeit lebte und in die Schule ging. In dem sehr hübschen, kleinen Städtchen trafen wir am Abend Herrn Ing. Erwin Buchecker vom deutschen Verein in Betschkerek. Der sehr freundliche und energiegeladene Herr Buchecker machte mit uns einen Stadtspaziergang, mit dem Ziel, die ehemalige Schule meines Vaters zu finden. Er erzählte uns sehr viel vom Leben in seiner Heimatstadt, in der er sich sehr wohlfühlt. Auch Herr Buchecker sprach sehr gut deutsch, trotzdem konnte er aber noch besser ungarisch.

Mit dem Besuch in Betschkerek war unsere Reise in die Vojvodina auch schon wieder zu Ende und wir ließen unseren Besuch in Serbien mit einem dreitägigen Aufenthalt in Belgrad bei unserem Freund Zarko, einem Historiker, der uns auf sehr interessante Weise die Geschichte Serbiens näherbrachte, ausklingen.

In Belgrad trafen wir auch den exzellent deutsch sprechenden Professor Zoran Ziletic, der sich schon seit langem mit der leidvollen Geschichte der Donauschwaben beschäftigt.

Für mich war die Reise in die Heimat meiner Eltern interessant, berührend, traurig und aufwühlend zugleich. Ich habe viele nette Menschen kennen gelernt, die uns viel Interessantes erzählt haben und ich habe festgestellt, dass ich mit meiner Vielsprachigkeit, die in der Heimat meiner Eltern seit Jahrhunderten Tradition hat, ein echtes Kind der Vojvodina bin!