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Das Land Oberösterreich würdigte anlässlich des Gedenkjahres 2005 den Beitrag der Heimatvertriebenen zur Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik. Die Dankesworte sprach Dr. Georg Wildmann.

Linz, Landhaus, 25. Oktober 2005

Oberösterreich hat im Gedenkjahr 2005 auf die Heimatvertriebenen nicht vergessen. Hierfür dürfen wir, das sind die heute Geehrten und deren Landsmannschaften, herzlich danken. Auf Bundesebene hat man in diesem denkwürdigen Jahr der Rückschau wenig  über uns gehört.

I.

Wenn wir Heimatvertriebenen in diesem Jahr auf 1945 zurückblicken, dann steht für uns nicht die Freude über Befreiung und Neubeginn im Vordergrund. Stärker prägt uns das Bewusstsein der Katastrophe. Für uns, die Sudeten- und Karpatendeutschen, die Rumäniendeutschen  sowie die Donauschwaben Ungarns und Jugoslawiens, war 1945 das größte Katastrophenjahr unserer Geschichte. Für viele der hier Anwesenden drängt sich die Erinnerung an Not, Tod der Angehörigen, Deportation, Zwangsarbeit, Vermögensberaubung  und Heimatverlust auf.

In den ersten Wochen des Jahres 1945 befanden sich rund 112.000 Donauschwaben und Siebenbürger Sachsen aus Rumänien, Ungarn und Jugoslawien auf dem Weg zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Für alle, die durchhielten, eine fünfjährige Arbeitssklaverei.

Die Zeit der Errichtung der Zweiten Republik war bei uns in Jugoslawien die Zeit der Errichtung der großen Todeslager. Die wilde Vertreibung der Sudentendeutschen war schon vor dem Beginn der Potsdamer Konferenz in vollem Gang. Von Beneš veranlasst, von Stalin zynisch kommentiert und durchgesetzt.

Während sich hier das Prinzip Freiheit ankündigte, erlitten die meisten von uns das Prinzip Terror und standen unter dem Vorwurf der Kollektivschuld.

Die Niederlassung in Oberösterreich hat für 80.000 von uns fürs Erste zwar nicht die Not, wohl aber den Schrecken beendet und dann allmählich das Gefühl gegeben, eine neue Heimat zu haben. Wir konnten Fleiß, Verlässlichkeit und altösterreichischen Bürgersinn einbringen. Oberösterreich war unter den Bundesländern wohl am meisten geeignet, eine größere Anzahl von Volksdeutschen wirtschaftlich zu integrieren. Und dass diese Aufnahmefähigkeit des Landes von allen Landeshauptmännern und den meisten Bürgermeistern auch umgesetzt wurde, dafür sind wir in dieser Stunde besonders dankbar.

Wir sind keine absolut Fremden. Wir stammen aus den Lebenswelten, die zum alten Kaiserreich Österreich und später Österreich-Ungarn gehörten – es hat  uns also auch  altösterreichisches Kulturmilieu geprägt. Wir zählten in der Zwischenkriegszeit fünfeinhalb Millionen Seelen. Unsere bedeutendsten Politiker, Dichter, Wissenschaftler besaßen und besitzen eine weltweite Ausstrahlung.

Die Namen Kudlich, Renner, Körner, Schärf, Berta von Suttner, Stifter, Rilke, Fussenegger, Lenau, Semmelweiß, Wegscheider, Müller-Guttenbrunn, Bruckenthal, Oberth, Fronius, Hummel, Franz Schmidt mögen eine Vorstellung vermitteln.

II.

Man kann davon ausgehen, dass etwa 200.000 Volksdeutsche  durch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse nach Oberösterreich gelangten und sich hier zumindest vorübergehend aufhielten. Von ihnen ließen sich ungefähr 80.000 in diesem Bundesland endgültig nieder. Das entsprach Ende der fünfziger Jahre etwa 8 Prozent der Gesamtbevölkerung.  Nach Repatriierung der Fremd- und Zwangsarbeiter bildeten die Volksdeutschen die einzige bedeutende Arbeitkraftreserve des Landes, dessen Wirtschaftsstruktur sich mit 1938 und in den ersten Nachkriegsjahren grundlegend änderte. Die maßgebenden Ämter merkten bald, dass ohne die Arbeitsleistung der Heimatvertriebenen der Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung Oberösterreichs schwer gehemmt würden. Die Landwirtschaft, die Bauwirtschaft und die in der NS-Zeit gegründeten Großbetriebe konnten nur mit Hilfe der heimatvertriebenen Arbeitskräfte ihre Aufgabe erfüllen.

III.

In einer Zeit, in der in unserer Gesellschaft zu wenige Kinder geboren werden, wird es schon in zehn Jahren – und wohl auch in Oberösterreich - zu wenige Arbeitskräfte geben. Es bleibt also kaum eine andere Möglichkeit, als Zuwanderer ins Land zu lassen. Dabei urgiert das gesellschaftspolitische Problem der Integration. Wir heimatvertriebene Altösterreicher deutscher Muttersprache haben mit unserer Integration in Oberösterreich das Grundmuster einer friedlichen Integration vorgelebt:  Wir haben die Kultur dieses Landes als unsere Leitkultur akzeptiert.  Und dasselbe würden wir einer jeden Migrantengruppe empfehlen.

Die Akzeptanz der Leitkultur unseres neuen Heimatlandes hat gezeigt, dass es eine fruchtbare Symbiose zwischen Mitgebrachtem und Einheimischem geben kann. Die Treue zum alten Brauchtum, unser Gemeinschaftssinn und unser Vereinsleben haben sich als eigener Integrationsfaktor erwiesen und es vielen ermöglicht, sich in der neuen Heimat wohlzufühlen.  Das Leitbild unserer Identität und unserer geglückten Integration müsste daher lauten: Wir sind Oberösterreicher mit donauschwäbischen, sudetendeutschen, siebenbürgisch-sächsischen, buchenländischen Identitätsmerkmalen. Und dies ist besser als eine völlige Assimilation. Ich glaube, wir haben damit auch das Muster einer friedlichen europäischen Gesellschaftsutopie vorgelebt.

IV.

Noch ein Wort zum Verhältnis zu unseren alten Heimatländern:

Die Siebenbürger Sachsen haben als Landsmannschaft, die auf die in der Heimat  verbliebenen Landsleuten Rücksicht nehmen musste, stets einen geordneten Dialog mit den rumänischen Politikern praktiziert und haben dadurch den Freiraum für kulturelle Aktivitäten und humanitäre Hilfsaktionen offen halten können. Oberösterreich hat sich an solchen Hilfsaktionen beteiligt und dafür gebührt dem Bundesland und ihnen, Herr Landeshauptmann, in dieser Stunde der Dank.

Die Donauschwaben erfahren gegenwärtig eine gewisse moralische Rehabilitation von Seiten Kroatiens und Serbiens, während sich die in Aussicht gestellte materielle Entschädigung momentan zu einem Behandlungsmarathon auf parlamentarischer und Beamtenebene entwickelt. Ein guter Teil der Erlebnisgeneration dürfte inzwischen eine innere Absage an eine angemessene Entschädigung vollzogen haben. Es geht ihr daher  um eine andere Heilung des Vertreibungsunrechts, um eine Heilung in Form eines aufklärenden Dialogs. Er soll auf die historische Wahrheit ausgerichteten sein, auf eine Kultur der Erinnerung und auf einem würdevollen Umgang mit den Opfern und den Opferstätten. Sie, Herr Landeshauptmann, haben sich für eine Aufnahme von Beziehungen zu unseren vormaligen Heimatländern offen gezeigt. Ich denke da u. a. an den Empfang der Delegation aus der Wojwodina. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar.

Für die Sudeten- und Karpatendeutschen sind Grundsatzfragen des Menschenrechts noch immer offen. Jetzt findet sich für sie kein Brüsseler Anwalt mehr für dieses Anliegen und es fehlt von Seiten der offiziellen Prager Stellen die Gesprächsbereitschaft hierüber und ebenso die  Distanzierung Prags vom unseligen Prinzip der Kollektivschuld.

Das Beharren der Sudetendeutschen auf einem schärferen Gerechtigkeitsbegriff sollte man akzeptieren. Der Protest gegen das Sich-Abfinden mit der sog. Nachkriegsordnung hat, so meine ich, - gesamteuropäisch gesehen - den guten Sinn, wie ein öffentliches Gewissen zu fungieren. Man tut dem europäischen Wertesystem und den Menschenrechten nichts Gutes, wenn man von ihren Anforderungen konfliktscheu und resignativ abrückt. Da sind wir dankbar, dass Sie, Herr Landeshauptmann, neulich die Beneš-Dekrete als „offene Wunden“ und als einen „in Gesetze gegossenen Nationalismus“ bezeichnet haben, der der Friedensordnung der Europäischen Union widerspricht.

V.

Wir Landsmannschaften haben vor 55 Jahren in der Charta der Heimatvertriebenen erklärt: „Wir verzichten auf Rache und Vergeltung“. Wir haben einem gewaltsamen Revanchismus abgeschworen und dies bis heute durchgehalten. Und wenn wir auf die 60 Jahre unseres Hierseins in Oberösterreich zurückschauen, so dürfen wir - im Gedenkjahr  Adalbert Stifters - mit vollem Recht sagen: Wir haben nach dem Gesetz gelebt und gewirkt, das unser böhmisch-oberösterreichischer Landsmann als das kosmische Grundgesetz angesehen hat, nach dem „Sanften Gesetz“.

Wir schätzen es sehr, dass Sie dies, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, in diesem Gedenkjahr zu bedenken wussten und danken Ihnen, dass Sie unser Hineinwachsen in ein neues Heimatland nach dem „sanften Gesetz“ durch die Ehrungen in dieser schönen Stunde gewürdigt haben.

Prof. Dr. Georg Wildmann